»Du bist verruckt!«
»Mag sein, aber …« Aledis wusste, was sie sagte. Am Abend zuvor hatte ihre Schwester sie verunsichert, doch heute wurde ihr das nicht gelingen. Sie beobachtete Arnau, wartete den geeigneten Moment ab, und als niemand sie uberraschen konnte, trat sie ganz nahe an ihn heran, so nahe, dass sie den Geruch seines Korpers wahrnehmen konnte.
»Hallo, Arnau.«
Es war ein schlichter Gru?, begleitet von einem zartlichen Blick. Sie stand so dicht neben ihm, dass sie ihn beinahe beruhrte. Und Arnau errotete erneut, wich ihrem Blick aus und ging ihr aus dem Weg. Als sie ihn weggehen sah, lachelte Aledis, stolz auf eine Macht, derer sie sich bislang nicht bewusst gewesen war.
»Morgen wirst du es sehen«, sagte sie zu ihrer Schwester.
Die Anwesenheit der neugierigen Alesta brachte sie dazu, ihr kleines Geplankel noch weiter zu treiben. Es konnte nicht schiefgehen. Als Arnau am Morgen das Haus verlassen wollte, lehnte sich Aledis in den Turrahmen und verstellte ihm den Weg. Sie hatte es in Gedanken tausendmal durchgespielt.
»Warum willst du nicht mit mir sprechen?«, fragte sie mit zuckersu?er Stimme, wahrend sie ihm erneut in die Augen sah.
Sie war selbst uberrascht uber ihre Kuhnheit. Sie hatte sich diesen schlichten Satz so oft vorgesagt, wie sie sich gefragt hatte, ob sie es wohl fertigbrachte, ihn auszusprechen, ohne ins Stottern zu kommen. Arnau wandte sich instinktiv Aledis zu, wahrend die ubliche Rote auf seinen Wangen erschien. Hinaus konnte er nicht, aber er wagte es auch nicht, Aledis anzusehen.
»Ich … ich …«
»Du, du, du«, unterbrach ihn Aledis, die nun sicherer wurde. »Du weichst mir aus. Fruher haben wir geredet und gelacht, und wenn ich jetzt mit dir zu sprechen versuche …«
Aledis straffte ihren Korper, so weit es ihr nur moglich war, und ihre jungen, festen Bruste zeichneten sich deutlich unter dem Kittel ab. Arnau sah sie, und alle Steine des koniglichen Steinbruchs zusammen hatten seinen Blick nicht von dem ablenken konnen, was Aledis ihm dort darbot. Ein Schauder lief ihm den Rucken hinunter.
»Madchen!«
Die Stimme von Eulalia, die die Treppe hinunterkam, brachte sie alle in die Realitat zuruck. Aledis riss die Tur auf und verschwand nach drau?en, bevor ihre Mutter das Erdgeschoss erreichte. Arnau sah Alesta an, die die Szene mit offenem Mund von der Kuche aus verfolgt hatte, und verlie? gleichfalls das Haus. Aledis war bereits verschwunden.
An diesem Abend tuschelten die Madchen miteinander, ohne Antworten auf die Fragen zu finden, die die neue Erfahrung aufgeworfen hatte und die sie mit niemandem teilen konnten. Doch wenn sich Aledis einer Sache sicher war, dann war es die Macht, die ihr Korper auf Arnau ausubte. Auch wenn sie nicht wusste, wie sie es ihrer Schwester erklaren sollte. Es war ein begluckendes Gefuhl, das sie vollig erfullte. Sie fragte sich, ob wohl alle Manner so reagierten, konnte sich aber keinen anderen vorstellen als Arnau. Niemals ware sie auf die Idee gekommen, sich gegenuber Joan oder einem der Gerberlehrlinge, mit denen Simo befreundet war, so zu verhalten. Allein die Vorstellung … Doch bei Arnau war es anders. Etwas war mit ihr geschehen.
»Was ist blo? mit dem Jungen los?«, fragte Josep, der Zunftmeister, Ramon.
»Ich wei? es nicht«, antwortete dieser ehrlich.
Die beiden Manner sahen zu den Lastkahnen hinuber. Dort stand Arnau und verlangte mit gro?er Geste, dass man ihm eine der schwersten Lasten aufburdete. Als er seinen Willen durchgesetzt hatte, sahen Josep, Ramon und die anderen Zunftbruder ihn mit unsicheren Schritten davongehen, die Lippen zusammengepresst, das Gesicht vor Anstrengung verzerrt.
»Lange halt er dieses Tempo nicht durch«, stellte Josep fest.
»Er ist jung«, versuchte Ramon ihn zu verteidigen.
»Er halt das nicht durch.«
Alle hatten es bemerkt. Arnau forderte die schwersten Bundel und die schwersten Steine und schleppte sie, als ginge es um sein Leben. Er rannte beinahe zur Ausgabestelle zuruck und forderte erneut schwerere Lasten, als fur ihn gut waren. Am Ende des Arbeitstages schlurfte er erschopft zu Peres Haus.
»Was ist los, Junge?«, erkundigte sich Ramon am nachsten Tag, als sie gemeinsam Waren zu den stadtischen Lagerhausern trugen.
Arnau gab keine Antwort. Ramon wusste nicht, ob er schwieg, weil er nicht sprechen wollte oder weil er aus irgendeinem Grund nicht sprechen konnte. Erneut war sein Gesicht schmerzverzerrt wegen der schweren Last, die er auf seinen Schultern trug.
»Wenn du ein Problem hast, konnte ich …«
»Nein, nein«, brachte Arnau heraus. Wie sollte er ihm erzahlen, dass sich sein Korper vor Verlangen nach Aledis verzehrte? Wie sollte er ihm erzahlen, dass er nur dann Ruhe fand, wenn er immer schwerere Lasten auf seinen Schultern trug, bis sein Geist nur noch danach verlangte, ans Ziel zu kommen, und er daruber ihre Augen verga?, ihr Lacheln, ihre Bruste, ihren ganzen Korper? Wie sollte er ihm erzahlen, dass er jedes Mal, wenn Aledis ihr Spiel mit ihm trieb, die Kontrolle uber seine Gedanken verlor und er sie nackt neben sich liegen sah und sich vorstellte, wie sie ihn liebkoste? Dann erinnerte er sich an die Worte des Pfarrers uber verbotene Beziehungen. »Sunde! Sunde!«, mahnte dieser seine Glaubigen mit fester Stimme. Wie sollte er ihm erzahlen, dass er erschopft nach Hause kommen wollte, um todmude auf sein Lager zu fallen und trotz der Nahe des Madchens Schlaf zu finden?
»Nein, nein«, wiederholte er. »Danke, Ramon.«
»Er wird zusammenbrechen«, behauptete Josep bei Feierabend noch einmal.
Diesmal wagte Ramon nicht, ihm zu widersprechen.
»Findest du nicht, dass du zu weit gehst?«, fragte Alesta ihre Schwester eines Abends.
»Warum?«
»Wenn Vater davon erfahrt …«
