So kam es, dass sich Simo sehr zuruckhielt, wenn Arnau oder Joan kamen, obwohl er alter war als die beiden und eigentlich auf seine Schwestern aufpassen sollte. Die beiden Madchen genossen die Freiheit, die ihnen verwehrt blieb, wenn ihre Eltern da waren.

»Machen wir einen Spaziergang am Strand!«, schlug Alesta eines Tages vor.

Simo wollte sich weigern. Am Strand spazieren gehen … Wenn sein Vater sie sah!

»Einverstanden«, sagte Arnau.

»Es wird uns guttun«, pflichtete Joan bei.

Simo schwieg. Zu funft gingen sie hinaus in die Sonne, Aledis neben Arnau, Alesta neben Joan, Simo als Letzter hinterdrein. Die Madchen lie?en ihre Haare im Wind flattern, der ihre weiten Kittel fest gegen ihre Korper presste, sodass sich die Bruste durch den Stoff abzeichneten.

Schweigend blickten sie aufs Meer hinaus oder gruben ihre Fu?e in den Sand, bis sie auf eine Gruppe untatiger Bastaixos trafen. Arnau winkte ihnen zu.

»Soll ich sie dir vorstellen?«, fragte er Aledis.

Das Madchen sah zu den Mannern heruber. Alle starrten sie an. Warum glotzten sie so? Mein Gott, sie schienen durch den Stoff ihres Kittels hindurchzusehen! Das Madchen errotete und schuttelte den Kopf, doch Arnau ging bereits zu ihnen. Aledis kehrte um und Arnau blieb auf halbem Wege stehen.

»Lauf ihr hinterher, Arnau«, horte er einen seiner Zunftbruder rufen.

»Lass sie nicht entwischen«, riet ihm ein Zweiter.

»Sie ist wirklich hubsch!«, urteilte ein Dritter.

Arnau beschleunigte seine Schritte, bis er Aledis eingeholt hatte.

»Was hast du denn?«

Das Madchen gab keine Antwort. Sie wandte ihr Gesicht ab und hatte die Arme vor der Brust verschrankt, aber sie ging nicht nach Hause. So liefen sie nebeneinanderher, nur begleitet vom Rauschen der Wellen.

20

Als sie an diesem Abend gemeinsam am Herd sa?en und a?en, schenkte das Madchen Arnau eine Sekunde langer Beachtung als notig, eine Sekunde, in der sie ihre wunderschonen braunen Augen auf ihn heftete.

Eine Sekunde, in der Arnau wieder das Meer rauschen horte, wahrend sich seine Fu?e in den warmen Sand gruben. Er warf den Ubrigen einen Blick zu, um zu sehen, ob einer von ihnen die Unvorsichtigkeit bemerkt hatte. Doch Gasto unterhielt sich weiter mit Pere, und niemand schien im Geringsten auf ihn zu achten. Niemand schien die Wellen zu horen.

Als Arnau es wagte, Aledis erneut anzusehen, hatte sie den Kopf gesenkt und stocherte mit ihrem Loffel im Essen herum.

»Iss, Madchen!«, rief Gasto sie zur Ordnung, als er sah, dass sie mit dem Loffel im Essen herumruhrte, ohne ihn zum Mund zu fuhren. »Mit Essen spielt man nicht.«

Gastos Worte brachten Arnau in die Realitat zuruck, und wahrend des restlichen Essens schenkte Aledis Arnau nicht nur keinen Blick mehr, sondern wich ihm regelrecht aus.

Die seltenen Male, die sie sich in den nachsten Tagen begegneten, hatte Arnau nur zu gerne erneut Aledis' braune Augen auf sich ruhen gespurt. Doch das Madchen ging ihm aus dem Weg und hielt den Blick gesenkt.

»Auf Wiedersehen, Aledis«, sagte er eines Morgens gedankenverloren zu ihr, als er die Tur offnete, um zum Strand hinunterzugehen.

Der Zufall wollte es, dass sie in diesem Moment allein waren. Er wollte die Tur hinter sich zuziehen, doch etwas trieb ihn dazu, sich noch einmal nach dem Madchen umzudrehen. Und da stand sie neben dem Herd, aufrecht und wunderschon, und ihre braunen Augen waren eine Einladung.

Endlich! Arnau errotete und senkte den Blick. Verwirrt versuchte er die Tur zuzuziehen, doch erneut hielt er mitten in der Bewegung inne. Aledis stand immer noch dort und lockte ihn mit ihren gro?en braunen Augen. Sie lachelte. Aledis lachelte ihm zu.

Seine Hand glitt von der Turklinke, er stolperte und ware beinahe hingefallen. Er wagte es nicht, sie erneut anzusehen, und lief leichtfu?ig in Richtung Strand. Die Tur lie? er offen.

»Er ist verlegen«, flusterte Aledis ihrer Schwester an diesem Abend zu, bevor ihre Eltern und ihr Bruder sich schlafen legten. Sie lagen nebeneinander auf der Matratze, die sie sich teilten.

»Warum sollte er verlegen sein?«, fragte diese. »Er ist ein Bastaix. Er arbeitet am Strand und schleppt Steine fur die Jungfrau. Du bist nur ein Kind. Er ist ein Mann«, setzte sie mit einem Anflug von Bewunderung hinzu.

»Du bist selbst ein Kind«, gab Aledis zuruck.

»Ah, da spricht die Frau!«, entgegnete Alesta und drehte ihr den Rucken zu. Es war der Satz, den ihre Mutter immer benutzte, wenn eine von ihnen beiden etwas wollte, was ihrem Alter nicht angemessen war.

»Schon gut, schon gut«, gab Aledis zuruck.

War sie etwa keine Frau? Aledis dachte an ihre Mutter, an die Freundinnen ihrer Mutter, an ihren Vater. Vielleicht hatte ihre Schwester recht. Weshalb sollte Arnau, ein Bastaix, der ganz Barcelona seine Verehrung fur die Jungfrau unter Beweis gestellt hatte, verlegen sein, weil sie, ein kleines Madchen, ihn ansah?

»Er ist verlegen. Ich schwor's dir, er ist verlegen«, kam Aledis am nachsten Abend auf das Thema zuruck.

»Du bist wirklich lastig! Warum sollte Arnau verlegen sein?«

»Ich wei? es nicht«, antwortete Aledis, »aber es ist so. Er traut sich nicht, mich anzusehen. Er wird verlegen, wenn ich ihn ansehe. Er zuckt zusammen, wird rot, geht mir aus dem Weg …«

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату