»Ist etwas, Aledis?«

Sie krummte sich, presste die Hande auf den Bauch, und diesmal musste sie die Ubelkeit nicht vortauschen. Sie war zu schnell gerannt, ihr Herz jagte, und ihr Magen verkrampfte sich. Arnau trat zu ihr und fasste sie bei den Armen. Die Beruhrung lie? das Madchen erschaudern.

»Was hast du denn?«

Aledis hob das Gesicht und sah sich Arnaus immer noch schwei?nasser Brust gegenuber. Sie sog seinen Geruch ein.

»Was hast du?«, fragte Arnau noch einmal und versuchte sie aufzurichten. Aledis fiel ihm in die Arme.

»Mein Gott!«, flusterte sie.

Sie schmiegte ihren Kopf an seinen Hals und begann ihn zu kussen.

»Was machst du da?«

Arnau versuchte sie wegzuschieben, doch das Madchen klammerte sich an ihn.

Als Stimmen hinter einer Wegbiegung zu horen waren, erschrak Arnau. Die Bastaixos! Wie sollte er ihnen erklaren …? Vielleicht war auch Bartolome dabei. Wenn sie ihn so fanden, in inniger Umarmung mit Aledis, die ihn kusste … Sie wurden ihn aus der Zunft ausschlie?en! Arnau fasste Aledis um die Taille, hob sie hoch und verlie? den Weg, um sich hinter einem Gebusch zu verstecken. Dort hielt er ihr den Mund zu.

Die Stimmen kamen naher und gingen vorbei, doch Arnau achtete nicht auf sie. Er setzte sich auf den Boden, Aledis auf seinem Scho?. Mit der einen Hand hielt er sie um die Taille gepackt, mit der anderen verschloss er ihr den Mund. Das Madchen sah ihn an. Diese wunderschonen Augen! Plotzlich merkte Arnau, dass er sie umarmte. Seine Hand ruhte auf Aledis' Bauch, und ihre Bruste drangten sich verlangend gegen ihn. Das Madchen atmete heftig. Wie viele Nachte hatte er davon getraumt, sie in seinen Armen zu halten? Wie viele Nachte hatte er sich in Gedanken ihren Korper ausgemalt? Aledis sah ihn nur an, blickte mit ihren gro?en, dunklen Augen bis tief in sein Innerstes.

Er nahm die Hand von ihrem Mund.

»Ich brauche dich«, horte er sie flustern.

Dann naherten sich ihre Lippen den seinen und kussten ihn, sanft, weich, voller Verlangen.

Arnau erschauderte.

Aledis zitterte.

Keiner der beiden sprach ein weiteres Wort.

24

Vor etwas uber zwei Monaten hatten Maria und Arnau in der Kirche Santa Maria del Mar geheiratet. Pater Albert hatte sie getraut, und alle Mitglieder der Zunft waren dabei gewesen, au?erdem Pere und Mariona sowie Joan, der bereits die Tonsur und die Kutte der Franziskaner trug. Mit der Aussicht auf hoheren Lohn, wie er den verheirateten Zunftmitgliedern zustand, entschieden sie sich fur ein Haus am Strand und richteten es mit Unterstutzung von Marias Familie und der vielen anderen, die dem jungen Paar helfen wollten, ein. Das Haus, die Mobel, das Geschirr, die Wasche, das Essen – Maria und ihre Mutter kummerten sich um alles und bestanden darauf, dass Arnau sich ausruhte. In der ersten Nacht gab sich Maria ihrem Mann ohne gro?e Leidenschaft, aber auch ohne Ziererei hin. Als Arnau am nachsten Morgen in aller Fruhe aufwachte, war das Fruhstuck bereits fertig: Eier, Milch, Pokelfleisch und Brot. Nicht anders war es am Mittag und am Abend, auch am nachsten und am ubernachsten Tag. Maria hatte stets das Essen fur Arnau bereitstehen. Sie zog ihm die Schuhe aus, wusch ihn und versorgte vorsichtig seine Schwielen und Wunden. Tag fur Tag fand Arnau alles vor, was sich ein Mann nur wunschen konnte: Essen, Sauberkeit, Zuwendung und den Korper einer jungen, hubschen Frau.

Es regnete in Stromen. Ein Unwetter verdunkelte den Himmel und Blitze zuckten durch die schwarzen Wolken und leuchteten uber dem Meer auf. Arnau und Bartolome standen am Strand. Sie waren durchnasst. Samtliche Schiffe hatten den gefahrlichen Hafen von Barcelona verlassen, um Schutz in Salou zu suchen. Der konigliche Steinbruch war geschlossen worden. An diesem Tag hatten die Bastaixos nichts zu tun.

»Wie geht es denn so, mein Junge?«, erkundigte sich Bartolome bei seinem Schwiegersohn.

»Gut. Sehr gut. Aber …«

»Gibt es ein Problem?«

»Es ist nur … Ich bin es nicht gewohnt, so gut behandelt zu werden wie von Maria.«

»So haben wir sie erzogen«, erklarte Bartolome zufrieden.

»Sie ist so …«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du die Heirat mit ihr nicht bereuen wirst.« Bartolome sah Arnau an. »Du wirst dich schon daran gewohnen. Genie?e einfach das Eheleben.«

Unterdessen hatten sie die Calle de las Dames erreicht, ein enges Gasschen, das direkt am Strand endete. Dort spazierten etwa zwei Dutzend Frauen im Regen auf und ab. Es waren Junge und Alte darunter, Hubsche und Hassliche, Gesunde und Kranke, doch alle waren sie arm.

»Siehst du die Frauen dort?«, bemerkte Bartolome. »Wei?t du, worauf sie warten?« Arnau schuttelte den Kopf. »An sturmischen Tagen wie heute, wenn die unverheirateten Kapitane der Fischerboote ihr ganzes seemannisches Konnen ausgeschopft und sich samtlichen Heiligen und der Muttergottes anvertraut haben und dennoch dem Sturm nicht entkommen sind, bleibt ihnen nur noch ein Mittel. Wenn es so weit ist, schwort der Bootsfuhrer vor Gott und seiner Mannschaft, die erste Frau zu heiraten, deren er ansichtig wird, wenn er an Land geht, sollte es ihm gelingen, sein Fischerboot und seine Manner heil in den Hafen zuruckzubringen. Verstehst du, Arnau?« Arnau sah erneut zu den Frauen hinuber, die unruhig die Stra?e auf und ab gingen, wahrend sie zum Horizont blickten.

»Es ist die Bestimmung der Frauen, zu heiraten und dem Mann zu dienen«, fuhr Bartolome fort. »So haben

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату