Am nachsten Morgen ging Aledis voller Verlangen an dem Arbeitsplatz des Lehrlings vorbei. Vor dem Tisch hielt sie unwillkurlich inne. Schlie?lich blickte der Lehrling einen Augenblick hoch. Sie wusste, dass der Junge sich beruhrt und dabei an sie gedacht hatte, und lachelte.

Am Nachmittag wurde Aledis in die Werkstatt gerufen. Dort erwartete sie der Gerbermeister, hinter dem Lehrling stehend.

»Meine Liebe«, sagte er zu ihr, als sie vor ihm stand, »du wei?t doch, dass ich es nicht mag, wenn man meine Lehrlinge ablenkt.«

Aledis betrachtete den Rucken des Jungen. Zehn feine, blutige Striemen zeichneten sich darauf ab. Sie gab keine Antwort. In dieser Nacht schlich sie nicht in die Werkstatt hinunter, auch nicht in der nachsten und ubernachsten. Doch dann begann sie wieder, sich erneut Nacht fur Nacht davonzustehlen, um ihren Korper zu liebkosen und dabei an Arnaus Hande zu denken. Er war alleine. Seine Augen hatten es ihr verraten. Sie musste ihn bekommen!

23

In Barcelona wurde immer noch gefeiert.

Es war ein bescheidenes Haus, wie die Hauser aller Bastaixos, obwohl dieses Bartolome gehorte, einem der Zunftmeister. Wie die meisten Bastaixos wohnte auch er in einer der engen Gassen, die von Santa Maria, der Plaza del Born oder dem Pia d'en Llull zum Strand fuhrten. Das Erdgeschoss, in dem sich der Herd befand, war aus Lehmziegeln gebaut, das nachtraglich errichtete Obergeschoss aus Holz.

Arnau lief das Wasser im Munde zusammen angesichts des Essens, das Bartolomes Frau zubereitete: Wei?brot aus Weizenmehl, Kalbfleisch mit Gemuse, das zusammen mit Speck vor den Augen der Gaste in einer gro?en Pfanne auf dem Herd brutzelte, gewurzt mit Paprika, Zimt und Safran. Dazu gab es Honigwein, Kase und su?e Kuchen.

»Was feiern wir?«, fragte Arnau. Ihm gegenuber am Tisch sa? Joan, zu seiner Linken Bartolome und zu seiner Rechten Pater Albert.

»Das wirst du noch erfahren«, antwortete der Pfarrer.

Arnau sah Joan an, doch dieser schwieg.

»Du wirst schon sehen«, bestatigte Bartolome. »Jetzt iss.«

Arnau zuckte ratlos mit den Schultern, wahrend Bartolomes alteste Tochter ihm einen Teller Fleisch und einen halben Laib Brot reichte.

»Meine Tochter Maria«, sagte Bartolome.

Arnau nickte, doch seine Aufmerksamkeit galt dem Teller.

Als das Essen vor den vier Mannern stand und der Pfarrer das Tischgebet gesprochen hatte, begannen sie schweigend zu essen. Bartolomes Frau, seine Tochter und vier weitere Kinder sa?en mit ihren Tellern auf dem Fu?boden, doch sie a?en lediglich den ublichen Eintopf.

Arnau kostete von dem Fleisch mit Gemuse. Welch unbekannte Genusse! Paprika, Zimt und Safran – das a?en normalerweise nur die Adligen und reichen Handler. »Wenn wir diese Gewurze entladen«, hatte ihm einer der Hafenschiffer einmal am Strand erzahlt, »dann schicken wir ein Sto?gebet zum Himmel. Wenn sie ins Wasser fallen oder verderben, hatten wir nicht genug Geld, um fur den Schaden aufzukommen. Der Kerker ware uns gewiss.« Er brach ein Stuck Brot und fuhrte es zum Mund. Dann ergriff er das Glas mit dem Honigwein. Aber warum sahen sie ihn so an? Die anderen beobachteten ihn, da war er sich sicher. Nur Joan blickte nicht vom Essen auf. Arnau widmete sich wieder dem Fleisch, doch er sah aus den Augenwinkeln, wie Joan und Pater Albert sich Zeichen gaben.

»Also, was ist hier los?« Arnau legte den Loffel hin.

Bartolome sah ihn an.

»Dein Bruder hat beschlossen, den Habit zu nehmen und in den Franziskanerorden einzutreten«, erklarte Pater Albert.

»Das ist es also.« Arnau erhob sein Weinglas und prostete Joan lachelnd zu. »Herzlichen Gluckwunsch! Das ist doch wunderbar!«

Doch Joan stie? nicht mit ihm an. Genauso wenig wie Bartolome und der Priester. Arnau zogerte, sein Glas immer noch erhoben. Was war hier los? Abgesehen von den vier kleineren Kindern, die ungeruhrt weitera?en, sahen ihn alle an.

Arnau stellte das Glas ab.

»Und?«, wandte er sich direkt an seinen Bruder.

»Ich kann nicht.« Arnau schaute uberrascht drein. »Ich will dich nicht alleine zurucklassen. Ich werde nur in den Orden eintreten, wenn ich wei?, dass du … dass du eine gute Frau an deiner Seite hast, die zukunftige Mutter deiner Kinder.«

Joan begleitete seine Worte mit einem Seitenblick auf Bartolomes Tochter, die ihr Gesicht verbarg.

Arnau seufzte.

»Du solltest heiraten und eine Familie grunden«, mischte sich Pater Albert ein.

»Du kannst nicht alleine bleiben«, erklarte Joan.

»Es ware eine Ehre fur mich, wenn du meine Tochter Maria zur Frau nahmest«, sagte Bartolome mit einem Blick auf seine Tochter, die sich verlegen an ihre Mutter schmiegte. »Du bist ein gesunder, flei?iger Mann, anstandig und gottesfurchtig. Ich biete dir eine gute Frau, der ich genugend Mitgift gabe, damit ihr euch eine eigene Wohnung suchen konntet. Au?erdem wei?t du ja, dass die Zunft ihren verheirateten Mitgliedern mehr zahlt.«

Arnau traute sich nicht, Bartolomes Blick zu folgen.

Вы читаете Die Kathedrale des Meeres
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату