Ein Schluchzen hallte uber den Strand.

Der Priester legte den Arm um Arnaus Schulter und spurte, wie der Junge von Weinkrampfen geschuttelt wurde. Dann nahm er auch Joan in den Arm. So standen die drei am Meer.

»Du wirst eine gute Frau finden«, sagte der Priester schlie?lich.

»Aber keine wie sie«, dachte Arnau.

 

DRITTER TEIL

DIENER DER LEIDENSCHAFT

21

Zweiter Sonntag im Juli 1339

Santa Maria del Mar

Barcelona

Vier Jahre waren vergangen, seit Gasto Segura dem Bastaix Arnau die Hand seiner Tochter verweigert hatte. Wenige Monate spater war Aledis mit einem alten Gerbermeister verheiratet worden, einem Witwer, der lustern uber die fehlende Mitgift des Madchens hinwegsah.

Arnau war nun achtzehn Jahre alt, gro?, kraftig und gut aussehend. In den vergangenen vier Jahren hatte er ganz fur die Zunft, Santa Maria del Mar und seinen Bruder Joan gelebt. Er hatte Waren und Steine geschleppt, in die Kasse der Bastaixos eingezahlt und andachtig an den Gottesdiensten teilgenommen. Aber er war nicht verheiratet, und die Zunftmeister sahen es mit Sorge, dass ein junger Mann wie er ledig blieb. Wenn er der Versuchung des Fleisches erlag, mussten sie ihn aus der Zunft ausschlie?en, und wie schnell war es geschehen, dass ein Bursche von achtzehn Jahren diese Sunde beging!

Doch Arnau wollte nichts von Frauen horen. Als der Pfarrer ihm mitgeteilt hatte, dass Gasto ihn nicht als Schwiegersohn akzeptiere, hatte Arnau aufs Meer hinausgeblickt. Seine Gedanken schweiften zu den Frauen, die es in seinem Leben gegeben hatte. Seine Mutter hatte er nie kennengelernt. Von seiner Tante Guiamona war er zunachst liebevoll aufgenommen worden, doch dann hatte sie ihm ihre Zuneigung entzogen. Habiba war unter Blut und Schmerzen aus seinem Leben verschwunden – noch immer gab es viele Nachte, in denen er davon traumte, wie Graus Peitsche auf ihren nackten Korper niederfuhr. Estranya hatte ihn wie einen Sklaven behandelt, Margarida ihn im Augenblick seiner gro?ten Erniedrigung verspottet. Und Aledis … Was lie? sich uber Aledis sagen? Durch sie hatte er den Mann in sich entdeckt, doch dann hatte sie ihn verlassen.

»Ich muss fur meinen Bruder sorgen«, hatte er den Zunftmeistern geantwortet, wenn das Thema zur Sprache kam. »Wie ihr wisst, hat er sich der Kirche verschrieben, um Gott zu dienen. Gibt es ein hoheres Ziel als dieses?«

Daraufhin waren die Zunftmeister verstummt.

So hatte Arnau in diesen vier Jahren ein ruhiges Leben gefuhrt, ganz auf seine Arbeit, die Kirche Santa Maria und vor allem Joan konzentriert.

Dieser zweite Julisonntag des Jahres 1339 war ein gro?er Tag fur Barcelona. Im Januar 1336 war Konig Alfons der Gutige in der graflichen Stadt gestorben, und nach den Osterfeierlichkeiten desselben Jahres war in Zaragoza sein Sohn Pedro gekront worden, der nun unter dem Titel Pedro III. von Katalonien, IV. von Aragon und II. von Valencia regierte.

In diesen fast vier Jahren zwischen 1336 und 1339 hatte der neue Herrscher der graflichen Stadt Barcelona, Hauptstadt Kataloniens, noch keinen Besuch abgestattet. Adlige wie Handler betrachteten diesen Unwillen des Konigs, der wichtigsten Stadt des Landes seine Ehre zu erweisen, mit Sorge. Die Abneigung des neuen Herrschers gegenuber dem katalanischen Adel war jedoch allgemein bekannt. Pedro III. entstammte der ersten Ehe des verstorbenen Alfons mit Teresa de Entenza, Grafin von Urgell und Vizegrafin von Ager. Teresa starb noch vor der Kronung ihres Mannes zum Konig, und Alfons heiratete in zweiter Ehe Leonor von Kastilien, eine ehrgeizige und grausame Frau, mit der er zwei Kinder hatte.

Konig Alfons hatte zwar Sardinien erobert, doch war er charakterschwach und leicht beeinflussbar, und schon bald erreichte Konigin Leonor, dass er ihren Kindern bedeutende Landereien und Titel zuerkannte. Ihr nachstes Ziel war die unerbittliche Verfolgung ihrer Stiefsohne, der Nachkommen Teresa de Entenzas, die in der Thronfolge ihres Vaters standen. Wahrend seiner acht Jahre wahrenden Herrschaft duldete Alfons der Gutige Leonors Angriffe auf den Infanten Pedro, der damals noch ein Kind war, und seinen Bruder Jaime, Graf von Urgell, ebenso wie sein katalanischer Hofstaat. Lediglich zwei katalanische Adlige, Pedros Taufpate Ot de Monteada sowie der Komtur von Montalban, Vidal de Vilanova, unterstutzten Teresa de Entenzas Sohne und rieten Konig Alfons und den Infanten zu fliehen, um nicht vergiftet zu werden. Die Infanten Pedro und Jaime beherzigten ihren Rat und versteckten sich in den Bergen bei Jaca, in Aragon. Sie gewannen die Unterstutzung des aragonesischen Adels und fanden, protegiert von Erzbischof Pedro de Luna, Zuflucht in Zaragoza.

Aus diesen Grunden brach die Kronung Pedros mit einer Tradition, die seit der Vereinigung des Konigreichs Aragon und des Prinzipats Katalonien bestand. Das aragonesische Zepter wurde in Zaragoza uberreicht, doch die Ubergabe des Prinzipats Katalonien, das dem Konig als Graf von Barcelona zustand, sollte auf katalanischem Boden stattfinden. Bis zur Thronbesteigung Pedros III. hatten die Herrscher zunachst ihren Schwur in Barcelona geleistet, um erst danach in Zaragoza gekront zu werden. Die Krone stand dem Konig als Herrscher Aragons zu, doch als Graf von Barcelona konnte er nur uber Katalonien herrschen, wenn er zuvor auf die Gesetze und die Verfassung Kataloniens geschworen hatte.

Fur die katalanischen Adligen war der Graf von Barcelona und Herrscher Kataloniens lediglich ein Primus inter pares . Das zeigte auch der Lehnseid, den sie ihm leisteten: »Wir, die wir ebenso hoch stehen wie Ihr, schworen Euch, die Ihr nicht mehr seid als wir, Euch als Konig und Souveran anzuerkennen, solange Ihr alle unsere Freiheiten und Gesetze achtet.« Als nun also Pedro III. zum Konig gekront werden sollte, wurde der katalanische Adel in Zaragoza vorstellig, um ihn aufzufordern, zuerst seinen Schwur in Barcelona zu leisten, wie es seine Vorganger getan hatten. Der Konig weigerte sich, worauf die Katalanen die Kronungsfeierlichkeiten verlie?en. Doch der Konig musste den Treueschwur der Katalanen entgegennehmen, vorher konnte er nicht regieren. Trotz der Proteste des Adels und der Obrigkeit Barcelonas beschloss Pedro der Prachtige, wie er sich nannte, dies in der Stadt Lerida zu tun. Im Juni 1336 nahm er den Lehnseid entgegen, nachdem er auf die katalanischen Gesetze geschworen hatte.

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