An diesem zweiten Julisonntag des Jahres 1339 besuchte Konig Pedro nun zum ersten Mal Barcelona, die Stadt, die er zuvor gedemutigt hatte. Drei Ereignisse fuhrten den Konig nach Barcelona: der Treueid, den ihm sein Schwager Jaime III. Konig von Mallorca, Graf von Roussillon und Sardinien und Herr von Montpellier, als Vasall der aragonesischen Krone leisten sollte; das Generalkonzil der kirchlichen Wurdentrager der Provinz Tarragona – zu der Barcelona kirchenrechtlich gehorte; sowie die Uberfuhrung der Gebeine der heiligen Martyrerin Eulalia aus der Kirche Santa Maria in die Kathedrale.

Die beiden ersten Ereignisse fanden in Abwesenheit des gemeinen Volkes statt. Jaime III. hatte ausdrucklich gefordert, seinen Lehnseid nicht vor dem Volk zu leisten, sondern im kleineren Rahmen in der Palastkapelle, lediglich in Gegenwart eines ausgewahlten Kreises von Adligen.

Das dritte Ereignis jedoch war ein offentliches Schauspiel. Adlige, Kirchenmanner und das gesamte Volk waren auf den Beinen – die einen als Zuschauer, die anderen, Privilegierteren, um den Konig und sein Gefolge zu begleiten, die nach einer Messe in der Kathedrale in feierlicher Prozession nach Santa Maria ziehen wurden, um dann mit den Gebeinen der Martyrerin zuruckzukehren.

Die ganze Strecke von der Kathedrale bis Santa Maria del Mar war von Menschen gesaumt, die ihrem Konig zujubeln wollten. Die Apsis von Santa Maria war bereits eingewolbt und es wurde nun an den Rippen des zweiten Jochs gearbeitet. Ein kleiner Teil der ursprunglichen romanischen Kirche stand noch.

Die heilige Eulalia hatte zur Romerzeit, im Jahre 303, den Martyrertod erlitten. Ihre Gebeine hatten zunachst auf dem romischen Friedhof geruht und dann in der Kirche Santa Maria de las Arenas, die uber der Nekropole errichtet wurde, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Ausubung des christlichen Glaubens erlaubte. Nach der Invasion der Araber hatten die Verantwortlichen der kleinen Kirche beschlossen, die Reliquien der Martyrerin zu verstecken. Als im Jahr 801 der frankische Konig Ludwig der Fromme die Stadt befreite, machte sich der damalige Barceloneser Bischof Frodoi auf die Suche nach den Gebeinen der Heiligen. Seit ihrer Auffindung ruhten sie in einem Schrein in der Kirche Santa Maria.

Obwohl die Kirche eingerustet war und uberall Steine und Baumaterial herumlagen, war Santa Maria fur das Ereignis prachtig herausgeputzt. Der Erzdiakon der Kirche, Bernat Rosell, erwartete gemeinsam mit den Mitgliedern des Baurats, Adligen, Benefiziaren und weiteren Kirchenleuten das konigliche Gefolge. Sie trugen ihre prachtigsten Kleider, die in allen Farben leuchteten. Die Julimorgensonne flutete durch die noch unvollendeten Gewolbe und Fenster und brach sich auf dem Gold und Geschmeide jener, die das Privileg besa?en, im Inneren der Kirche auf den Konig zu warten.

Die Sonne funkelte auch auf Arnaus glattpoliertem abgestumpften Dolch, denn neben diesen wichtigen Personlichkeiten waren au?erdem die einfachen Bastaixos anwesend. Einige, darunter auch Arnau, warteten vor der Sakramentskapelle, ›ihrer‹ Kapelle; andere standen Spalier am Hauptportal. Dieses befand sich neben dem Portal der alten romanischen Kirche, das noch als Eingang diente.

Die Bastaixos, diese ehemaligen Sklaven oder Macips de ribera , besa?en zahlreiche Privilegien in Santa Maria del Mar. Auch Arnau war in den letzten vier Jahren in ihren Genuss gekommen. Sie besa?en nicht nur die wichtigste Kapelle der Kirche, sie bewachten auch das Hauptportal. Ihre Messen wurden am Hauptaltar gefeiert, und ihr oberster Zunftmeister besa? den Schlussel zum Tabernakel mit dem Allerheiligsten. Bei der Fronleichnamsprozession trugen sie das Gnadenbild der Jungfrau und, auf etwas niedrigeren Sanften, die Heiligen Tecla, Caterina und Macia. Lag ein Bastaix im Sterben, so wurde die letzte Wegzehrung, ganz gleich, zu welcher Tages- oder Nachtzeit, feierlich unter einem Baldachin durch das Hauptportal getragen.

An diesem Morgen passierte Arnau mit seinen Zunftbrudern die Kontrollen der koniglichen Soldaten, die den Weg des Gefolges absperrten. Ihm war bewusst, dass ihn die vielen Menschen beneideten, die sich am Wegesrand drangten, um den Konig zu sehen. Er, ein einfacher Lastentrager, betrat Santa Maria gemeinsam mit den Adligen und reichen Handlern, ganz so, als sei er einer von ihnen. Als er durch die Kirche zur Sakramentskapelle ging, standen ihm plotzlich Grau Puig, Isabel und seine drei Cousins gegenuber, allesamt in Seide gekleidet und mit Gold behangen.

Arnau zogerte. Die funf Puigs sahen ihn herablassend an. Mit gesenktem Blick ging er an ihnen vorbei.

»Arnau!«, horte er jemanden rufen, als er gerade an Margarida vorbei war. Hatte es ihnen nicht genugt, das Leben seines Vaters zu zerstoren? Wollten sie ihn noch einmal demutigen, vor seiner Zunft, in seiner Kirche?

»Arnau!«, horte er noch einmal.

Als er aufsah, stand Berenguer de Montagut vor ihm.

»Exzellenz«, sagte der Baumeister, an den Erzdiakon von Santa Maria del Mar gewandt, »darf ich Euch Arnau vorstellen, Arnau …«

»Estanyol«, stammelte Arnau.

»Arnau Estanyol. Der Bastaix, von dem ich Euch so viel erzahlt habe. Er hat schon Steine fur die Jungfrau geschleppt, als er noch ein Kind war.«

Der Kirchenmann nickte und hielt Arnau seinen Ring hin. Der Junge kniete nieder, um ihn zu kussen. Als er sich wieder erhob, klopfte ihm Berenguer de Montagut auf den Rucken. Arnau sah, wie sich Grau und seine Familie vor dem Pralaten und dem Baumeister verneigten, doch diese wurdigten sie keines Blickes und wandten sich anderen Adligen zu. Arnau fasste sich wieder, lie? die Puigs stehen und ging festen Schrittes davon, den Blick auf den Chorumgang gerichtet. Vor der Sakramentskapelle angekommen, gesellte er sich zu seinen Zunftbrudern.

Das Geschrei der Menge kundigte das Eintreffen des Konigs und seines Gefolges an: Konig Pedro III. mit seiner Gemahlin Maria, Konig Jaime von Mallorca mit Gemahlin, Konigin Elisenda, die betagte Witwe von Pedros Gro?vater Jaime, die Infanten Pedro Ramon Berenguer und Jaime – Onkel des Konigs die beiden Ersteren, der Letztere sein Bruder –, Kardinal Rodes, papstlicher Legat, der Erzbischof von Tarragona, Bischofe, kirchliche Wurdentrager, Adlige und Edelleute. Sie alle zogen in feierlicher Prozession durch die Calle de la Mar nach Santa Maria. Noch nie hatte man in Barcelona so viele bedeutende Personlichkeiten, so viel Luxus und Pracht gesehen.

Pedro III. genannt der Prachtige, wollte das Volk beeindrucken, das er uber drei Jahre mit Missachtung gestraft hatte. Und es gelang ihm. Die beiden Konige, der Kardinal und der Erzbischof schritten unter einem Baldachin, der von mehreren Bischofen und Adligen getragen wurde. Vor dem provisorischen Hauptaltar von Santa Maria empfingen sie aus den Handen des Erzdiakons der Kirche das Kastchen mit den Gebeinen der Martyrerin. Der Konig selbst trug den Reliquienschrein von Santa Maria zur Kathedrale, wo die Gebeine in einer eigens zu diesem Zwecke errichteten Kapelle unter dem Hauptaltar beigesetzt wurden.

22

Nach der Beisetzung der Gebeine

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