»Die Besiegten haben keine Frauen«, bemerkte der Troubadour von der Buhne aus. »Samtliche Frauen des Herzogtums Athen gehoren den Katalanen.«
Der Alte zogerte kurz, ein Moment, den die Gehilfen nutzten, um ihm das Madchen zu entrei?en und es unter dem Gejohle der Menge in die Reihe der Frauen zu stellen.
Wahrend der Troubadour in seiner Darstellung fortfuhr, den Almogavaren die athenischen Frauen ubergab und die Menge bei jedem neuen Paar, das aus ihrer Mitte ausgewahlt wurde, in Jubelrufe ausbrach, sahen sich Arnau und Aledis in die Augen. »Wie viel Zeit ist vergangen, Arnau?«, schienen ihn ihre dunklen Augen zu fragen. »Vier Jahre?« Arnau sah zu den
Erneut wurden Rufe laut. Alle Paare standen nun in einer Reihe, angefuhrt von Arnau und Aledis, mit dem Gesicht zum Publikum. Das Madchen merkte, dass es am ganzen Korper zitterte. Sanft druckte es Arnaus Hand, wahrend er verstohlen den Alten beobachtete, der aufrecht inmitten der Menge stand und ihn mit Blicken durchbohrte.
»So ordneten die Almogavaren ihr Leben«, verkundete der Troubadour und wies auf die Paare. »Sie lie?en sich im Herzogtum Athen nieder, und dort, im fernen Orient, leben sie noch immer, zum Ruhme Kataloniens.«
Beifall brandete uber den Pia d'en Llull. Aledis druckte erneut Arnaus Hand. »Nimm mich mit, Arnau«, flehten ihre tiefdunklen Augen. Plotzlich merkte Arnau, dass er ins Leere griff. Aledis war verschwunden. Der Alte hatte sie gepackt und schleifte sie zur Belustigung der Zuschauer in Richtung Santa Maria.
»Eine kleine Spende, der Herr?«, bat ihn der Troubadour und trat zu ihm.
Der Alte spuckte aus und zerrte Aledis weiter.
»Du Hure! Wieso hast du das getan?«
Der alte Gerbermeister hatte noch Kraft in den Armen, doch Aledis spurte die Ohrfeige nicht.
»Ich … Ich wei? es nicht. Die Leute, das Geschrei … plotzlich hatte ich das Gefuhl, im Orient zu sein. Wie hatte ich zusehen sollen, wie man ihm eine andere gibt?«
»Im Orient? Du Dirne!«
Der Gerber ergriff einen Lederriemen und Aledis wurde bleich. »Bitte, Pau, bitte nicht. Ich wei? nicht, warum ich es getan habe. Ich schwore es dir. Verzeih mir! Bitte, verzeih mir!«
Aledis fiel vor ihrem Mann auf die Knie und senkte den Kopf. Der Lederriemen in der Hand des Alten zitterte.
»Du verlasst dieses Haus erst wieder, wenn ich es dir erlaube«, lenkte der Mann ein.
Aledis sagte nichts mehr und ruhrte sich nicht von der Stelle, bis sie die Haustur zuschlagen horte.
Vor vier Jahren hatte ihr Vater sie verheiratet. Da sie keinerlei Mitgift besa?, war ein verwitweter, kinderloser Gerbermeister die beste Partie, die Gasto fur seine Tochter machen konnte. »Eines Tages wirst du erben«, war seine einzige Begrundung. Er erklarte ihr nicht, dass in diesem Falle er, Gasto Segura, an die Stelle des Gerbers treten und den Betrieb ubernehmen wurde. Seiner Ansicht nach brauchten Tochter von solchen Details nichts zu wissen.
Am Tag der Hochzeit wartete der Alte nicht einmal das Ende der Feier ab, um seine junge Ehefrau in die Schlafkammer zu fuhren. Aledis lie? es uber sich ergehen, als er sie mit fahrigen Handen entkleidete und seinen sabbernden Mund auf ihre Bruste presste. Bei der ersten Beruhrung seiner schwieligen, rauen Hande zuckte Aledis zusammen. Dann fuhrte Pau sie zum Bett und sturzte sich, noch angekleidet, auf sie. Zitternd und stohnend befummelte er sie, biss in ihre Brustwarzen und rieb mit der Hand zwischen ihren Beinen, um sich dann, immer noch in Kleidern, auf sie zu legen und sich, immer heftiger keuchend, hin und her zu bewegen, bis er schlie?lich nach einem letzten Stohnen in sich zusammensank und einschlief.
Am nachsten Morgen verlor Aledis ihre Jungfraulichkeit unter einem gebrechlichen, kraftlosen Korper, der ungeschickt Besitz von ihr ergriff. Sie fragte sich, ob sie je etwas anderes dabei wurde empfinden konnen als Ekel.
Wenn Aledis aus irgendeinem Grund nach unten in die Werkstatt musste, betrachtete sie die jungen Lehrlinge ihres Mannes. Weshalb nur wurdigten sie sie keines Blickes? Sie hingegen schaute genau hin. Ihre Augen ruhten auf den Muskeln dieser jungen Burschen und ergotzten sich an den Schwei?perlen, die ihnen auf der Stirn standen, uber Gesicht und Hals hinabrannen und auf ihren starken, kraftigen Korpern glanzten. Aledis' Blicke verfolgten die steten Bewegungen ihrer Arme, wahrend sie das Leder walkten, immer und immer wieder … Doch die Anweisung ihres Mannes war unmissverstandlich gewesen: »Zehn Peitschenhiebe fur jeden, der meine Frau zum ersten Mal ansieht. Beim zweiten Mal setzt es zwanzig Hiebe, beim dritten Mal ist das Essen gestrichen.« Aledis fragte sich Nacht fur Nacht, wo die Lust blieb, von der man ihr erzahlt hatte, die Lust, nach der ihre Jugend verlangte und die ihr der Greis niemals wurde schenken konnen, dem man sie zur Frau gegeben hatte.
In manchen Nachten zerkratzte ihr der alte Gerbermeister mit seinen zerschundenen Handen die Haut, andere Male zwang er sie, ihn mit der Hand zu befriedigen, dann wieder drang er in sie ein, in aller Hast, bevor ihn die Schwache daran hinderte, den Akt zu vollziehen. Danach schlief er immer sofort ein. In einer dieser Nachte stand Aledis leise auf, um ihn nicht zu wecken, doch der Alte drehte sich nicht einmal um.
Sie schlich in die Werkstatt hinunter. Dort ging sie zwischen den Arbeitstischen umher, die sich im Halbdunkel abzeichneten, und strich mit den Fingern uber die glatten Tischplatten. Begehrt ihr mich nicht? Gefalle ich euch nicht? Aledis dachte sehnsuchtsvoll an die Lehrlinge, wahrend sie zwischen den Tischen umherschlich, als plotzlich ein schwacher Lichtstrahl in einer Ecke der Gerberei ihre Aufmerksamkeit erregte. In der Bretterwand, die die Werkstatt von dem Schlafraum der Lehrlinge trennte, befand sich ein kleines Astloch. Aledis blickte hindurch und schreckte zuruck. Sie zitterte. Dann presste sie erneut das Auge an die Offnung. Sie waren nackt! Fur einen Moment befurchtete sie, ihr Atem konnte sie verraten. Einer von ihnen lag auf seinem Bett und beruhrte sich selbst!
»An wen denkst du?«, fragte ein anderer ganz nah an der Wand, hinter der Aledis lauschte. »An die Frau des Meisters?«
Der andere gab keine Antwort. Aledis brach der Schwei? aus. Ohne es zu merken, glitt eine Hand zwischen ihre Beine, und wahrend sie den Jungen beobachtete, der an sie dachte, lernte sie, sich selbst Lust zu verschaffen. Den Rucken gegen die Wand gelehnt, lie? sie sich zu Boden sinken.
