entbrenne etwas Kaltes, wenn es Feuer fange, besonders heftig. Den Kennern zufolge war die Frau die Antithese des Mannes. Sogar ihr Korper sei dem des Mannes entgegengesetzt, unten breit und oben schmal, wahrend es bei einem wohlgestalten Mann genau andersherum sein solle: schlank von der Brust abwarts, breite Schultern und Brust, kurzer, kraftiger Hals und ein gro?er Kopf. Komme eine Frau zur Welt, so sei der erste Buchstabe, den sie ausspreche, das ›E‹, ein zankischer Laut. Hingegen sei der erste Buchstabe, den ein Mann ausspreche, das ›A‹, der erste Buchstabe des Alphabets und dem ›E‹ genau entgegengesetzt.
»Das kann nicht sein. Aledis ist nicht so«, widersprach Arnau schlie?lich.
»Mach dir nichts vor. Mit Ausnahme der Jungfrau Maria, die Jesus ohne Sunde empfing, sind alle Frauen gleich. Sogar die Vorschriften deiner Zunft tragen dem Rechnung! Verbieten sie nicht ehebrecherische Beziehungen? Schreiben sie nicht den Ausschluss jedes Mitglieds vor, das eine Geliebte hat oder mit einer ehrlosen Frau zusammenlebt?«
Diesem Argument hatte Arnau nichts entgegenzusetzen. Von den Argumenten der Gelehrten und Philosophen hatte er keine Ahnung. Er konnte sie trotz Joans Bemuhungen ignorieren, doch bei den Zunftvorschriften war das anders. Diese Regeln waren ihm sehr wohl bekannt. Die Zunftmeister hatten ihn damit vertraut gemacht und ihn darauf hingewiesen, dass man ihn ausschlie?en werde, wenn er sich nicht daran halte. Und die Zunft konnte nicht irren!
Arnau war entsetzlich verwirrt.
»Aber was kann man dann tun? Wenn alle Frauen schlecht sind …«
»Zunachst einmal muss man sie heiraten«, fiel ihm Joan ins Wort, »und wenn der Bund der Ehe geschlossen ist, so handeln, wie es uns die Kirche lehrt.«
Heiraten … Diese Moglichkeit hatte er noch nie bedacht, aber wenn es die einzige Losung war …
»Und was muss man tun, wenn man dann verheiratet ist?«, fragte er. Seine Stimme bebte angesichts der Aussicht, ein Leben lang mit Aledis zusammen zu sein.
Joan nahm den Faden dessen wieder auf, was ihm seine Lehrer an der Domschule erklart hatten: »Ein guter Ehemann muss versuchen, die naturliche Verderbtheit seiner Frau zu kontrollieren, indem er einige Grundregeln befolgt. Die erste lautet, dass die Frau dem Manne Untertan sein solle:
Arnau horte seinem Bruder schweigend zu.
»Joan«, sagt er, als dieser geendet hatte, »glaubst du, ich konnte Aledis heiraten?«
»Naturlich! Aber du solltest noch ein wenig warten, bis du es in der Zunft zu etwas gebracht hast und sie ernahren kannst. In jedem Fall ware es gut, wenn du mit ihrem Vater sprichst, bevor er sie einem anderen verspricht. Sonst kannst du namlich nichts mehr machen.«
Das Bild von Gasto Segura mit seinen schwarzen Zahnstummeln erschien vor Arnaus innerem Auge wie ein unuberwindliches Hindernis. Joan erriet die Angste seines Bruders.
»Du musst es tun«, sagte er.
»Wurdest du mir helfen?«
»Naturlich!«
Fur einige Momente herrschte Schweigen zwischen den beiden Matratzen vor Peres Herd.
»Joan«, sagte dann Arnau in die Stille hinein.
»Ja?«
»Danke.«
»Keine Ursache.«
Die beiden Bruder versuchten zu schlafen, doch es gelang ihnen nicht. Arnau, weil er vollig hingerissen war von der Idee, seine geliebte Aledis zu heiraten, und Joan, weil er den Erinnerungen an seine Mutter nachhing. Hatte Ponc, der Kupferschmied, womoglich recht gehabt? Die Frau sei von Natur aus schlecht. Die Frau soll dem Manne Untertan sein. Der Mann soll die Frau zuchtigen. Hatte der Kupferschmied recht gehabt? Wie konnte er, Joan, das Gedachtnis seiner Mutter achten und gleichzeitig solche Ratschlage geben? Joan erinnerte sich, wie die Hand seiner Mutter in dem kleinen Fensterchen ihres Gefangnisses erschienen war und ihm uber den Kopf gestreichelt hatte. Er erinnerte sich an den Hass, den er Ponc gegenuber empfunden hatte und immer noch empfand …
In den folgenden Tagen brachte keiner der beiden den Mut auf, den misslaunigen Gasto anzusprechen. Der Aufenthalt als Mieter in Peres Haus erinnerte den Mann immer wieder aufs Neue an sein Ungluck, das dazu gefuhrt hatte, dass er sein eigenes Haus verlor. Der Gerber wirkte auf sie noch schroffer als sonst, und seine brummige, widerborstige, grobe Art hielt sie davon ab, ihm ihren Vorschlag zu unterbreiten.
Unterdessen lie? sich Arnau weiterhin von Aledis in ihren Bann ziehen. Er beobachtete sie, folgte ihr mit Blicken, und es gab keinen Moment des Tages, an dem seine Gedanken nicht bei ihr waren. Nur wenn Gasto auftauchte, wurden seine Phantasien zurechtgestutzt.
Denn ganz gleich, welche Verbote die Priester und die Zunfte aussprachen – der Junge konnte einfach nicht die Augen von Aledis wenden, die jede Gelegenheit nutzte, um ihn aufzureizen. Arnau war wie gebannt von ihrem Anblick. Ihr ganzer Korper zog ihn unwiderstehlich an. »Du wirst meine Frau sein. Eines Tages wirst du meine Frau sein«, dachte er erregt. Dann versuchte er, sie sich nackt vorzustellen, und seine Gedanken wanderten zu verbotenen, unbekannten Orten, denn mit Ausnahme des geschundenen Korpers von Habiba hatte er noch nie eine nackte Frau gesehen.
Arnau setzte alles daran, einen geeigneten Moment zu finden, um mit Gasto zu reden.
