»Freund Nathan, ware es moglich, unser Schachspiel morgen Nachmittag fortzusetzen? Gibt es eine Zeit, die dir genehm ware?« Das Angebot war auf dem Tisch. Die Pause beunruhigte ihn einen Augenblick lang.

»Gerne. Ich kenne meinen Terminkalender nicht, aber wenn Thomas mit deinem AID sprechen konnte?«

Aelool nickte. Gut. Der Bruch war nicht endgultig. Zumindest noch nicht.

Titan, Fleet Strike Gefangniszentrum

Dienstag, 18. Juni, 21:00

»Also, wer ist sie?« Robert Tartaglia war uber die Exzentrizitaten seines verblichenen Vorgesetzten nicht gerade begeistert gewesen, aber den Tod hatte er ihm nicht gewunscht. Ganz besonders nicht, wo sein Tod ja doch in gewisser Weise die Beforderung beeintrachtigen wurde, die er sich schon lange verdient hatte. Und dass sie offenbar Beed getotet hatte, um General Stewart zu verteidigen. Und den tollpatschigen Lieutenant hatte er ganz sicher nicht fur einen Agenten der Abwehr gehalten. Ein richtiger James Bond war das. Man stelle sich vor: Die Spionin hatte doch tatsachlich aus Sorge um sein Leben gewartet und sich gefangen nehmen lassen. Gluck bei den Frauen, so nannte man das wohl. Der tollpatschige Lieutenant, General Stewart, sein neuer Vorgesetzter. Vollig verruckt. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Baker ihn fragend anstarrte.

»Entschuldigung, Baker, wurden Sie das bitte wiederholen?«, sagte er.

»Ich habe gesagt, wir wissen nicht, wer sie ist. Sinda Makepeace ist sie nicht.« Agent Sam Baker sah nach einem vollen Arbeitstag ein wenig zerknittert aus. Zivilkleidung auch noch so guter Qualitat trug sich einfach nicht so gut wie Fleet-Seide. Baker hatte es wahrscheinlich vorgezogen, Seide zu tragen, aber fur die der CID zugeteilten Warrant Officers entsprach das nicht der Dienstvorschrift. Dort war es wichtig, den Rang aus allen Ermittlungen rauszuhalten. »Fingerabdrucke passen, DNA passt, Stimmabdruck passt nicht. Sie klingt wie sie und ist ganz offensichtlich auch gut vorbereitet worden. Aber sie ist ganz sicherlich nicht Captain Makepeace. Zum einen hat unsere Mata Hari standig uber unseren hiesigen Kaffee gemeckert, ihn aber trotzdem getrunken. Die echte Captain Makepeace hat den Kaffee gehasst — eine Teetrinkerin. Ich frage mich nur, wie die das ubersehen konnten.«

»Tarnidentitaten ubersehen immer etwas. Wann kriegen wir also die Suchergebnisse zu ihrem Stimmabdruck, damit wir wissen, wer sie ist? Habe ich fur eine Tasse Kaffee Zeit?« Er sah den Jungeren an und schob eine Augenbraue hoch.

»Tut mir Leid, Sir, ich habe mich moglicherweise ein wenig unklar ausgedruckt. Die Ergebnisse aus dem Datenspeicher sind alle zuruck. Sie ist dort nicht registriert. Nirgends. Fur das System gibt es sie nicht«, sagte er.

»Dann hat die Makepeace einen bosen Zwilling? Oder einen Klon?« Seine Stimme klang zweifelnd.

»Keinen Zwilling und auch keinen Klon, zumindest nach keiner uns bekannten Technik. Oh, wir haben mit einem ihrer Boyfriends von der High School gesprochen. Er hat gesagt, sie hatte vorne, links unten im Bikinibereich, ein ungefahr dreieckiges Muttermal. Mata Hari hat kein Muttermal.«

»Seien Sie da vorsichtig, Sam. Mata Hari hat offenbar phanomenale Anziehungskrafte.« Das war nur zum Teil ein Witz. Die Frau sah klasse aus und hatte bereits einen Mann dazu gebracht, ihretwegen zu toten.

»Ja, Sir. Aber die sind weiter oben, Sir.«

»Baker, Sie haben mehr Verhorerfahrung als so ziemlich jeder von uns. Das liegt an Ihrer Arbeit mit dem organisierten Verbrechertum und den hiesigen Tongs. Wir mussen da etwas in Gang bringen, ehe General Stewart wieder zum Dienst zuruckkehrt. Betrachten Sie sich fur die Dauer der Ermittlungen oder bis zu einer gegenteiligen Entscheidung des Generals dem Gefangniskomplex zugeteilt. Ich hole mir jetzt eine Tasse Kaffee.« Er erhob sich, wollte gehen, aber eine Hand, die sich unter einer voluminosen Robe ausstreckte, hielt ihn auf. Die Hand hatte gefahrlich aussehende Klauen.

»Einen Augenblick Ihrer Zeit, wenn Sie gestatten, Colonel.« Die Stimme des Tir klang melodisch, fast hypnotisch. Wenn er nicht so ungemein lastig gewesen ware, hatte es dem Colonel vielleicht Spa? gemacht, ihm zuzuhoren. Aber Befehl war Befehl.

»Ja, Euer Tir. Was kann ich fur Sie tun?« Tartaglia nickte, als Baker ihm einen Blick zuwarf und sich wortlos bei beiden entschuldigte, um seinem XO Kaffee zu besorgen. Ein guter Mann.

»Ich bin sicherlich der Meinung, dass der Mann von Fleet Strike an dem Verhor teilnehmen sollte, damit er dabei etwas lernt, aber Fleet hat sich im Geiste dessen, was Sie Zusammenarbeit zwischen den Waffengattungen nennen wurden, gro?zugigerweise bereit erklart, ein hochgradig erfahrenes Verhorteam bereitzustellen. Wenn man bedenkt, wie nahe das Personal von Fleet Strike der Gefangenen stand, wurde ich das fur eine kluge Ma?nahme halten. Naturlich nur, wenn Sie einen freundschaftlichen Vorschlag in Erwagung ziehen wollen.« Er lachelte und legte dabei seine Zahne frei, und der Indowy-Diener, der neben ihm stand, erinnerte Tartaglia ein wenig an ein Kaninchen zu Hause, das sich im Scheinwerferstrahl eines Autos gefangen hat.

Bob Tartaglia war alles andere als dumm und in der von Konkurrenzdenken gepragten Atmosphare von Fleet Strike nicht zum Colonel aufgestiegen, ohne dabei auch politisches Feingefuhl zu entwickeln. Oh, er hatte genugend gute Fuhrungsqualitaten, um ein gewisses Ma? an Abscheu fur bestimmte Aspekte der Politik zu empfinden, aber er wusste auch, wie der Hase lief. Der Tir ware mit Sicherheit nicht hier, wenn die entsprechenden Befehle dafur nicht von ganz oben in der Befehlskette gekommen waren. Hofliche Empfehlungen des Tirs konnten, wenn man sie missachtete, schnell als ganz regulare Befehle uber die Befehlskette herunterkommen.

»Das scheint mir ein kluger Rat, Euer Tir. Wurden Sie zufalligerweise wissen, wann uns dieses Leihpersonal von Fleet zur Verfugung steht?«

»Ich bin weit entfernt davon, mich irgendwie storend in die Kommandokette einzuschalten, die euch Menschen so wichtig ist. Aber so weit mir bekannt ist, befindet sich das Personal, das Fleet Ihnen so gro?zugigerweise zur Verfugung stellen mochte, gleich nebenan im SP-Gefangnisflugel und kann praktisch unverzuglich hier erscheinen, sobald Sie die entsprechende Weisung geben. Das war doch sehr entgegenkommend, finden Sie nicht?« Wenn Darhel katzenartig gewesen waren, hatte der Tir wohl jetzt geschnurrt.

»Wie aufmerksam von ihnen.« Eine der ersten Ma?nahmen Tartaglias nach dem plotzlichen Hinscheiden seines ehemaligen Vorgesetzten hatte darin bestanden, einen Militarpolizisten in sein Quartier zu schicken, um sein AID zu holen. Er hatte sich in den letzten Wochen daran gewohnen mussen, ohne Suzanne zu arbeiten, was seinen Kummer uber den Tod des Generals nicht gerade gesteigert hatte. Jetzt lie? er von ihr den Befehl an die in der Lobby der Hauptschleuse wachhabenden MPs weiterleiten und atmete dann unhorbar auf, als der Darhel und sein Indowy-Diener zu einem ihm unbekannten Ziel davonglitten. Er versuchte, sich seine personliche Befriedigung daruber nicht anmerken zu lassen, dass dieses Ziel eines war, wo er nicht zu sein brauchte.

16

Basis Titan, Fleet Strike Militargefangnis

Dienstag, 18. Juni, 21:30

Der Verhorraum war mit in einer Richtung durchsichtigem Glas versehen und nahm zwei Etagen ein. Sam Baker erinnerte das an ein Aquarium. Er hatte die Militarpolizisten hinausgeschickt; sie wussten nicht, wer die Gefangene war, und sie hatte bis jetzt zu keinem seiner Leute auch nur ein Wort gesagt. Er hoffte, sie wurden, wenn er sie allein beobachtete, vielleicht eine Akte aufbauen konnen, die schlie?lich zu einer positiven Identifizierung fuhren wurde.

Im Augenblick tanzte die Gefangene, und zwar mit vollem Einsatz. Das war ein unglaublich seltsames Verhalten, insbesondere in dem ziemlich hasslichen orangefarbenen Gefangnisoverall, aber auch das wurde in die Akte kommen. Es war naturlich durchaus moglich, dass sie diese Akte spater gar nicht brauchen wurden. Wahrscheinlich wurden sie bis zum nachsten Morgen alles uber sie wissen, auch was sie zum Fruhstuck gegessen hatte.

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