AIDs waren zugleich ein Segen und ein Fluch. Manchmal war Peter Vanderbergs Frau auf Jenny ein wenig eifersuchtig. Oh, anfanglich war sie das nicht gewesen, aber eine Frau konnte wirklich nicht standig horen, wie eine weibliche Stimme ihren Mann an personliche Verabredungen erinnerte, ihm sagte, dass es Zeit sei, seine Medikamente zu nehmen und ihn ganz beilaufig in den intimsten Augenblicken zu unterbrechen, ohne allmahlich argerlich zu werden. Peter wusste naturlich, dass die Kronung des Ganzen war, dass Jane mit ansehen musste, wie seine emotionale Zuneigung zu Jenny wuchs. Und ihr zu erklaren, dass dies ein normaler Bestandteil der Konstruktion eines AID war und dass es seine Effizienz steigerte, half naturlich
Am Ende war der einzige Ausweg die Trennung gewesen. Er war nicht bereit gewesen seine Frau aufzugeben und hatte schlie?lich erkannt, dass er seine Ehe nur retten konnte, wenn er sicherstellte, dass seine Frau praktisch nie mit Jenny in Beruhrung kam. Seltsamerweise war sein AID am Ende daruber glucklich gewesen, obwohl es zunachst verstimmt und ein wenig patzig darauf reagiert hatte, dass es aus gewissen Teilen seines Lebens ausgeschlossen werden sollte. Aber ein AID konnte ja schlie?lich nicht auch eifersuchtig werden, oder?
Jedenfalls bedeutete der Kompromiss, dass sein AID nicht bei jeder eingehenden Nachricht gongte. Vielmehr vibrierte es leicht, sodass er sich kurz entschuldigen konnte. Abgesehen davon sah er etwa einmal die Stunde nach. Und wenn Jenny zu erkennen gab, dass die Nachricht wichtig war, reagierte er gewohnlich auch sofort. Am heutigen Abend, an Janes Geburtstag, hatte er das nicht getan, sondern ein paar Minuten gewartet. Als Jenny ihn dann das zweite Mal ansummte, schloss er, dass es ziemlich wichtig sein musste, und entschuldigte sich taktvollerweise damit, dass er auf die Toilette musse. Janes Augen verengten sich ein wenig, als er den Raum verlie?. Er bezweifelte stark, dass er sie hatte tauschen konnen.
»Jenny, ich hoffe, die Mitteilung ist wirklich wichtig. Janes Geburtstag bedeutet mir sehr viel.«
»Tut mir Leid, Peter. Du hast zwei dringende Mitteilungen. Morrison muss bedauerlicherweise Scheitern berichten. Sie hatten sie, aber Scharfschutzen auf dem Dach haben die Gefangenen getotet, ehe sie vollends gesichert werden konnten. Colonel Tartaglia meldet fur General Stewart jedoch Erfolg. Sie haben eine feindliche Agentin lebend gefangen und sie zum Verhor in das Gefangniszentrum auf Basis Titan gebracht. Oh, dritte Nachricht. Verteidigungsminister Li teilt dir und deinen Untergebenen mit, dass eine Darhel-Delegation unter Fuhrung des Ministers fur Wirtschaft und Handel, dem Tir Dol Ron, dem Verhor als Beobachter beiwohnen wird. Du hast Anweisung sicherzustellen, dass deine Leute der Delegation des Tirs in jeder Weise behilflich sind«, sagte das Gerat.
»Das ist verruckt.«
»General Beed ist von der Gefangenen, einer Captain Sinda Makepeace, seiner Sekretarin, getotet worden. Oder einer Unbekannten, die als Fleet Strike Captain auftritt, obwohl das naturlich nach den biometrischen Sicherheitsvorkehrungen von Fleet Strike unmoglich ist. General Stewart ist bei der Auseinandersetzung verletzt worden und augenblicklich nicht bei Bewusstsein. Er wird gerade arztlich behandelt. Mit voller Wiederherstellung kann gerechnet werden.«
»Danke, Jenny. Noch einmal, bitte weitere Mitteilungen anhalten, sofern sie nicht wichtig sind.«
»Aber sicher, Peter. Ich verstehe«, schmachtete sie.
Der Indowy Aelool nahm einen kleinen Schluck von seinem Wasser und kehrte in einen gesellschaftlich akzeptablen Zustand stiller Selbstbetrachtung zuruck. Normalerweise bemuhte er sich, in Nathan O’Reillys Buro um etwas mehr gesellschaftliche Interaktion, eine Prozedur, die die Menschen Small Talk nannten. Auf seinen Freund schien das beruhigend zu wirken.
In Anbetracht der gegenwartigen Situation und der andauernden Ruckschlage in dem Cally-O’Neal-Debakel und der Anwesenheit des Indowy Roolnai war es politisch angebrachter, traditionellere Verhaltensformen an den Tag zu legen.
Roolnai hatte sein Wasser nicht angeruhrt, um seine meditative Stimmung nicht zu storen, was vielleicht auch einen leichten Tadel fur Aelool darstellte. Vielleicht wollte er damit aber auch nur seine personliche Nervositat zugeln. Schlie?lich war das, was sie hier beobachten wollten, doch eine recht angespannte Situation Fur die Bane Sidhe wurde dies keine gute Nacht werden.
Roolnais AID zirpte einen Schwall Indowy. Roolnai hob den Kopf und wandte sich O’Reilly zu.
»Es ist bestatigt worden, dass der Mensch Cally O’Neal lebend festgenommen worden ist. Es ist bestatigt worden, dass niemand vom Team Hector lebend festgenommen wurde, was aber weder auf unsere Einschaltung noch deren Kompetenz zuruckzufuhren ist, sondern vielmehr auf den Wunsch der Darhel, diese Agenten nicht lebend in die Hand von Fleet Strike fallen zu lassen. Der Grund dafur ist vermutlich der, dass sich im Augenblick keine Darhel auf der Erde befinden, die das Verhor uberwachen oder kontrollieren konnten. Auf Titan ist solches nicht der Fall. Der Tir Dol Ron wird dort den Vorsitz ubernehmen. Au?erdem haben wir es mit dem au?erst gunstigen Umstand zu tun, dass die moglicherweise voreilige Aktion, einen Agenten vom Team Hector zu bergen, durch die O’Neal-Sendung hinreichend abgedeckt ist. Unsere Informationsquellen sind nicht kompromittiert worden.« Wahrend Roolnai das sagte, hoffte Aelool, dass O’Reilly ihre Sprache nicht hinreichend beherrschte, um die leichte Herablassung in seinem Tonfall wahrzunehmen. Aber er war nicht sehr zuversichtlich in dieser Hoffnung. In O’Reillys Augen war ein leichtes Blitzen zu erkennen, wie es an Menschen haufig dann festzustellen war, wenn sie Subtilitaten wahrnahmen.
»Thomas, bitte Hologramm des Militargefangnisses auf Basis Titan zeigen. Verteidigungseinrichtungen nach moglichen Schwachen analysieren«, wies er sein AID an.
»Visuelles oder strukturelles Bild?«, fragte es.
»Strukturell, bitte«, sagte er.
»Ich bitte um Entschuldigung, Stutzpunktkommandant O’Reilly, aber darf ich mich nach dem Zweck dieser Ma?nahme erkundigen?« Roolnais Stimme klang kuhl.
»Naturlich um die Moglichkeiten einer Extraktion zu bewerten«, erwiderte O’Reilly abwesend, offensichtlich bereits ganz auf die Betrachtung des Bildes konzentriert.
»Man konnte sich zuerst fragen, ob eine Extraktion eine kluge Nutzung beschrankter Ressourcen ist.« Der ranghohere Indowy sagte das mit dem Ausdruck hohen Respekts, wie Indowy das gewohnlich taten, wenn sie eine unverruckbare Haltung einnahmen.
»Ich kann nicht erkennen, welchen Schaden es bereiten sollte, Moglichkeit, Kosten und Risiken einer Extraktion zu bewerten.«
»Ist falsche Hoffnung ein Schaden? Wo es doch bereits hochgradig unwahrscheinlich ist, die Agentin zu bergen, ohne dabei einen Schaden anzurichten, der es unmoglich macht, sie zu verlasslichem operativem Status wiederherzustellen?« Das war zu oberflachlich, das hatte Roolnai wissen mussen.
»Vielleicht nicht. Ich stelle fest, dass ich mude bin, meine Freunde. Das war ein langer Abend, und offenbar gibt es nicht mehr viel, was wir gemeinsam bewirken konnten.« O’Reilly war aufgestanden und hatte sich abgewandt. In der Korpersprache der Indowy war dies eine Geste hoflicher Mudigkeit. Aelool befurchtete, dass das Verhalten eine tiefere Bedeutung ausdrucken konnte. Da er sowohl seinen Freund Nathan wie auch seinen Freund Roolnai kannte, ahnte er, dass eine Fortsetzung des Gesprachs im Augenblick die Spaltung nur noch vertiefen konnte. Er wurde sie einzeln bearbeiten mussen.
Roolnai hatte bereits unverzuglich auf hofliche Weise reagiert und bewegte sich in Richtung auf die Tur. Aelool folgte ihm und verhielt kurz in der Tur.
