Naturlich ist man dort der Sicht am ehesten ausgesetzt, und deshalb haben die wenigsten den Mut, dort dahinzuschreiten.“ Ohne Ubergang fragte er: „Hast du schon einmal etwas von dialektischem Materialismus gehort, Tom?“
„Wie kommt Ihr…“ Aber Tom fing sich schnell und murmelte: „Nein, Meister, nie!“
Aha, dachte Rod, hab' ich dich uberrascht. Laut sagte er: „Es ist eine terranische Philosophie. Ihre Ursprunge liegen im Dunklen Zeitalter, aber manche Menschen richten sich noch danach.“
„Was ist terranisch?“ fragte der Riese.
„Ein Traum.“ Rod seufzte. „Und ein Mythos.“
„Lebt Ihr danach, Meister?“
Rod schaute verblufft hoch. „Nach dem Traum von Terra?“
„Nein, nach diesem dialek… Mit welchem Zauber Ihr es auch benennt…“
„Was? Den dialektischen Materialismus?“ Rod grinste. „Nein, aber einige seiner Konzepte sind manchmal recht praktisch, wie beispielsweise die Idee der Synthese. Wei?t du was das ist, Tom?“
„Nein, Meister.“ Tom schuttelte energisch den Kopf.
Na, ja, sein Staunen war vermutlich echt, denn das letzte, was Tom erwartete, war sicherlich, da? Rod eine totalitare Philosophie zitierte. „Es ist der Weg in der Mitte“, erklarte Rod. „Rechts des Weges ist die These und links die Antithese.
Zusammengenommen ergeben sie die Synthese.“
„Oja.“ Tom nickte.
Ziemlich schnelle Auffassungsgabe fur einen Bauerntolpel, dachte Rod spottisch. „Sowohl These als auch Antithese sind teilweise falsch. Also wirft man die falschen Teile zur Seite, gibt die richtigen zusammen — das hei?t, man nimmt das Beste davon —, nennt das Ergebnis Synthese, und man hat die Wahrheit. Verstehst du?“
Toms Augen nahmen einen wachsamen Ausdruck an. Er wu?te nun, worauf Rod hinauswollte.
„Und da die Synthese der Weg in der Mitte ist, ist er naturlich unbequem“, fuhr Rod fort. „Doch genug der Philosophiererei.
Wir wollen uns an die Arbeit machen.“
Plotzlich horten sie ein Scharren im Schatten. Tom sprang zuruck und zog seinen Dolch. „Das Gespenst!“ brullte er. Auch Rod umklammerte den Dolchgriff, doch da huschte eine riesige Ratte an ihm vorbei.
„Gott sei Dank, nur eine Ratte“, seufzte der gro?e Tom erleichtert. „Es gibt hier so viele von ihnen.“
„Ja, aber ich sah noch etwas, als sie an mir vorbeirannte.“ Rod kniete sich neben die Au?enmauer und tastete uber den Stein.
„Hier!“ Er nahm die Hand des Riesen, der ihm besorgt den Knoblauchatem ins Gesicht blies, und druckte sie an seine Entdeckung.
Tom holte erschrocken Luft und ri? seine Hand zuruck. „Es ist kalt.“ Seine Stimme zitterte. „Kalt und rechteckig, und — es hat mich gebissen!“
„Dich gebissen?“ fragte Rod stirnrunzelnd, wahrend er uber die metallene Box tastete. Er spurte einen leichten elektrischen Schlag und zuckte ebenfalls zuruck. Wer immer dieses Ding hier angebracht hatte, mu?te ein blutiger Amateur sein. Es war nicht einmal richtig geerdet — oder vielleicht war es Absicht, um denen, die zufallig daruber stolperten, einen Schrecken einzujagen? Rod zog den Dolch und war froh uber die Isolierung, die der lederne Griff bot. Vorsichtig schraubte er den Deckel der Metallbox auf. Er sah den scheinbaren
Wirrwarr der silbrigen Schaltkreise, die jedoch insgesamt nicht mehr Raum einnahmen als sein Daumennagel. Seine Kopfhaut prickelte. Wer immer dieses Ding angefertigt hatte, verstand mehr von molekularen Schaltkreisen als die Techniker seiner Heimat. Aber weshalb eine so gro?e Box fur eine so winzige Einheit?
Der Rest der Box war mit einer Apparatur ausgefullt, die Rod vollig unverstandlich war. Er betrachtete die Oberflache der Box. In der Mitte befand sich ein durchsichtiger Kreis. Rod runzelte die Stirn. So etwas hatte er noch nie gesehen. Seiner Schatzung nach war der Schaltkreis Teil einer Fernbedienung.
Aber was war der Rest der Apparatur?
„Herr, was ist das?“
„Ich wei? es nicht“, murmelte Rod, „aber ich glaube fast, da? es etwas mit dem Gespenst zu tun hat.“ Er tastete mit der Dolchspitze in dem Ding herum. Naturlich mu?te er au?erst vorsichtig sein, denn wie leicht mochte es mit einem Selbstzerstorungsmechanismus versehen sein, der bei einer falschen Beruhrung ringsum alles in die Luft sprengte. Da druckte die Dolchspitze auf etwas. Die Maschine klickte und begann leise zu summen.
„Weg, Herr!“ brullte Tom. Aber Rod kummerte sich nicht darum. Er starrte auf die wolkenartige Substanz, die aus dem durchsichtigen Kreis hochstieg. Und eine Sekunde spater klickte eine zweite Maschine irgendwo vor Rod, und ein Lichtstrahl scho? von der Au?enmauer uber Rods Kopf in die Wolke und breitete sich facherformig aus.
„Das Gespenst!“ heulte Tom auf. „Flieht um Euer Leben, Herr!“
Tatsachlich bewegte das Gespenst sich etwa drei Meter uber Rod. Ganz deutlich konnte er die uppige Frauengestalt mit dem Kaninchenkopf sehen. Ein verborgener Lautsprecher fing zu summen an, und als der erste Heulton sich erheben wollte, zog Rod die Dolchspitze um etwa einen Zentimeter zuruck. Der
Lichtfacher erlosch, das Zischen des mechanischen Rauchtopfs erstarb. Rod druckte den Deckel wieder auf den Apparat. „Was war das, Meister?“ wisperte Tom.
„Ein Zauber. Und das Gespenst ist nichts als Schwindel. Komm, Tom, du mu?t mich am Fu?gelenk festhalten.“ Er legte sich in eine Zinnenoffnung, mit den Knien unmittelbar uber dem Rauchtopf. Brummelnd griff Tom nach seinen Knocheln. Rod schob sich vorwarts, bis sein Kopf hinausragte. Fast direkt unter seinem Kinn befand sich eine kleine Box mit herausragender Linse: ein Miniaturprojektor, der das Gespensterbild auf die Rauchwolke warf und so die Illusion einer dreidimensionalen Gestalt hervorrief. Und das Ganze wurde mit Fernsteuerung bedient. Von wo aus? „Halt mich ganz fest“, befahl er Tom und kroch fast ganz nach vorn. Er konnte nur hoffen, da? er sich in dem Riesen nicht tauschte und der ihn loslie?, denn den Sturz in die Tiefe wurde er nicht uberleben. Aber er konnte jetzt nicht mehr zuruck. Er starrte an der Mauer hinunter. Und da entdeckte er auch die Antenne. Nun mu?te er nur noch den Sender finden. Und so gut er sich auch der Architektur anpa?te, seine scharfen Augen erspahten den Fremdkorper — auf dem Haus Clovis! Einen Augenblick uberschlugen sich seine Gedanken. Also waren es tatsachlich nicht nur die Ratgeber, die allerdings auch, denn er hatte Durer ja selbst ertappt. Aber die umfunktionierte Warmpfanne hatte sich bestimmt durch einen Dienstboten leichter unterschieben lassen als durch einen Ratgeber. Das Zittern von Toms Handen ri? ihn aus seinen Uberlegungen. So schwer bin ich doch auch wieder nicht, dachte er, aber er kroch eilig zuruck und glaubte, Tom einen Seufzer der Erleichterung aussto?en zu horen, als er wieder in Sicherheit war. Er drehte sich zu ihm um. Dicker Schwei? stromte uber des Riesen Gesicht, und seine Unterlippe zitterte. Schweigend blickte er ihm in die Augen, dann murmelte er: „Danke, Tom.“
Der Riese drehte sich um und schritt zur Treppe zuruck. Rod fiel neben ihn in Gleichschritt. Sie hatten die Treppe schon fast zur Halfte zuruckgelegt, als Tom endlich den Mund offnete: „Wi?t Ihr jetzt, Herr, wer diesen Zauber schickte?“
Rod nickte. „Das Haus Clovis.“
„Weshalb habt Ihr dieses — Ding nicht zerstort?“
Rod zuckte die Schultern. „Es diente uns bisher immer als gute Warnung, da? der Konigin Gefahr droht.“
„Wem werdet Ihr davon erzahlen?“
Rod schaute zu den Sternen auf. „Meinem Pferd“, antwortete er.
„Pferd?“ brummte Tom erstaunt.
„Ja, sonst niemandem, bis ich mir sicher sein kann, auf wessen Seite van Loguire steht — auf der der Konigin, oder der ihrer Feinde.“
„Ah.“ Tom schien diese Erklarung zu genugen. Rod schatzte seinen Status nun noch hoher als zuvor ein. Offenbar wu?te der Bursche mehr von dem, was vorging, als er.
„Ihr seid dem Tod heute nacht nur um Haaresbreite entgangen, Meister“, brummte Tom.
„Oh, das glaube ich nicht. Es war nur ein vorgetauschtes Gespenst, es hatte uns nichts anhaben konnen.“
„Ich meinte nicht das Gespenst, Herr.“
„Ich wei?.“ Rod blickte Tom fest in die Augen, dann stieg er weiter die Treppe hinunter. Erst nachdem er
