ein.

„Nein, Herr.“ Tom hielt ihn zuruck. „Ihr habt schon vier Bolzen vergeblich auf ihn abgeschossen.“

„Ich habe es gar nicht gern, wenn etwas mich in der Luft verfolgt, Tom. Diese fliegenden Dinger sind nicht immer, was sie zu sein scheinen.“ Toms Brauen zogen sich bei dieser ratselhaften Bemerkung zusammen. „Au?erdem habe ich jeden Tag, wahrend der letzten vier, jeweils nur einmal auf ihn geschossen.“ Die Armbrust summte, und das Gescho? pfiff durch die Luft, doch dann segelte der Vogel um gut funfzehn Meter hoher und schaute dem Bolzen nach, als er wieder zur

Erde zuruckfiel.

„Ihr werdet ihn nie treffen, Herr. Er kennt sich mit Armbrusten aus.“

„Das sieht ganz so aus!“ Rod schlang sich die Armbrust wieder uber den Rucken. „Was ist das fur ein Land, wo man unter jedem Baum Elfen findet, und einen die Habichte am Himmel verfolgen?“

„Es ist kein Habicht, Meister, es ist ein Fischadler.“ Rod schuttelte den Kopf. „Er verfolgt uns schon seit dem zweiten Tag unserer Reise. Was hatte ein Fischadler so weit landeinwarts zu suchen?“ „Das mu?tet Ihr wohl ihn selbst fragen, Meister.“ „Und es wurde mich absolut nicht wundern, wenn er antwortete“, brummte Rod. „Aber er tut uns ja nichts, und im Augenblick haben wir gro?ere Probleme. Wir sind hier, um in die Burg zu gelangen. Kannst du singen, Tom?“

Der Riese sperrte verwirrt den Mund auf. „Singen, Herr?“

„Ja, oder Dudelsack blasen, oder sonst was?“

Tom zupfte an der Lippe. „Ich kann einer Hirtenflote ein paar Tone entlocken, die die Halbtauben mit gutem Willen vielleicht fur eine Melodie halten wurden. Aber wozu das, Meister?“

Rod holte eine irische Harfe aus einer Satteltasche. „Wir sind jetzt Minnesanger“, erklarte er. „Das Volk hier ist sicher an ein bi?chen Musik und Neuigkeiten aus der Hauptstadt interessiert.

Hier, versuch mal das, es ahnelt in etwa einer Flote.“ Er brachte einen stabformigen Recorder zum Vorschein.

„Wi?t Ihr Neues aus dem Norden zu berichten?“ erkundigte sich der Wachtposten eifrig, und naturlich antwortete Rod, der wu?te, da? die Minnesanger des Mittelalters wandelnde Zeitungen gewesen waren, mit einem Ja. Und nun standen er und Tom vor einer Versammlung, bestehend aus achtundzwanzig Edlen mit ihren Frauen, dem Gefolge und Gesinde. Alle starrten die beiden Minnesanger erwartungsvoll an, dabei wu?te Rod absolut nichts Neues aus der Hauptstadt.

Aber es wurde ihm schon etwas einfallen. Der knorrige alte Herzog Loguire sa? in einem Eichensessel. Er schien Rod nicht zu erkennen, ganz im Gegenteil zu Durer, der jedoch den Mund hielt, denn Loguire liebte seine Nichte immer noch, und hatte Rod geehrt, weil er ihr das Leben gerettet hatte. Der Herzog stellte die erste Frage, und zwar erkundigte er sich, ob es Neues aus dem Hause Clovis gab. Rod versicherte ihm, da? es sich in letzter Zeit nicht unangenehm bemerkbar gemacht hatte, was allerdings nicht so bleiben mu?te.

Und dann spielten und sangen er und Tom, wahrend sie gleichzeitig im Takt mit den Fu?en stampften, ein etwas freches altes Volkslied, das sie kurz zuvor einstudiert hatten. Einen Augenblick lauschten die Anwesenden erstaunt, dann begannen einige zu grinsen, und Hande klatschten im Rhythmus. Der alte Loguire versuchte streng und mi?billigend dreinzuschauen, aber es gelang ihm nicht so recht. Ein hochgewachsener junger Mann stand hinter des Herzogs rechter Schulter. Seine Augen leuchteten auf, wahrend er zuhorte, und ein Grinsen, das Unzufriedenheit, Selbstmitleid und Bitterkeit abloste, breitete sich uber das Gesicht. Der altere Sohn, schlo? Rod.

Es fiel nicht schwer, Loguires Vasallen in der Menge zu erkennen, denn sie alle waren prachtig gekleidet, und jeder von ihnen war in der Begleitung eines noch prunkvoller gewandeten drahtigen Mannleins: ihre Ratgeber — Durers Kumpane.

Rod war ziemlich sicher, da? alles, was Durer vorschlug, einstimmigen Ruckhalt bei den Lords des Sudens fande, und Loguire der einzige ware, der sich dagegenstellte — und Loguire hatte naturlich mehr zu sagen als alle seine Lehnsmanner zusammen. Rod entsann sich Loguires Versprechen an Catherine: Solange ich lebe, habt Ihr die Soldaten Loguires nicht zu furchten!

Die Vorstellung war zu einem gro?en Erfolg geworden. Rod hatte sie weniger politisch als humorvoll, gerade noch an der Grenze zum Schlupfrigen gehalten. Die Zuhorer waren begeistert gewesen. Doch hin und wieder hatten die Ratgeber Fragen gestellt, die er nicht unerwidert lassen konnte, und als er mit den Geruchten antwortete, da? das Haus Clovis sich wohl gegen die Krone erheben wurde, hatte er ha?liche Freude in ihren Augen glitzern sehen. Das hatte er verstanden. Wichtig an einer Revolution ist, da? sie uberhaupt erst einmal ausbricht, spater kann man sie sich immer noch zu Nutzen machen. Was er nicht verstand, waren die Blicke, die das jungere weibliche Gesinde Tom und ihm zuwarfen. Das hei?t, bei Tom war es ihm klar, doch bei ihm konnte es gewi? nicht das gleiche bedeuten — oder waren die Minnesanger hier dafur bekannt, da? sie… Jedenfalls war er nicht mehr allzu uberrascht, als ihm eine Magd auf dem Weg zur Dachkammer, die ihm und Tom zugeteilt worden war, einen Becher Wein entgegenstreckte und sich erbot, ihm auch das Bett zu warmen. Er starrte sie an. Sie sah Gwendylon sehr ahnlich, aber ihre Haare waren dunkelbraun statt rot, die Augen ein wenig schrag, und ihre Nase lang und schmal. Und auch sie war verfuhrerisch schon.

„Danke dir, Madchen“, sagte er. „Aber der Weg war lang und ich falle vor Mudigkeit schier um.“ Sollte sie doch von seiner Mannlichkeit halten, was sie wollte, solange sie ihn in Ruhe lie?!

Die Magd senkte die Augen und bi? sich auf die Lippe.

„Wie Ihr wollt, guter Herr.“ Sie drehte sich um, und Rod starrte ihr nach. Ein bi?chen argerte er sich daruber, da? sie sich so schnell hatte abweisen lassen — aber hatten ihre Augen nicht eine Spur Triumph verraten, eine merkwurdige Freude? Rod ging weiter. Wie er es erwartet hatte, war die Tur zur Dachkammer geschlossen und eine weibliche Stimme neben Toms zu horen. Er zuckte philosophisch die Schulter und stieg die Wendeltreppe wieder hinunter. Er wurde die Zeit nutzen und sich in der Burg umsehen. Sie erweckte den Eindruck, als ware sie von einem Paranoiker erbaut worden, und er war deshalb uberzeugt, da? es Geheimgange geben mu?te. Die Granitwande des Hauptkorridors waren ocker gestrichen und da und dort hingen Wandteppiche von der Decke bis zum Boden. Rod merkte sich wo, denn es war leicht moglich, da? sie Turen zu Nebengangen verbargen. Zwolf offene Seitenkorridore zweigten rechts vom Hauptgang ab. Als er zum siebten kam, horte er verstohlene Schritte hinter sich. Er blieb stehen und tat, als betrachte er einen Wandteppich. Aus dem Augenwinkel sah er eine ausgemergelte Gestalt sich hastig in einen Nebengang zuruckziehen. Es mu?te Durer oder einer seiner Artgenossen sein. Mit einem von ihnen auf seinen Fersen konnte er hier jedoch nicht viel erfahren, also mu?te er ihn abschutteln, was nicht leicht sein wurde, denn Durer kannte die Burg bestimmt gut, er selbst dagegen uberhaupt nicht. Der neunte Nebengang erwies sich als genau richtig fur seine Zwecke — er war unbeleuchtet. Seltsam, dachte Rod, in allen anderen brannten Fackeln in geringen Abstanden. Und hier lag auch Staub ganz dick auf dem Boden, Spinnweben hingen von der Decke, und Wassertropfen sickerten die Wande herab und befeuchteten vereinzelte Moosballen. Aber selbst wenn er Spuren in dem Staub hinterlie?, konnte er doch in der Dunkelheit in einen abzweigenden Gang oder Raum schlupfen. Also bog er zu diesem neunten Nebenkorridor ab, da legte sich eine Klaue auf seine Schulter. Rod wirbelte herum und sah sich Durer gegenuber.

„Was habt Ihr hier zu suchen?“ krachzte das durre Mannlein mi?trauisch.

„Oh, nichts Besonderes, mir ist nur langweilig. Soll ich dir ein Lied singen?“

„Ich habe genug von Eurem Gewimmere! Seht zu, da? Ihr Euch in Eure Kammer zuruckzieht, au?er Ihr habt hier irgend

etwas Bestimmtes vor.“

Rod kratzte sich die Nase. „Hm“, murmelte er. „Was die Kammer betrifft — mein Begleiter scheint es fur andere Zwecke als Schlafen zu benotigen. Also bin ich quasi ausgesperrt, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Verderbtheit!“ zischte der Ratgeber.

„O nein, ich nehme an, da? Tom auf sehr naturliche, gesunde Weise vorgeht. Aber jedenfalls bin ich dort momentan nicht erwunscht, und ich dachte nicht, da? jemand etwas dagegen hatte, wenn ich ein bi?chen herumspaziere.“

Durer blickte ihn durchdringend wie mit einem La serstrahl an, dann wich er zogernd ein paar Schritte zuruck. „Das hat auch niemand“, brummte er. „Es gibt hier keine Geheimnisse, die wir vor Euch verbergen mu?ten. Aber was Ihr nicht wissen konnt, ist, da? sich hier der Teil befindet, in dem es spukt.“

„Wie interessant! Wei?t du, da? ich noch nie einen echten Geist gesehen habe?“

„Das hat auch noch keiner, der am Leben blieb und davon hatte erzahlen konnen. Es ware Dummheit,

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