jemand Hand gegen ihn erhebt!“
Anselm senkte den Blick. Er ri? die Tur auf und schlug sie hinter sich zu.
„Minnesanger, spielt!“ brummte Loguire. Rod stimmte eine Weise auf der Harfe an, wahrend er nachdachte. Heute abend
wurde also Kriegsrat abgehalten werden, und der Hauptpunkt war zweifellos die konstitutionelle Monarchie gegen die Souveranitat der Hohen Lords, auch wenn das vielleicht nur Durer und ihm klar war. Nun, er, Rod, wu?te jedenfalls, auf wessen Seite er stand.
Sie kamen in dem neuen Bankettsaal zusammen, nicht nur die zwolf Hohen Lords, sondern mit ihnen ihre Lehnsleute, Grafen, Barone, Ritter. Und zur Seite eines jeden stand, oder eher noch, kauerte einer der ausgemergelten kleinen Manner. Rod pfiff lautlos durch die Lippen. Er hatte nicht gewu?t, da? es so viele dieser Ratgeber gab. Mit einem Blick geschatzt waren es mindestens funfzig, wenn nicht siebzig. Und moglicherweise gab es au?erhalb seines Blickfelds noch mehr, und sein Blickfeld war momentan arg beschrankt. Er schaute durch ein Loch in der Wand hinter Lord Loguire in den Saal. Das Loch war dadurch entstanden, da? er von einer Fackelhalterung einen der drei Haltestifte entfernt und dahinter das Loch kopfgro? erweitert hatte.
Rod stand in der klammen Dunkelheit eines schmalen Ganges. Seine Rechte ruhte auf einem Hebel. Wenn er ihn nach unten druckte, mu?te der Stein vor ihm zur Seite schwingen und sich eine Offnung bilden, die gro? genug war, ihn hindurchzulassen. Nach den Mienen der Lords, die ihre Gesichter Loguire zuwandten, wurde es vermutlich notwendig werden, einzugreifen.
Der Mann unmittelbar vor dem Herzog war Anselm. Bourbon und di Medici standen links und rechts von dem jungen Mann, und Durer links von Loguire.
Der Herzog erhob sich schwer. „Hier in diesem Saal“, begann er, „sind alle von edlem Blut und die wahre Macht Gramayres zusammengekommen, um uber eine passende Belehrung Konigin Catherines zu beraten.“
Herzog Bourbon spreizte die Ellbogen und legte die Hande auf die Schenkel. Er erweckte den Eindruck eines gro?en
schwarzen Baren mit den zottligen Brauen und dem Urwald von einem Vollbart. „Nein, guter Onkel!“ widersprach er funkelnden Blickes. „Wir sind hier, um zu besprechen, wie wir sie sturzen konnen, sie, die unsere Ehre in den Schmutz zieht.“ Loguires Schultern strafften sich, seine Augen weiteten sich vor Entrustung. „Nein!“ wurgte er. „Es besteht nicht genug Grund…“
„Grund!“ Bourbons Stimme zitterte. „Sie hat uns hohere Steuern auferlegt als je in der Geschichte Gramayres und dann die Einnahmen an den Abschaum von Bauern vergeudet. Jeden Monat schickt sie ihre Richter zu uns, um sich Beschwerden von allen in unseren Landereien anzuhoren. Jetzt will sie auch noch die Priester selbst ernennen. Und da sagt Ihr, wir hatten nicht genug Grund? Sie beraubt uns unserer rechtma?igen Herrschaft innerhalb unserer eigenen Domanen. Und um allem die Krone aufzusetzen, beleidigt sie uns auch noch vor allem Volk, indem sie sich erst die Petition von schmutzigen Bettlern anhort, ehe sie uns ihr Ohr leiht!“
Medici hatte sich zu seinem Ratgeber hinabgebeugt. Jetzt richtete er sich auf und rief: „Und hat ein Monarch je zuvor Petitionen seiner Bauern in seinem Audienzsaal angehort?“ „Nie!“ donnerte Bourbon. „Aber nun zieht die Konigin Bettler und Bauern uns vor! Sie mi?achtet alle Tradition! Und das jetzt, wahrend sie noch ein Kind ist, mein verehrter Herzog Loguire. Was wird sie erst tun, wenn sie erwachsen ist?“ Er hielt kurz an, um Atem zu holen, dann knurrte er: „Wir haben gar keine andere Wahl, als sie zu sturzen!“
„Ja!“ pflichtete ihm di Medici bei, und alle anderen stimmten in das Ja ein, bis es durch den riesigen Saal hallte. „Und ich sage nein!“ donnerte Loguire uber alle hinweg. Schweigen senkte sich auf die Anwesenden herab. „Sie ist unsere Herrscherin. Kaprizios, ja, und despotisch, hitzkopfig und eigensinnig, all das, ja, das ist sie. Aber das sind die ublichen Untugenden der Jugend, eines Kindes, das man die Grenzen seiner Macht erst noch lehren mu?, und es ist an uns, sie ihr zu zeigen, sie darauf hinzuweisen, wo sie sie uberschritten hat. Das durfen wir tun, doch nicht mehr!“ „Eine Frau kann nicht weise regieren“, murmelte di Medicis Ratgeber, und di Medici griff es sofort auf. „Mein teurer Vetter“, wandte er sich an Loguire. „Gott schuf die Frauen nicht dazu, ein Land zu regieren.“
Sofort stie? Bourbon ins gleiche Horn. „Ja, guter Onkel! Weshalb will sie uns keinen Konig geben? Sie soll heiraten, wenn sie wirklich mochte, da? dieses Land weise regiert wird!“ „Es ist ihr Recht, zu regieren!“ polterte Loguire. „Sie ist vom Blute der Plantagenets, dem Herrschergeschlecht dieses Landes, seit es besteht! Mein guter Neffe, verge?t Ihr so leicht den Eid, den Ihr diesem Namen geleistet habt?“ „Die Korruption macht auch bei Dynastien nicht halt!“ murmelte Bourbons Ratgeber mit funkelnden Augen. „Ja!“ donnerte Bourbon. „Das Blut der Plantagenets ist zu dunn, es brachte nur noch ein kleines Madchen mit den Launen einer starrkopfigen Frau hervor. Wir brauchen neues Blut fur unsere Konige!“
„Vielleicht das der Bourbons?“ fragte Loguire verachtlich. Bourbon lief tief rot an, aber schon rief di Medici: „Nein, teurer Vetter, das beste, das hochste Blut. Anselm Loguire wird unser neuer Konig sein!“
Loguires Kopf zuckte zuruck, als hatte man ihm ins Gesicht geschlagen. Mit zitternder Hand stutzte er sich auf die Stuhllehne. Er schaute zu seinem Sohn, der triumphierend nickte. „Es ist also ein abgekartetes Spiel! Schon vor dieser Zusammenkunft habt ihr euch besprochen — hinter meinem Rucken! Und wer hat euch dazu angestachelt?“ Mit finsterem Blick musterte er Durer.
„Du!“ brullte er. „Vor funf Jahren kamst du zu mir, und ich alter Narr war sogar noch erfreut daruber. Und dann kamen
nach und nach alle deine Bastarde — und immer noch hielt ich es fur gut!“
Er wandte sich nach rechts. „Anselm, den ich einst meinen Sohn nannte, wach auf und hor mich an! Hute dich vor dem Vorkoster, denn er hat die beste Moglichkeit, dich zu vergiften!“
Rod wurde plotzlich klar, wie die Zusammenkunft enden wurde. Die Ratgeber durften das Risiko nicht eingehen, Loguire am Leben zu lassen. Der alte Herzog war immer noch stark und nicht unterzukriegen und es mochte ihm durchaus wieder gelingen, die Hohen Lords auf seine Seite zu bekommen.
Anselm legte die Hand auf Durers Schulter. Der Ratgeber hatte Loguire kategorisch verlassen und sich neben seinen Sohn gestellt. „Ich vertraue diesem Mann. Er war von Anfang an auf meiner Seite, und ich bin fur seine Weisheit dankbar — so wie ich es fur deine sein werde, wenn du dich uns anschlie?t.“
Loguire verengte die Augen. „Nein!“ spuckte er. „Lieber sterbe ich, als zum Verrater zu werden, wie ihr!“
„Ihr sollt haben, was ihr begehrt!“ rief Durer. „Welche Todesart zieht Ihr vor?“
Anselm starrte ihn an. „Halte dich zuruck, Durer! Er ist ein alter Narr, ja, und steht gegen das Wohl des Landes. Aber er ist mein Vater, und ich werde nicht dulden, da? jemand Hand an ihn legt!“
Durer hob die Brauen. „Ihr wollt eine Schlange an Eurem Busen nahren, Mylord? Aber nicht Ihr allein habt zu entscheiden, sondern alle Lords.“ Er hob die Stimme. „Was sagt Ihr, edle Herren? Soll dieser Mann sterben?“
Rod uberlegte. Er mu?te Loguire herausholen. Er konnte die Geheimtur offnen und den Herzog mitsamt Stuhl herausziehen, ehe die anderen wu?ten, was ge schah. Aber konnte er sie auch rechtzeitig wieder schlie?en? Die anderen waren zu nah. Und vor allem wurde Durer schnell handeln.
Ein zogerndes, aber einstimmiges Ja hallte durch den Saal. Durer verneigte sich spottisch. „Das Urteil, mein Lord, ist der Tod.“ Er zog das Rapier und holte aus. Im gleichen Augenblick erlosch das Licht. Rod blieb einen Moment wie erstarrt in der totalen Dunkelheit stehen, dann zog er mit aller Kraft den Hebel. Das Achzen und Knarren des zuruckgleitenden Steines brach die Totenstille, und sofort schrien alle durcheinander. Der Larm wurde Rod von Nutzen sein. Er tastete blind um sich und stie? gegen jemandes Brustkasten. Der Jemand brullte und holte mit der Klinge aus. Sie zischte dicht uber Rods Kopf hinweg. Eine Sekunde schaltete er das Licht seiner Dolchscheide an und erkannte den Jemand als Lord Loguire. Doch auch ein anderer hatte sich in dem fluchtigen Lichtschein orientiert. Ein knorriger, kleiner Korper stie? heulend vor Wut gegen Rod, und gleichzeitig stach eine Klinge in Rods Schulter. Durch reinen Zufall gelang es ihm, Durers Handgelenk zu fassen und den zuruckgezogenen Dolch, der schon fast seine Kehle erreicht hatte, zu stoppen.
Der Kleine war unheimlich stark und zah. Immer naher drang die Dolchspitze an Rods Hals. Er spurte bereits die ersten Blutstropfen, als plotzlich ein grauenvolles, ohrenbetaubendes Achzen den Saal erfullte, dem gleich Panikschreie folgten. Drei riesige schimmernde, durchscheinende Gestalten schwebten durch die Luft. Knochengesichter waren zu sehen, mit den Mundern zu gro?en Os gerundet. Horatio und zwei andere ehemalige Loguires amusierten sich kostlich. Rod brullte: „Gekab, sechzig Hertz!“ Betaubendes Drohnen summte in seinen Ohren und sofort schwand seine Furcht. Hastig schaltete er wieder das Hullenlicht ein und fand Loguire. Rod duckte sich, rammte ihm den Schadel in den Magen, schwang ihn sich uber die gute Schulter, und eilte zur Offnung. „Druckt die Hande an die Ohren, ihr Narren!“ kreischte Durer und folgte Rod, der die Offnung nicht gleich
