bestimmt noch eine Menge Zauberei und sonstiges, das er sich nicht einmal vorzustellen vermochte. Aber andererseits gab es auch einiges, von dem sie nichts wu?te. Als Amateurhexe, vermutlich, und zu alt, der Gewerkschaft beizutreten — sie war bestimmt schon fast so alt wie er! — , kannte sie vermutlich nur ein paar Tricks, beispielsweise, wie man sich zurechtmachte, und verfugte uber die Fahigkeit, durch die Luft zu fliegen (aber er verstand immer noch nicht, wie sie die Tauschung, ein Vogel zu sein, so lange hatte aufrechterhalten konnen), und dann hatte sie Mut, wie man ihn bei einer Frau nicht erwartete. Aber wenn sie recht hatte, da? sie um ihn furchten mu?te, weil er immer noch in Gefahr war, so schien ihr nicht bewu?t zu sein, da? sie sich in nicht weniger Gefahr befand. Nein, es hatte bestimmt keinen Sinn, ihr zu verbieten, ihm zu folgen — sie wurde es trotzdem tun. Und er wurde lebend seine Abenteuer uberstehen, wie er es immer getan hatte, wahrend sie irgendwo unterwegs den Tod fand. Oder vielleicht behinderte sie ihn auch so sehr, da? sie beide daran glauben mu?ten. Er schuttelte ganz leicht den Kopf. Nein, er durfte nicht zulassen, da? sie getotet wurde, also mu?te er sie irgendwie loswerden — und er wu?te auch schon, wie.

Er verzog das Gesicht zu einem sauerlichen Lacheln.,Es stimmt schon, was man von Bauernmadchen sagt. Wenn man auch nur ein bi?chen nett zu ihnen ist, wird man sie nicht mehr los. Meine Teure, du bist schlimmer als eine Klette!“ Sie holte fast schluchzend Atem und pre?te die Hand auf die Lippen. Tranen quollen aus ihren Augen. Sie bi? sich in die Finger, wirbelte herum und rannte davon. Er starrte auf den Boden, bis ihre Schritte sich verloren und er ihr Schluchzen nicht mehr horte. Er fuhlte sich so elend wie selten zuvor. Eine schwere Faust hammerte an die Eichentur. Rod kampfte sich aus tiefem Schlaf und richtete sich im Heu auf. Tom und sein Madchen starrten stumm auf die Tur. „Keine Angst“, brummte Rod. „Geister klopfen nicht.“

„He, Minnesanger!“ donnerte eine tiefe Stimme. „Komm sofort zu meinem Herrn!“

Rod schlupfte in sein Wams und griff nach der Harfe. Er ri? die Tur auf und versuchte, ganz wach zu werden, nach dem karglichen Schlaf, der ihm vergonnt gewesen war. „Ihr brauchtet zu dieser fruhen Stunde nicht ganz so sturmisch zu sein“, brummte er. „Wer, zum Teufel, ist uberhaupt Euer Herr?“

Eine schwere Faust traf Rod unter dem Ohr und warf ihn an die Wand. Er kampfte gegen das Verlangen, dem Burschen den Hals umzudrehen. Durch dichte Nebelschleier horte er ein sadistisches Kichern. „Uberleg dir deine Worte, wenn du zu Hoheren sprichst, Harfenzupfer!“

Rod richtete sich an der Wand auf und schatzte seinen Peiniger ab. Er war ein gewohnlicher Fu?soldat in schmutzigem Lederwams und nicht weniger schmutzigern Kettenhemd, mit absto?endem Korpergeruch und dazu noch fauligem Atem von den verrottenden Zahnen, die er in einem selbstzufriedenen Grinsen fletschte.

Rod seufzte. Es war besser, seine Rolle zu spielen. Den Schlag hatte er verdient, weil er aus dieser Rolle gefallen war. Der Minnesanger diente hier auch zur Abreagierung aggressiver Gefuhle. „Na gut“, murmelte er. „Ich werde mir meine Worte uberlegen.“

Diesmal traf die Faust ihn unter dem Kinn. Wahrend er zurucktaumelte, horte er: „Du hast wohl vergessen, da? man seinen Hoheren mit Herr anspricht!“

Rods Handkante schlug dreimal blitzschnell zu. Das war ihm doch zuviel gewesen. „Ich wurde mich erst mal vergewissern, wer der Hohere ist. Und jetzt fuhr mich zu deinem Herrn!“ Der Herr war, wie sich herausstellte, Lord Loguire. Er sa? am Kopfende eines riesigen ovalen Tisches in der Mitte eines mit prachtigen Wandteppichen behangenen Gemachs. Zu seiner Rechten hatte sein altester Sohn Platz genommen, zu seiner Linken Durer. Die anderen Stuhle waren von acht Mannern belegt, die Rod bekannt vorkamen. Seine Augen weiteten sich, als ihm klar wurde, da? es vier der Hohen Lords — Herzog di Medici, Graf Romanoff, Herzog Bourbon und Prinz Habsburg — mit ihren Ratgebern waren. Nach Loguire waren sie die machtigsten der Hohen Lords. Und wenn diese funf sich hier versammelt hatten, mochten die restlichen sieben da nicht ebenfalls in der Nahe sein?

Der Tisch war zum Fruhstuck gedeckt, aber keiner von den Anwesenden a? mit Genu?. Anselm, beispielsweise, Loguires Sohn, schluckte die Bissen mechanisch, und sein Gesicht war von kalter Wut verzerrt.

Rod schlo? daraus, da? es eine Meinungsverschiedenheit zwischen Vater und Sohn gegeben hatte, aus der der alte Loguire naturlich als Sieger hervorgegangen war — aber nur, indem er seinem Sohn den Mund verboten hatte. Und ihn, Rod, hatte man gerufen, damit er wieder fur Stimmung sorgte. Was von einem Minnesanger nicht alles erwartet wurde!

Durers Gesicht konnte die verstohlene Selbstzufriedenheit kaum verbergen. Bei den anderen Ratgebern war es nicht viel anders. Was immer auch hier geschehen war, es mu?te Durer gerade recht gekommen sein, ja vermutlich war es sogar von ihm in Szene gesetzt worden. Der Mann ist der perfekte Katalysator, dachte Rod. Er wurde nie in die Reaktionen verwickelt, die er ausloste.

Loguire sah seinen Sohn mit stummer Bitte in den alten, rotumranderten Augen an. Aber Anselm gonnte ihm keinen Blick, bis des Herzogs Gesicht zu Stein zu erstarren schien. Als er sich umdrehte, entdeckte er Rod. „Minnesanger!“ donnerte er. „Warum steht Ihr mu?ig herum? Singt uns etwas Frohliches!“

Durers Kopf zuckte herum. Bei Rods Anblick weiteten sich seine Augen. Schrecken verzerrte seine Zuge und wurde von morderischem Ha? abgelost.

Rod lachelte vergnugt und verbeugte sich. Er uberlegte, welches Lied wohl die Spannung in diesem Raum losen konnte. Er befurchtete, da? es hier Sitte war, sich abzureagieren, indem man den Minnesanger verprugelte, wenn es ihm nicht gelang, fur die erwartete Entspannung zu sorgen.

Er begann eine blutrunstige Moritat zu spielen, weil er es fur das Beste hielt, ihnen etwas noch Aufregenderes zu bieten, als das, was immer auch hier vorgefallen war. Er klimperte jedoch zuerst nur herum, ohne gleich zu singen, um die Gesichter der vier Lords zu studieren.

Sie schwankten von brutender Uberlegung zu Verachtung (obgleich unterdruckt). Letztere galt offenbar dem alten Herzog. Es sah ganz so aus, als hatte Loguire hier keine Unterstutzung. Alle schienen auf der Seite seines Sohnes zu sein. „Minnesanger!“

Rod schaute auf. Es war Anselm, der ihn gerufen hatte. Sein Gesicht war in Bitterkeit erstarrt. „Habt Ihr vielleicht ein Lied uber einen, den eine Frau zum Narren halt und der ein doppelter Narr ist, weil er sie trotzdem liebt?“

„Genug!“ donnerte Loguire, doch ehe Anselm etwas sagen konnte, erwiderte Rod: „Viele, mein Lord, aber von einem Mann, der die Frau, die ihm weh getan hat, immer noch liebt.

Und in allen kehrt sie zu ihm zuruck.“

„Hah, sie nimmt ihn wieder auf — um ihn an einem langen Strick von den Zinnen baumeln zu lassen!“

Der alte Herzog richtete sich auf. „Genug der Verleumdung!“ brullte er.

Anselms Stuhl kippte nach hinten, als er aufsprang. „Und ist es Verleumdung, da? sie den stolzen Namen Loguire in den Schmutz gezogen hat? Und nicht nur einmal, sondern zweimal, und sie wird es noch ofter tun!“ Er schlug die Faust auf den Tisch. „Diese Hexe wird noch lernen, da? sie die Ehre ihrer Edlen nicht ungestraft verletzen darf. Wir mussen sie von ihrem Thron zerren und sie ein fur allemal unter unseren Fu?en zertreten!“

Loguires Gesicht lief tiefrot an. Er offnete den Mund, doch ehe er etwas erwidern konnte, murmelte Rod: „Nein, mein Lord, nicht so hart. Nicht gleich Vernichtung, sondern eine Lehre!“

Er stand im Kreuzfeuer von laserstrahlgleichen Blicken Anselms und Durers, aber Loguire polterte mit der Freude und Erleichterung eines Riesen: „Ja! Unser Minnesanger spricht zwar ungebeten, aber er hat recht! Unsere junge Konigin ist eigensinnig, doch das ist auch ein Fullen, ehe man ihm das Zaumzeug anlegt. Sie mu? erst noch lernen, da? ihre Macht nicht absolut ist, da? auch andere das Recht haben, ein Wort mitzureden. Sie ist immerhin die Herrscherin und darf nicht gesturzt werden!“

Anselm stie? einen gurgelnden Laut aus. Er wurgte vor Wut und stotterte fast in seinem Grimm. „Nein — ich sage nein! Eine Frau als Monarch? Das ist Spott und Hohn! Und noch dazu eine arrogante, hurende…“

„Halt den Mund!“ Selbst die vier anderen Hohen Lords schraken vor dieser Donnerstimme zuruck.

Anselm zuckte zusammen und schien sichtlich zu schrumpfen, wahrend Loguire an Gro?e wuchs. Und dann, mit einer Wurde, wie Rod sie noch nie an einem Mann gekannt hatte, ja, mit der wahrhaft majestatischen Wurde, die nur aus dem innersten Wesen selbst kommen kann, setzte Loguire sich wieder und sagte, ohne den Blick von seinem Sohn zu lassen: „Zieh dich in deine Gemacher zuruck. Wir werden bis zum Konklave heute abend nicht mehr davon sprechen!“

Irgendwie gelang es Anselm, das Kinn zu heben und sich auf dem Absatz umzudrehen. Auf dem Weg zur Tur fiel sein Blick auf Rod. Wut stieg in ihm auf. Er hob den Arm, um den Minnesanger zu schlagen.

„Nein!“ donnerte Loguire, und Anselm erstarrte.

„Dieser Mann“, erklarte der Herzog betont langsam, „hat die Wahrheit gesprochen. Ich dulde nicht, da?

Вы читаете Zauberer von den Sternen
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату