„Sprecht so, da? alle es horen konnen!“ erschallte eine neue Stimme, die Rod vertraut vorkam. Sir Maris trat neben den sichtlich erleichterten Wachsoldaten. „Gut gemacht, Rod Gallowglass! Ihr habt den schlimmsten der Rebellen hierhergebracht!“
Loguires Augen verengten sich und spruhten Rod ha?erfullt an.
„Sprecht nicht untereinander“, fuhr Sir Maris fort. „Ich verbiete es. Zwolf Armbruste sind auf euch gerichtet.“
Loguire setzte sich stolz im Sattel auf. Sein Gesicht wirkte wie aus Granit.
„Zwolf?“ sagte Rod spottisch. „Nur zwolf Schutzen, um Herzog Loguire zu toten? Mein guter Sir Maris, ich mu? wohl annehmen, da? Ihr in Eurem Alter unvorsichtig werdet.“
Der Granit zersprang. Loguire widmete Rod einen verwunderten Blick. Rod schwang sich aus dem Sattel und schritt von den Pferden weg zur Brucke. Er schuttelte betrubt den Kopf. „Sir Maris! Mein guter Sir Maris, zu glauben…“
Plotzlich wirbelte er herum und schlug mit einem schrillen Schrei auf die Pferde ein. „Macht kehrt und reitet!“ schrie er.
„Schnell!“
Sir Maris und seine Manner erstarrten vor Verbluffung, als die Pferde drehten und davongaloppierten. Einen Augenblick spater schlugen elf Armbrustbolzen in den Boden, wo die Tiere sich befunden hatten. Nur einer der Schutzen war etwas schneller gewesen, sein Gescho? hatte Gekabs Hinterteil getroffen, war davon abgeprallt und in den Flu? gesegelt, woraufhin erschrockenes Schweigen eingesetzt hatte und das Gemurmel: „Hexenpferd!“ die Runde machte.
„Wirbel ein wenig Staub auf, Gekab!“ murmelte Rod, und sofort baumte der machtige Eisenrappe sich auf, schlug mit den Hufen durch die Luft und wieherte drohend, dann brauste er
durch die Nacht davon. Rod war sicher, da? er Toms und Loguires Spuren verwischen wurde.
Sir Maris bemuhte sich tapfer, ergrimmt dreinzuschauen, aber die nackte Furcht leuchtete aus seinen Augen. Seine Stimme zitterte, als er sagte: „Rod Gallowglass, Ihr habt die Flucht eines Rebellen ermoglicht.“ Er schluckte sichtlich, ehe er fortfuhr: „Deshalb mu? ich Euch wegen Hochverrats festnehmen.“
„Ihr durft es gern versuchen“, erwiderte Rod hoflich.
Die Soldaten redeten verangstigt aufeinander ein und wichen vor Rod zuruck. Keiner wollte die Klingen mit dem Zauberer messen. Sir Maris' Augen weiteten sich erschrocken. Er fa?te eine der Wachen am Arm. „Du, da, lauf voraus und melde der Konigin, was hier vorgeht!“
Der Soldat eilte davon, glucklich daruber, nicht eventuell hier in einen Kampf verwickelt zu werden.
Sir Maris wandte sich an Rod. „Ihr mu?t zur Rechtsprechung zur Konigin kommen, Meister Gallowglass. Begleitet Ihr uns freiwillig?“
Rod mu?te sich beherrschen, um nicht uber die Angst in der Stimme des alten Ritters zu lachen. Sein Ruf brachte zweifellos seine Vorteile mit sich. „Ich komme aus eigenem Willen mit Euch.“
Sir Maris bedachte ihn mit einem dankbaren Blick, doch dann kam ihm der Ernst der Lage offenbar erst richtig zu Bewu?tsein. „Nicht um eine Burg und ein Herzogtum mochte ich in Eurer Haut stecken, Rod Gallowglass. Allein mu?t Ihr nun der Konigin Rede und Antwort stehen.“
„Nun, ich habe ihr auch ein paar Dinge zu sagen“, brummte Rod. „Machen wir uns auf den Weg, Sir Maris.“
Bedauerlicherweise gab der Marsch zur Burg Rod Zeit, uber Catherines letzten Trick nachzudenken, und genauso bedauerlicherweise empfingen ihn mit Piken bewaffnete Soldaten, die mit zitternder Stimme erklarten, sie mu?ten ihn in
Ketten vor die Konigin bringen.
„Oh“, brummte Rod und hob eine Braue. Er schob die auf ihn gerichteten Piken zur Seite, packte den als Boten vorausgeschickten Soldaten und warf ihn gegen den Trupp Wachen, die sich aneinandergedrangt vorsichtig vorwartsschoben. Schlie?lich hob er mit einem heftigen Fu?tritt die Tur aus ihren primitiven Eisenangeln. Sie knallte zu Boden, und er schritt daruber.
Catherine, der Burgermeister der Hauptstadt, und Brom O'Berin sprangen erschrocken von ihren Stuhlen um einen kartenbeladenen Tisch auf, als Rod in den Raum stiefelte.
Brom rannte Rod entgegen, um ihm den Weg zu versperren.
Aber schon war Rod an ihm vorbei. Erst am Tisch machte er halt und sah Catherine mit einem Blick an, der Wasser zu Eis hatte erstarren lassen. Die Konigin wich zuruck und druckte furchtsam die Hand an die Kehle.
Brom hupfte auf die Tischplatte. „Was soll dieses unziemliche Eindringen, Rod Gallowglass? Verschwindet und wartet, bis Ihre Majestat Euch rufen la?t!“
„Ich ziehe es vor, ungekettet vor der Konigin zu erscheinen!“
donnerte Rod. „Und ich lasse nicht zu, da? ein Edelmann von hochstem Stand in ein rattenverseuchtes Verlies mit gemeinen Mordern und Dieben geworfen wird!“
„Ihr la?t es nicht zu?“ krachzte die Konigin.
„Und wer seid Ihr, etwas zuzulassen oder nicht?“ donnerte Brom. „Ihr seid nicht einmal von edlem Blut!“
„Dann mu? ich wohl annehmen, da? edles Blut nur hinderlich ist, wenn es um Taten geht!“ Rod kippte den Tisch um und ging auf die Konigin zu. „Ich hielt Euch fur edel! Doch jetzt sehe ich, da? Ihr Euch gegen Eure eigene Familie wendet, selbst gegen einen, der Euch so nah wie ein Vater ist. Selbst wenn er ein Morder ware, mu?tet Ihr ihn mit der Hoflichkeit und den Ehren empfangen, die Ihr seinem Stand schuldet. Euer prachtigstes Gemach mu?tet Ihr ihm als Zelle uberlassen! Das ist Eure Blutspflicht!“
Er drangte sie zum Kamin zuruck. „Aber nein, als Morder wurdet Ihr ihn gewi? in Ehren aufnehmen! Doch er hat sich der schrecklichsten aller Verbrechen schuldig gemacht, namlich Euch darauf aufmerksam zu machen, da? Eure Gesetze tyrannisch sind, und dann, als Ihr ihn mit aller Berechnung beleidigtet, seine Wurde zu bewahren! Und dazu besteht er noch darauf, mit dem Respekt behandelt zu werden, der einem Mann unter der Herrschaft einer rachsuchtigen, kindischen, trotzigen Halbwuchsigen zusteht, die zwar den Titel einer Konigin tragt, aber nicht ihre Gro?e hat — und deshalb mu? er wie der gemeinste Verbrecher bestraft werden!“
„Schamt Euch, so mit einer Lady zu sprechen!“ stammelte die Konigin kreidebleich.
„Lady!“ schnaubte Rod abfallig.
„Eine geborene Lady!“ Es klang wie ein Verzweiflungsschrei.
„So la?t auch Ihr mich im Stich! Und sprecht mit der Zunge Clovis!“
„Ich spreche vielleicht wie ein Bauer, aber Ihr handelt wie einer. Und nun verstehe ich, weshalb alle Euch verlassen!
Denn selbst den einzigen Eurer Lords, der Euch treu geblieben ist, wollt Ihr in den Schmutz werfen!“
„Treu!“ keuchte sie. „Er, der die Rebellen anfuhrt?“
„Anselm Loguire fuhrt die Rebellen an! Weil er Euch die Treue hielt, wurde der alte Herzog gesturzt!“
Rod lachelte bitter, als er den Schrecken in den Augen des Madchens sah, da sie sich ihrer Schuld bewu?t wurde. Er drehte sich um, um ihr Zeit zu geben, sich der Ungeheuerlichkeit ihrer Tat ganz klar zu werden. Er horte ein schmerzhaftes Stohnen hinter sich, dann rannte Brom an ihm vorbei zu seiner Konigin und half ihr auf einen Stuhl. Der Burgermeister starrte mit gro?en Augen an Rod vorbei. Rod bedeutete ihm, den Raum zu verlassen. Zogernd blickte der Mann zur Konigin. Erst als Rod mit dem Dolchgriff spielte,
ergriff er schleunigst die Flucht.
Rod wandte sich erneut dem verstorten Madchen zu.
Brom warf ihm einen ha?erfullten Blick zu. „La?t es genug sein! Mu?te sie unter Eurer Zunge nicht schon viel zu sehr leiden?“
„Noch nicht!“ Mit kalter Stimme sagte er zu der Konigin: „Euer wahrhaft edler Onkel, Herzog Loguire, stellte sich aus Liebe zu Euch gegen die Gesamtheit Eurer Aristokratie, selbst gegen seinen eigenen Sohn! Und Ihr seid schuld daran, mit Euren selbstherrlichen Gesetzen und Eurem absoluten Mangel an Diplomatie, da? Anselm sich gegen seinen Vater wandte.
Herzog Loguire hatte zwei Sohne, Ihr habt ihn um beide beraubt!“
Sie schuttelte heftig den Kopf, wahrend ihre Lippen sich zum stummen Nein formten.
„Und doch ist er seiner Konigin treu geblieben, obgleich sie ihn deshalb toten wollten — und es ihnen fast gelang!“
Ihre Augen weiteten sich vor Grauen.
