Catherine blickte ihn dankbar an.
„Solange Ihr die Wahrheit sprecht“, fuhr Tuan fort, „durft Ihr sie tadeln. Doch wenn Ihr sie beschuldigt, etwas getan zu haben, was nicht so ist, dann darf ich Euch nicht sprechen lassen!“
Rod hatte gute Lust, ihm ins Gesicht zu spucken. Doch statt dessen wandte er sich erneut Catherine zu, die nun wieder hocherhobenen Hauptes auf dem Thron sa? und ihre arroganteste Miene aufsetzte.
„Verge?t nicht“, knurrte er, „da? eine Konigin, die ihre Launen nicht unter Kontrolle hat, eine schwache Regentin ist.“
Wieder erbla?te sie.
„Hutet Eure Zunge!“ grollte Tuan.
Die Wut in Rod wurde so machtig, da? er einen Augenblick erstarrte, bis sie alle Bande in ihm brach und davonflutend eine eisige Ruhe in ihm zurucklie? und ihm klar zeigte, was er tun mu?te und weshalb — und was die Folgen fur ihn sein wurden…
Catherine lachelte nun wieder selbstzufrieden und uberheblich, als sie sah, da? Rod bei Tuans Drohung zogerte. „Habt Ihr noch etwas zu sagen, Herr?“ fragte sie spottisch von oben herab.
„Ja! Was ist das fur eine Konigin, die ihr eigenes Volk verrat?“
Er holte aus und schlug ihr die Hand ins Gesicht.
Sie heulte und schlug gegen die Ruckenlehne des Thrones.
Schon war Tuan heran und stie? die Faust vor.
Rod duckte sich unter dem Hieb, packte Tuan und brullte: „Gekab!“
Tuans Fauste hammerten auf ihn ein, aber Rod lie? ihn nicht los. Er sah, da? die anderen Generale herbeisturmten. Doch Gekab war schneller. Rod versuchte zu vergessen, was fur ein netter Junge Tuan im Grund genommen war, und hieb ihm das Knie zwischen die Beine. Jetzt gab er ihn frei und sprang in den Sattel, als Tuan fiel und sich vor Schmerzen wand.
Gekab wirbelte herum und sprang uber die Kopfe der herbeieilenden Gardesoldaten. Als er davongaloppierte, horte Rod, wie Catherine Tuans Namen schrie. Grinsend lie? er sich von Gekab weitertragen, doch plotzlich wurde das Grinsen zu einem stummen Schrei, als seine verwundete Schulter zu explodieren schien. Er drehte den Kopf. Der Schaft eines Armbrustge schosses ragte am Rucken heraus. Nachdem sie einen weiten Kreis durch Wald und Feld gezogen hatten und Kilometer weit durch einen Bach gewatet waren, um ihre Spuren zu verwischen, kehrten Rod und Gekab in der Abenddammerung zu einem Hugel uber dem Schlachtfeld zuruck.
Am Rand eines Waldchens lie? Rod sich aus dem Sattel fallen und lehnte sich gegen einen Baum. Er schaute hinunter auf die Lagerfeuer und lauschte dem frohlichen Larm der Siegesfeier. Er seufzte und wandte sich dem dringlichsten Problem, namlich seiner Schulter zu. Trotz des schmerzstillenden Mittels, das er genommen hatte, machte sie ihm zu schaffen. Der Widerhaken des Geschosses schien vor dem Schlusselbein neben dem Schultergelenk zu stecken. Wie durch ein Wunder hatte es sowohl den Knochen als auch die Schlagader verfehlt. Ein leiser Knall wie von einer Miniaturschockwelle war zu horen. Er schaute hoch und sah Gwendylon sich mit Tranen in den Augen zu ihm herabbeugen. „Mein Lord! Mein Lord! Seid Ihr schwer verletzt?“
Rod lachelte und zog ihren Kopf zu seinem herab. Er antwortete mit einem ausgiebigen Ku?. Errotend befreite sie sich. „Ihr seid wohl doch nicht so schlimm verwundet, wie ich befurchtete.“
„O Madchen!“ Rod zog sie in seine Arme. „Ich war einsam auf dem langen Ritt!“
„Ich ware eher gekommen, aber ich mu?te warten, bis Ihr endlich anhieltet“, sagte sie entschuldigend. „Doch nun zu Eurer Schulter. Es wird weh tun, mein Lord.“
Rod bi? die Zahne zusammen, als sie das festklebende Wams loste. „Verband ist in der Satteltasche“.
Sie kniete sich neben ihn und verhielt sich vollig still. Rod runzelte die Stirn und fragte sich, was sie machte. Plotzlich durchzuckte ihn gluhender Schmerz. Er spurte, wie die Gescho?spitze sich behutsam und, wie es schien, ganz von allein genau in der Bahn, die sie verursacht hatte, zuruckzog.
Durch schmerzverschleierte Benommenheit dachte er, da? diese Hexen die Erfullung des Traumes fur Chirurgen waren.
Das Gescho? glitt vorsichtig aus seiner Haut, dann plotzlich wirbelte es heftig durch die Luft und zerschmetterte auf einem Stein. „Das werde ich mit allen machen, die Euch Schmerzen zufugen wollen, Mylord!“ fauchte Gwendylon.
Rod schauderte, als ihm das Ausma? ihrer Krafte bewu?t wurde.
Das Madchen griff nach dem Verband. „Nein, erst der Puder aus dem Silberbeutel“, hielt Rod sie zuruck. „Er stoppt das Bluten.“
„Ich wurde lieber Krauterumschlage verwenden“, sagte sie zweifelnd, „aber wie Ihr wollt.“
„Es sieht so aus, als mu?test du standig diese Schulter verbinden“, murmelte er.
„Ja, mein Lord. Ich wollte, Ihr wurdet besser darauf aufpassen.“
Jemand rausperte sich ganz in der Nahe. Rod blickte auf und sah eine gedrungene Silhouette in den Baumschatten.
„Kommt ruhig herbei, Freund Brom“, rief Rod. „Aber im Gegensatz zu jenem im Tal ist uns nicht nach Feiern zumute.
Fur uns sind die Fruchte des Sieges heute sauer.“
Brom setzte sich mit gesenktem Kopf, die Hande auf dem Rucken verschrankt, auf eine Wurzel.
Rod runzelte die Stirn. Der Zwerg benahm sich komisch, ungewohnlich. „Welche Laus ist dir ubers Leberlein gelaufen?“ knurrte er.
Brom seufzte und stutzte die Ellbogen auf die Knie. „Du hast mir heute viel Herzeleid bereitet, Rod Gallowglass.“
„So wie du es sagst, klingt es eher wie Magenschmerzen. Ich nehme an, du warst nicht sehr erfreut uber die Art und Weise, wie die Dinge verliefen?“
„Im Gegenteil, ich war hochst erfreut. Und doch…“ Brom vergrub das Gesicht in den aufgestutzten Handen. „Ich mu? gestehen, da? ich anfangs erzurnt uber dich war.“
„Was du nicht sagst!“
„Ja. Doch das war, ehe ich deinen Plan durchschaute.“
„Ah, und dann kamst du dahinter, was ich beabsichtigte?“
„Nein. Ich werde alt, Rod Gallowglass…“
Rod schnaubte.
„Danke.“ Brom schaute ihn an, dann neigte er den Kopf. „Aber es ist wahr, ich werde alt, und man mu? mich erst mit der Nase daraufsto?en…“
„Worauf?“
„Nun, es war eine ruhrende Szene!“ Brom lachelte ein wenig sarkastisch. „Zuerst brachte Catherine nichts anderes heraus als:,Oh, mein Liebster! Du bist verletzt! Und dann rief sie nach Arzten und Krautern, bis Tuan endlich auf die Beine kam und versicherte, da? seine Verwundung nicht schwer sei. Und da fiel sie ihm weinend um den Hals und nannte ihn schluchzend ihren Beschutzer und den Retter ihrer Ehre. Und sie beruhigte sich nicht, bis er schwor, da? er sie heiraten wurde!“ Broms Lacheln wurde weicher. „Ja, es war schon, das zu horen und zu sehen.“
Rod nickte mude und schlo? die Lider. „Wann ist die Hochzeit?“
„Sobald sie dreimal in einer Kirche gerufen werden. Catherine wollte sie sofort, aber Tuan weigerte sich. Er sagte, sie sei die Konigin und die Rose aller Frauen, und es mu?te eine Hochzeit geben, die ihres Standes wurdig sei.“
„Ein vielversprechender Anfang.“
„Oh, es kam noch besser! Denn Tuan drehte sich zu den zwolf Hohen Lords um und sagte:,Und was machen wir mit ihnen? Da rief Catherine:,Wie du es fur richtig haltst, mein Liebster!
Aber tu es schnell, damit wir aufbrechen konnen!“
„Ein gutes Zeichen“, pflichtete Rod Brom bei. „Und was tat er mit ihnen?“
„Er loste ihre Ketten und schickte sie zuruck in ihre Domanen, aber er verlangte von jedem eine Geisel, von zwolf Jahren oder junger, ihres eigenen Blutes, ob nun Sohn, Tochter, Enkel oder Enkelin, die in der Burg der Konigin aufwachsen soll.“
Rod nickte. „Mu?te klappen. So hat er die Chance, eine neue Generation zu erziehen, die der Krone treu ergeben ist.“ Er lehnte sich gegen die rauhe Baumrinde und fuhlte sich vollig ausgelaugt. „Ich bin froh, da? es
