Prilicla folgte ihnen und sagte: „Es tut mir leid, wenn ich Sie verwirrt hab, meine Freunde. Der Uberlebende bewegt sich zwar langsam, liegt aber in viel zu tiefer Bewu?tlosigkeit, um sich selbst zu bewegen.“
Die Anzugscheinwerfer leuchteten jetzt einen Raum aus, der an einigen Stellen zum All hin offen war. Hier wimmelte es von herumschwebenden Trummerstucken, Regalen und Behaltern verschiedener Gro?en und einer Unmenge glanzender Pakete, die wahrscheinlich versiegelte Lebensmittel enthielten. Die Leichname dreier Aliens, die keine Raumanzuge trugen, waren zerfetzt und angeschwollen — ein Folge des Doppeleffekts der beim Zusammenprall erlittenen starken au?erer Verletzungen und der explosionsartigen Dekompression. Durch ein Gewirr von zerfetztem Metall erhellten die Au?enstrahler der Rhabwar jene Bereiche der Kabine, die von den Lichtkegeln der Anzugscheinwerfer nicht mehr erfa?t wurden.
„Ist er hier drin?“ fragte Fletcher unglaubig.
„Ja, ganz bestimmt“, bestatigte Prilicla.
Der Empath deutete auf einen gro?en Metallbehalter, der langsam an der entferntesten Wand entlangtrieb. Das schrankahnliche Gebilde war durch heftige Zusammensto?e mit anderen Metallteilen vollig zerkratzt und zerschrammt. Au?erdem hatte es eine wenigstens funfzehn Zentimeter tiefe Beule. Ein feiner Dunst umhullte den Behalter und lie? auf das allmahliche Entweichen der im Innern eingeschlossenen Atmosphare schlie?en.
„Naydrad!“ rief Conway entschlossen. „Gehen Sie an Bord, und vergessen Sie Ihre Drucktrage. Der Uberlebende hat schon fur eine eigene gesorgt. Sie verliert allerdings an Druck. Wir werden ihn jetzt in seinem Metallbehalter nach drau?en in Ihr Blickfeld schieben. Dann konnen Sie ihn mit einem Traktorstrahl an Bord ziehen lassen. Aber machen Sie so schnell wie Sie konnen, Naydrad.“
Wahrend sie den Container durch einen breiten Spalt in der Au?enwand des Wracks nach drau?en manovrierten, fragte der Captain: „Sollen wir uns hier noch langer nach Informationen uber diese Spezies umsehen oder lieber in anderen Wrackteilen nach weiteren Uberlebenden suchen, Doktor?“
„Wir werden auch noch woanders nach Uberlebenden suchen, Captain, aber erst werden wir den Alien aus seinem Behalter holen“, antwortete Conway ohne Zogern. „Denn mit etwas Gluck wird er uns alles erzahlen konnen, was wir uber seine Spezies wissen wollen…“
Als der Container aufs Unfalldeck geschafft worden war, untersuchte der Captain den Mechanismus der Verschlu?klappe. Nach seinen Worten handelte es sich um einen einfachen Bedienungsmechanismus. Au?erdem habe die Stabilitat der Klappe und der Rahmenkonstruktion gerade diese Seite des Containers wahrend des Zusammenpralls vor einer Verformung verschont.
„Er meint damit, die Klappe la?t sich offnen“, ubersetzte Dodds trocken.
Fletcher warf dem Lieutenant einen zornigen Blick zu und sagte dann: „Die Frage ist nur, ob wir die Tur offnen sollen, ohne vorher zusatzliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Was meinen Sie, Doktor?“
Conway horte auf zu bohren und entnahm aus dem Innern des Schranks eine Atmosphareprobe, bevor er antwortete. „Captain, in diesem Behalter steckt jedenfalls kein terrestrischer DBDG mit Grippe“, entgegnete er, wahrend er Murchison die Probe zur Analyse ubergab. „Vielmehr werden wir auf einen ET einer bislang unbekannten Spezies sto?en, der dringend medizinische Hilfe benotigt. Und von extraterrestrischen Krankheitserregern haben wir nichts zu befurchten, das hab ich Ihnen ja schon erklart.“
„Ich mache mir ja auch nur Sorgen uber die Ausnahme, die die Regel bestatigen konnte, Doktor“, erwiderte der Captain hartnackig. Dennoch offnete er das Visier an seinem Helm, um so allen zu zeigen, da? er sich nicht allzu gro?e Sorgen machte.
„Doktor Prilicla, bitte in zehn Minuten zur Luftschleuse“, bat Haslams Stimme aus dem Kontrollraum.
Der kleine Empath schwebte kurz uber dem Container und versicherte, da? mit der emotionalen Ausstrahlung des Uberlebenden keine spurbare Veranderung vorgegangen sei. Er befinde sich noch immer in tiefer Bewu?tlosigkeit, sei aber weit davon entfernt, unheilbar krank zu sein.
Dann eilte Prilicla zur Luftschleuse, damit er beim Nahanflug des Astronavigators an das nachste Wrackteil sagen konnte, ob auch dort drinnen irgend jemand uberlebt hatte oder nicht. Als der Cinrussker das Kommandodeck verlie?, blickte Murchison vom Bildschirm des Analysators auf.
„Wenn man davon ausgeht, da? die erste Probe aus einer Kabine mit normaler Atmospharezusammensetzung und normalem Druck stammt, dann konnten wir uns — abgesehen von ein paar harmlosen, in unserer Schiffsatmosphare nicht enthaltenen Spurenelementen — ziemlich glucklich schatzen, die gleiche Luft zu atmen wie diese Aliens“, berichtete sie. „Die Probe aus dem Schrank hingegen hat nur den halben Normaldruck und einen hohen Kohlendioxid- und Wasserdampfgehalt. Kurz gesagt, die Luft im Schrank ist gefahrlich dunn und verbraucht. Je eher wir den Alien dort herausholen, desto besser.“
„Gut“, erwiderte Conway. Er zog den Bohrer zur Entnahme der Proben heraus, ohne dabei das entstandene Loch wieder zu verschlie?en. Als die Luft des Unfalldecks pfeifend in den Schrank hineinstromte, fugte er hinzu: „Offnen Sie bitte die Tur, Captain.“
Der Container lag jetzt auf der Ruckseite, so da? sich der Verschlu? der Offnungsklappe, eine rechteckige Metallplatte mit drei kegelformigen Vertiefungen, oben befand. Fletcher zog einen seiner Handschuhe aus, druckte drei Finger fest in die Einkerbungen und schob die Platte zur Seite.
Es klickte laut und Fletcher schwang die Tur nach oben. Im Innern des Schranks lag eine einzige wirre, blutige Masse.
Conway brauchte mehrere Minuten, um das Vorgefallene zu begreifen und die blutdurchtrankte Kleidung oder das Bettzeug um den Uberlebenden herum zu entfernen. Der Container hatte fruher einmal tatsachlich als Schrank gedient und wohl uber zwanzig Regale enthalten.
Diese hatte man eiligst herausgezogen und die metallenen Regaltrager zum Schutz des Insassen mit Bettzeug oder Kleidungsstucken gepolstert. Aber die Kollision war sehr heftig gewesen, und au?erdem hatte man fur eine fachmannische Befestigung der Polsterung an den Tragern keine Zeit mehr gehabt. Deshalb waren sowohl die Polsterung als auch der Uberlebende im Innern des Schranks durcheinandergewirbelt worden. Der bedauernswerte Alien, der noch immer aus zahllosen Ri?wunden blutete, die von den scharfkantigen Regaltragern herbeigefuhrt worden waren, war fest in eine Ecke des Metallschranks gepre?t worden. Durch die vom geronnenen Blut vollig verfilzten und buschelig gewordenen Pelzhaare hindurch konnte man das buntgestreifte Fell des Aliens kaum noch erkennen.
Murchison und Naydrad halfen Conway, den Uberlebenden mit au?erster Vorsicht aus dem Schrank herauszuheben und auf den Untersuchungstisch zu legen. Eine der klaffenden Wunden an der Seite begann wieder starker zu bluten, aber bisher wu?ten sie noch nicht genug uber das Wesen, um es zu riskieren, eins der ublichen Gerinnungsmittel anzuwenden.
„In seiner Kabine hat es anscheinend keine Raumanzuge gegeben“, sagte Conway, wahrend er den Korper des Aliens mit dem Scanner abtastete.
„Aber die Insassen der Kabine mussen ein paar Minuten vor der Kollision Bescheid gewu?t haben. Unserem Patienten hier hat die Zeit anscheinend gereicht, den Schrank leerzuraumen, auszupolstern und hineinzusteigen. Die restlichen drei, die wir gesehen haben, hat er in der Kabine zuruckgelassen und so dem…“
„Nein, Doktor“, widersprach der Captain. Er zeigte auf den luftdichten Schrank und fuhr fort: „Den kann man nicht von innen offnen oder schlie?en. Die vier Aliens mussen sich entschlossen haben, wer von ihnen uberleben sollte. Und fur dieses Uberleben haben sie ihr Bestes getan. Sie haben au?erst schnell und, ich wurde sagen, ohne lange Diskussionen gehandelt. Als Spezies scheinen sie sehr… ah… zivilisiert zu sein.“
„Aha“, entgegnete Conway ohne aufzublicken.
Er wu?te zwar nicht, ob eins der inneren Organe des Uberlebenden starker verschoben war, doch nach dem Scanner zu urteilen, wies keins der gro?eren Orgore Verletzungen oder eine vollkommen falsche Lage auf.
Das Ruckgrat war ebenfalls unverletzt, ebenso wie der langgestreckte Brustkorb. Auf dem Rucken befand sich direkt uber dem Ansatz des dicken, pelzigen Schwanzes eine hellrosa Stelle, die Conway zuerst fur einen Fleck hielt, an dem das Fell fehlte, aber eine genauere Untersuchung zeigte, da? es sich um ein naturliches Merkmal handelte. Au?erdem entdeckte Conway an dieser Stelle gro?e, schuppige Flocken, an denen anscheinend irgendein Farbstoff haftete. Der gegen den Korper gedruckte und vom Schwanz teilweise verdeckte Kopf des Wesens war kegelformig, mit dichtem Fell besetzt und erinnerte entfernt an ein Nagetier. Der Schadel selbst schien zwar unversehrt zu sein, wies aber an mehreren Stellen Spuren von subkutanen Blutungen auf, die sich bei einem Wesen ohne Gesichtsfell als starke blaue Flecken gezeigt hatten. Auch aus dem Mund des Alien rann etwas Blut, doch Conway konnte sich nicht sicher sein, ob diese Blutung die Folge einer au?eren Einwirkung oder einer durch Dekompression verursachten Lungenverletzung war.
„Helfen Sie mir, ihn in ausgestreckte Lage zu bringen“, bat er Naydrad.
