standig vier Schulungsbander im Kopf gespeichert und stand Geruchten zufolge kurz vor der Beforderung zum Diagnostiker. Wenn ein Chirurg vom Rang eines Edanelt zum Assistieren gerade gut genug war, dann sollte Conway wenigstens dazu in der Lage sein, bei der Operation auch ohne die Ausstrahlung von allzu gro?en Neidgefuhlen zuzusehen.

Trotz der vielen hundert, von Tralthanern durchgefuhrten Operationen, die Conway schon mitverfolgt hatte, wunderte er sich immer wieder, wie solch eine riesige und korperlich unbeholfene Spezies die besten Chirurgen der Foderation hatte hervorbringen konnen. Die DBPK-Patientin ahnte gar nicht, was fur ein Gluck sie hatte. Denn im Orbit Hospital sagte man, da? kein auch noch so hoffnungslos erkranktes Wesen jemals verloren war, wenn es unter der personlichen Obhut von Thornnastor stand. Der Diagnostiker selbst soll einmal dazu gesagt haben, da? so etwas schon deshalb vollkommen undenkbar sei, weil davon uberhaupt nichts in seinem Vertrag stunde… „Sie kommt wieder zu Bewu?tsein“, meldete Prilicla keine zehn Minuten nach Beendigung der Operation plotzlich. „Und zwar sehr schnell.“

Thornnastor gab einen gerauschvollen und unubersetzbaren Laut von sich, der wahrscheinlich Freude und Genugtuung ausdruckte, und sagte dann: „Ein so schnelles Ansprechen auf die Behandlung la?t eine vielversprechende Prognose zu und deutet meiner Meinung nach auf eine fruhzeitige Genesung der Patientin hin. Aber wir sollten ein bi?chen weiter vom Tisch zurucktreten. Denn obwohl ein Angehoriger einer raumreisenden Spezies an den Anblick anderer Lebensformen gewohnt sein sollte, konnte unsere Patientin in ihrem geschwachten Zustand durch die unmittelbare Nahe einer Gruppe solch gro?er und unterschiedlicher Wesen wie uns doch einen gehorigen Schrecken bekommen. Meinen Sie nicht auch, Doktor Prilicla…?“

Aber der kleine Empath hatte zu einer Antwort keine Gelegenheit mehr, denn die Patientin offnete gerade die Augen und kampfte so gewaltsam gegen die Korpergurte an, da? der in der Luftrohre steckende Schlauch herauszurutschen drohte.

Instinktiv griff Thornnastor uber die Patientin, um den Luftschlauch festzuhalten, doch dadurch geriet die DBPK in nur noch gro?ere Panik.

Ihre Angst war so gro?, da? der fur Emotionen empfangliche und an der Decke haftende Prilicla durch sein ungemein heftiges Zittern Gefahr lief abzusturzen. Plotzlich versteifte sich die Patientin und blieb mehrere Minuten lang vollkommen regungslos liegen. Aber als der Cinrussker Mitgefuhl und Beruhigung ausstrahlte, entspannte sie sich allmahlich wieder.

„Danke schon, Doktor Prilicla“, sagte Thornnastor. „Wenn wir die Verstandigung hergestellt haben, werde ich mich wohl bei der Patientin entschuldigen mussen, da? ich sie fast zu Tode erschreckt hab. Versuchen Sie ihr in der Zwischenzeit unser Wohlwollen klarzumachen.“

„Naturlich, Freund Thornnastor“, entgegnete der Empath. „Mittlerweile empfindet sie keine panische Angst mehr, sondern ist eher besorgt. Sie scheint uber irgend etwas zutiefst beunruhigt zu sein, das ich…“ Prilicla brach den Satz ab und fing wieder heftig zu zittern an.

Dann geschah etwas vollkommen Unmogliches.

Thornnastor geriet auf seinen sechs stammigen Beinen, die den Angehorigen der tralthanischen Spezies normalerweise einen so festen Stand gaben, da? sie haufig sogar im Stehen schliefen, gehorig ins Schwanken, dann sturzte er kopfuber auf die Seite, wobei das dadurch entstandene Gerausch Conways Anzugmikrofon total uberlastete. Ein paar Meter vom Behandlungstisch entfernt, sank der Melfaner Edanelt, Thornnastors Assistent, langsam zu Boden. Seine sechs mit vielen Gelenken versehenen Beine wurden zunehmend schlaffer, bis er schlie?lich mit der Unterseite seines Ektoskelett gerauschvoll auf den Boden schlug. Auch die kelgianische Operationsschwester war zu Boden geglitten, wahrend der silbrige Pelz auf dem langen, zylindrischen Korper wogte und Falten warf, als wurde uber ihn ein kleiner Wirbelsturm toben. Ein neben Conway stehendes Mitglied des Transportteams fiel kraftlos auf Hande und Knie, kroch noch ein kurzes Stuck uber den Boden, rollte schlie?lich auf die Seite und krummte sich zusammen. Aus Conways Translator kam jetzt kein einziges verstandliches Wort mehr, da viel zu viele ETs gleichzeitig sprachen und die Terrestrier sie noch zu ubertonen versuchten.

„Das kann doch einfach nicht wahr sein…“, rief er unglaubig.

Aus dem Kopfhorer in seinem Helm ertonte Murchisons Stimme uber die Schiffsfrequenz. „Drei extraterrestrische Lebensformen und ein terrestrischer DBDG mit vier grundlegend verschiedenen Metabolismen und automatischer Immunitat gegenuber Krankheiten anderer Spezies… das ist gleich vierfach unmoglich! Soweit ich sehen kann, gibt es keine Anzeichen dafur, da? die anderen im Raum anwesenden Wesen betroffen sind.“

Selbst bei der Beobachtung des Unmoglichen blieb Murchison kuhl und sachlich.

„… aber es ist nun mal geschehen“, setzte Conway sein Selbstgesprach fort. Er drehte den Au?enlautsprecher des Anzugs lauter und sagte mit fester Stimme: „Hier spricht Chefarzt Conway. Ich gebe Ihnen jetzt folgende Anweisungen: Alle Mitglieder des Transportteams schlie?en sofort ihre Helme. Teamleiter, geben Sie Kontaminierungsalarm Stufe eins. Alle anderen entfernen sich unverzuglich von der Patientin…“ — wie Conway sah, taten sie das jedoch bereits in an Panik grenzender Eile —, „… diejenigen, die schon einen Schutzanzug tragen, bleiben hier. Die ungeschutzten Sauerstoffatmer begeben sich zur Drucktragbahre und schlie?en sich dort zusammen mit so vielen anderen wie moglich luftdicht ein. Alle dann noch Ubriggebliebenen benutzen die Atemmasken und Sauerstoffvorrate der Beatmungsmaschinen auf der Station. Es scheint sich um irgendeine durch die Luft ubertragene Infektion zu handeln…“

Als auf dem Hauptbildschirm der Beobachtungsstation die zornigen Gesichtszuge des Chefpsychologen aufflammten, brach Conway ab.

Wahrend O'Mara sprach, konnte Conway im Hintergrund das standig wiederholte, aus einem langen und zwei kurzen Huptonen bestehende Signal der Notsirene horen, das den Worten des Chefpsychologen zusatzliche Dringlichkeit verlieh.

„Warum, zum Teufel, melden Sie da unten eine lebensbedrohliche Verseuchung, Conway? Verdammt noch mal, bei Ihnen kann gar keine Verseuchung der Luft oder des Wassers stattgefunden haben, es sei denn, die ganze Station ist uberflutet und Sie alle ertrinken gerade. Aber dafur kann ich uberhaupt keine Anzeichen erkennen!“

„Einen Moment“, bat Conway. Er kniete gerade neben dem zu Boden gesturzten Mitglied des Transportteams und tastete mit der Hand durch das offene Helmvisier an der Schlafenarterie nach dem Puls. Schlie?lich fand er ihn, ein schnelles, unregelma?iges Pochen, das ihm uberhaupt nicht gefiel, und er verschlo? sofort das Visier des Mannes. „Vergessen Sie nicht, samtliche nicht von den Masken bedeckte Atemoffnungen wie Nasenlocher, die Kiemen der Melfaner und die Sprechoffnung bei den Kelgianern zu verschlie?en“, sagte Conway zu den Anwesenden auf der Station. „Und Sie da, der illensanische Arzt! Wurden Sie Thornnastor und den Melfaner Edanelt untersuchen? Schnell, bitte! Prilicla, wie geht es der Patientin?“

Der Chloratmer watschelte sofort zum umgesturzten Thornnastor. „Ich hei?e ubrigens Gilvesh, Conway“, sagte er, wobei sein transparenter Anzug laut raschelte. „Aber fur mich sehen die DBDGs auch alle gleich aus, deswegen sollte ich wohl nicht beleidigt sein.“

„Entschuldigen Sie, Gilvesh“, erwiderte Conway schnell. Die chloratmenden Illensaner galten allgemein als optisch absto?endste und gleichzeitig korperlich eitelste Spezies der Foderation. „Eine schnelle Diagnose, bitte. Fur andere Sachen haben wir jetzt keine Zeit. Was ist mit Thornnastor passiert, und worin bestehen die unmittelbaren physiologischen Auswirkungen?“

„Mein Freund“, meldete sich der immer noch heftig zitternde Prilicla zu Wort. „Der DBPK-Patientin geht es schon viel besser. Sie strahlt zwar noch Verwirrung und Beunruhigung aus, dafur aber keine Furcht mehr und nur noch minimales korperliches Unbehagen. Dagegen macht mir der Zustand der vier Kollegen gro?e Sorgen. Aber leider ist deren emotionale Ausstrahlung wegen des hohen Emotionspegels auf der Station fur eine genaue Bestimmung zu schwach.“

„Aha“, erwiderte Conway. Er wu?te, da? es der kleine Empath niemals uber sich bringen wurde, die emotionalen Unzulanglichkeiten anderer Wesen auch nur ansatzweise zu kritisieren. „Achtung, alle mal herhoren!“

fuhr er fort. „Abgesehen von den vier bereits betroffenen Wesen, gibt es keine unmittelbaren Anzeichen fur eine weitere Ausbreitung der Krankheit, Infektion oder was auch immer. Ich wurde sagen, alle, die durch die Hulle des Druckzelts geschutzt sind oder durch eine Maske atmen, sind im Moment sicher. Also beruhigen Sie sich bitte! Wir sind darauf angewiesen, da? uns Prilicla mit einer schnellen Diagnose der Beschwerden Ihrer Kollegen hilft. Die kann er aber nicht stellen, wenn Sie alle Ihren Emotionen freien Lauf lassen.“

Wahrend Conway diese Bitte vorbrachte, loste sich Prilicla von der Decke und flatterte mit seinen schimmernden Flugeln zu der kelgianischen Operationsschwester hinuber, die zur Zeit nur noch wie ein silbriger Fellhaufen aussah. Er zog seinen Scanner heraus und untersuchte damit den Korper der Kelgianerin. Gleichzeitig

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