Und die Uberlegungen uber die von Gilvesh mitgefuhrte, streng begrenzte Menge an atembarem Chlor oder die vom TLTU benotigte uberhitzte Atmosphare schob er gleich beiseite.
Zuallererst mu?te er an die Patienten denken und versuchen, sie so lange wie moglich am Leben zu erhalten. Und das nicht nur, weil es sich um Freunde und Kollegen handelte, sondern auch, weil sie als erste befallen worden waren. Er mu?te den Infektionsverlauf so vollstandig wie moglich aufzeichnen, damit die Hospitalarzte aller Dienstgrade und Spezies spater genau wissen wurden, welche Krankheit sie zu bekampfen hatten.
Aber der Kampf mu?te erst einmal hier auf der Beobachtungsstation beginnen, und es gab ein paar Dinge, die Conway tun oder zumindest versuchen konnte zu tun.
Er sagte: „Gilvesh, gehen Sie doch bitte in die Ecke zu dem TLTU und dem Hudlarer mit der Maske. Ich wei? namlich nicht, ob deren Translatoren mich auf diese Entfernung empfangen konnen. Bitten Sie die beiden, Thornnastor zu der freien Stelle an der Wand neben dem Eingang zur Schleuse zu bringen. Falls die beiden glauben, das schaffen zu konnen, weisen Sie sie darauf hin, da? man Tralthaner unter normalen Schwerkraftverhaltnissen nie auf den Rucken drehen darf, weil sich dadurch die inneren Organe verlagern und die Atembeschwerden noch schlimmer werden konnen. Bitten Sie auch einen der Manner vom Transportteam, wahrend dieser Aktion Thornys Maske festzuhalten.
Wenn Thornnastor sich schlie?lich an der Wand befindet, legen Sie ihn dort so hin, da? seine Beine in den Raum zeigen, und bitten Sie vier Teammitglieder, Ihnen bei…“
Wahrend seiner Anweisungen dachte Conway an all die Physiologiebander, die er sich wahrend seiner beruflichen Laufbahn im Orbit Hospital gezwungenerma?en ins Gehirn hatte uberspielen lassen mussen und die in einigen wenigen Fallen nicht vollkommen wieder geloscht worden waren. Naturlich war keine dieser gleichzeitig seltsamen wie wunderbaren Personlichkeiten, die diese Aufzeichnungen ihrer Gehirnstrome zur Verfugung gestellt hatten, auch nur teilweise in seinem Gedachtnis zuruckgeblieben, denn das hatte psychologisch au?erst gefahrlich sein konnen. Doch konnte er sich noch bruchstuckhaft an Informationen erinnern, die in erster Linie physiologische und chirurgische Verfahren betrafen, weil sich wahrend der partiellen Kontrolle der ET-Personlichkeit uber sein Gehirn der terrestrische Teil fur dieses Wissen ganz besonders interessiert hatte. Das, was er mit der kelgianischen OP-Schwester zu tun beabsichtigte, war sehr gefahrlich — und da er an die Physiologie der DBLFs im Bereich der Atemwege eine nur noch au?erst vage Erinnerung hatte, konnte er es wahrscheinlich auch nur stumperhaft durchfuhren. Aber zuerst einmal mu?te er etwas fur Thornnastor tun, auch wenn es nicht mehr als eine Erste- Hilfe-Ma?nahme war.
Der Druckanzug des TLTU-Arztes, dessen Spezies in einer Umwelt aus e?baren Mineralien und extrem hei?em Dampf lebte, glich einem auf Raupenketten montierten kugelformigen Dampfkochtopf mit Fernbedienung. Dieses Fahrzeug war zwar eigentlich nicht zum Transport von bewu?tlosen Tralthanern gedacht, konnte solch eine Aufgabe aber ohne gro?ere Schwierigkeiten ubernehmen.
Der hudlarische Arzt, der der Klassifikation FROB angehorte, war ein bulliges, birnenformiges Wesen, dessen Heimatplanet die vierfache Erdanziehungskraft besa?. Die Atmosphare auf Hudlar war voll von aufgelosten Substanzen tierischer und pflanzlicher Organismen, so da? sie einer dickflussigen Suppe ahnelte. Obwohl die FROBs zu den Warmblutern gehorten und praktisch gesehen Sauerstoffatmer waren, konnten sie lange Zeit ohne Luft uberleben, wenn sie ausreichend mit Nahrung versorgt wurden, die sie direkt durch den zwar dicken, jedoch au?erst durchlassigen Hautpanzer aufnahmen. Nach Conways Schatzung hatte sich der hudlarische Arzt die letzte Mahlzeit vor weniger als zwei Stunden auf die Haut gespruht, dafur sprach die flockige Konsistenz der Nahrstoffschicht auf dem Panzer. Eigentlich mu?te der FROB also auch ohne Sauerstoffmaske lange genug aushalten konnen, um Thornnastor zu helfen.
„… wahrend der TLTU und der Hudlarer Thornnastor zur Wand hinuberbringen, lassen Sie Ihre Leute die Drucktragbahre so nah wie moglich an die kelgianische Oberschwester heranschieben“, setzte Conway seine Anweisungen an den Leiter des Transportteams fort. „In der Trage befindet sich namlich ein kelgianischer Diagnostiker. Bitten Sie ihn, mir bei der Durchfuhrung des Luftrohrenschnitts die notwendigen Anleitungen zu geben, und sorgen Sie dafur, da? er durch die Hulle der Trage einwandfreie Sicht auf das Operationsfeld hat. Ich bin in ein paar Minuten bei der kelgianischen Schwester, sobald ich nach Edanelt gesehen hab.“
„Edanelts Zustand ist stabil, mein Freund“, berichtete Prilicla, der zu dem Hudlarer und dem zischenden, metallenen Schwerlaster des TLTUs respektvollen Abstand einhielt, als die beiden gerade Thornnastor zur Wand brachten. Der Cinrussker landete zur besseren Wahrnehmung der emotionalen Ausstrahlung Edanelts federleicht auf dem Panzer des Melfaners. „Er atmet zwar unter Schwierigkeiten, schwebt aber nicht in unmittelbarer Lebensgefahr.“
Von den drei betroffenen ETs hatte sich der Melfaner von der DBPK-Patientin wahrend der Untersuchung und den nachfolgenden operativen Eingriffen die ganze Zeit am weitesten entfernt aufgehalten: das mu?te irgend etwas bedeuten. Conway schuttelte verargert den Kopf — es passierte einfach gleichzeitig zu viel, um auch nur einen klaren Gedanken fassen zu konnen. Er hatte uberhaupt keine Chance nachzudenken… „Mein Freund“, sagte Prilicla, der mittlerweile zur DBPK-Patientin geflattert war. „Ich spure bei der Patientin ein zunehmendes korperliches Unbehagen, das nicht mit den Verletzungen zusammenhangt und einer Art Befangenheit gleicht. Au?erdem ist sie uber irgend etwas au?erst beunruhigt, ohne allerdings Angst davor zu haben. Sie fuhlt sich zutiefst schuldig und besorgt. Vielleicht leidet die Patientin nicht nur an den Verletzungen, die sie sich auf dem Schiff zugezogen hat, sondern auch an gewissen psychischen Storungen, wie sie bei Heranwachsenden, die in der Vorpubertat stecken, haufig vorkommen…“
Die geistige Verfassung der DBPK stand im Moment auf Conways Prioritatenliste ganz unten, deshalb war er nicht in der Lage, seine Ungeduld vor Prilicla zu verbergen.
„… darf ich die Gurte der Patientin ein bi?chen lockern, mein Freund?“
fragte der Empath schnell.
„Ja, aber lassen Sie die Patientin blo? nicht frei“, antwortete Conway, merkte aber gleich darauf, da? diese Antwort ziemlich dumm gewesen war.
Schlie?lich stellte das kleine, pelzige und vollkommen harmlose Wesen selbst keine physische Bedrohung dar. Die Gefahr ging vielmehr von den Bakterien im Korper der Patientin aus — und die flogen ja offenbar schon uberall auf der Station herum. Als Prilicla mit seinen feingliedrigen Greiforganen auf die Knopfe druckte, mit denen die Gurte gelockert werden konnten, die die DBPK auf dem Untersuchungstisch festhielten, unternahm die Patientin keinen Fluchtversuch. Statt dessen drehte sie sich vorsichtig so weit, bis sie wie eine schlafende terrestrische Katze dalag — zusammengekugelt und den Kopf unter den langen und pelzigen Schwanz geschoben. Bis auf den nackten Fleck am Schwanzansatz, wo die Haut ein rotliches Braun aufwies, sah sie wie ein Hugel aus gestreiftem Fell aus.
„Sie fuhlt sich jetzt sehr viel wohler, ist aber trotzdem noch beunruhigt, mein Freund“, berichtete der Cinrussker. Gleich darauf trippelte er an der Decke entlang, bis er sich uber Thornnastor befand. Weil der bewu?tlose Diagnostiker im Zentrum starker Emotionen lag, zitterte der Empath entsprechend.
Der TLTU hatte Thornnastors Hinterbeine mit Klebeband zusammengebunden und sich dann zuruckgezogen, um dem Hudlarer und den vier Teammitgliedern ihre Arbeit zu ermoglichen. Jeweils ein Mann hatte sich ein vorderes oder mittleres Bein gegriffen, und zusammen muhten sie sich ab, die vier Gliedma?en diagonal auseinanderzuspreizen, um die Brust des Tralthaners so weit wie moglich auszudehnen.
Der Hudlarer sagte gerade: „Gleichzeitig ziehen! Fester! Halt! Jetzt wieder loslassen!“ Als er ›loslassen‹ sagte, nahmen die Beine wieder die naturliche Position ein, wahrend der Hudlarer selbst gleichzeitig mit seinem nicht unerheblichen Gewicht auf Thornnastors gewaltigen Brustkorb druckte, damit sich vor der Wiederholung dieses Vorgangs auch ganz bestimmt keine Luft mehr in der Lunge befand. Hinter den Visieren der Manner, die an Thornnastors Beinen zogen, waren gerotete, schwei?uberstromte Gesichter zu erkennen, und einige der Au?erungen waren alles andere als ubersetzungsreif.
Jedem Arzt, Pfleger und Wartungstechniker des Orbit Hospitals wurden die Grundlagen der auf alle Spezies der galaktischen Foderation anwendbaren Ersten Hilfe beigebracht. Sie lernten naturlich nur die Ma?nahmen fur solche Spezies, deren Umweltbedingungen nicht so uberma?ig exotisch waren, da? ein Patient nur von einem Angehorigen seiner eigenen Spezies unverzuglich behandelt werden konnte. Nach der Regel zur kunstlichen Beatmung eines tralthanischen FGLI mu?te man dessen zwei Hinterbeine zusammenbinden und die restlichen vier spreizen und wieder zusammendrucken, um Luft in die Lunge des FGLIs zu pumpen. Die Atemmaske befand sich bei Thornnastor in der richtigen Lage, und der Diagnostiker war zum Atmen von reinem Sauerstoff gezwungen. Au?erdem stand Prilicla bereit, um jede Veranderung von Thornnastors Zustand sofort zu melden.
Ein Luftrohrenschnitt bei einer Kelgianerin hingegen gehorte absolut nicht zu den Erste-Hilfe-Ma?nahmen. Die Spezies der Klassifikation DBLF besa? au?er einer dunnen Hulle um das Gehirn kein Knochengerust. Der Korper
