Kurz darauf war in der Luftschleuse des Unfalldecks nicht mehr viel Platz, als Captain Fletcher, Lieutenant Dodds, Oberschwester Naydrad mit der bereits aufgeblasenen Drucktragbahre, und die Doktoren Prilicla und Conway mit Fu?- und Handgelenkmagneten an Boden und Wanden der Schleuse hafteten und das Herannahen des Wrackteils beobachteten. Es sah wie ein gro?es rechteckiges, in Nebel gehulltes Metalldickicht aus, das wiederum von kleineren Metallklumpen umgeben war, von denen einige schnell rotierten, andere hingegen ohne Eigenbewegung umhertrieben. Als Conway nach dem Grund dafur fragte, schwieg der Captain wie jemand, der sich selbst schon dieselbe Frage gestellt hatte, sie jedoch auch nicht beantworten konnte. Also warteten sie, wahrend sich das Ambulanzschiff zwischen zweien der wie wild rotierenden Trummersatelliten hindurch langsam naher an das Wrack heranschob. Das Licht ihrer Anzugscheinwerfer wurde ebenso wie das der Schiffslampen von der verbeulten Metallhaut und den vorspringenden Bauteilen des Wracks reflektiert. Sie warteten so lange weiter, bis der kleine Cinrussker in seinem Raumanzug auf einmal zu zittern begann.
„Da drinnen ist noch irgend jemand am Leben“, berichtete Prilicla schlie?lich.
Da die emotionale Ausstrahlung des Uberlebenden nur sehr schwach und typisch fur ein Gehirn war, das mit jeder Minute in immer tiefere Bewu?tlosigkeit versank, war notgedrungen eine zwar eilige, aber dennoch moglichst umsichtige Suche angesagt. Wenn Prilicla nicht mehr vorangehen konnte, zeigte er zumindest den richtigen Weg, und Captain Fletcher und Dodds bahnten dann mit Schneidbrennern einen Pfad durch metallene Hindernisse oder schoben frei herumfliegende Trummer und verhedderte Kabelstrange mit isolierten Handschuhen beiseite — schlie?lich war noch ein Stromkreis in Betrieb. Dicht hinter den beiden folgte Conway, der sich in der Schwerelosigkeit mit einer Art schwebendem Kriechen durch nur einen Meter zwanzig hohe Gange und Schiffsabschnitte voranzog.
Zwar waren die Mitglieder der Schiffsbesatzung gro?er, gingen aber anscheinend nicht aufrecht.
Zweimal entdeckte Conway im Lichtkegel seines Anzugscheinwerfers die Korper von Besatzungsmitgliedern, die er befreite und sanft den vorhin von ihm selbst genommenen Weg zuruckschob, damit die wartende Naydrad die Toten in den nicht unter Druck gesetzten Teil der Bahre legen konnte. Denn sollte der Uberlebende eine dringende operative Behandlung benotigen, ware Conway viel wohler, wenn Murchison ein paar Leichen zum Sezieren hatte, weil sie ihm so sagen konnte, wie er den Lebenden wieder zusammenzuflicken hatte.
Da die Korper der Toten in Raumanzugen steckten, hatte Conway immer noch kein klares Bild von ihrem Aussehen. Daruber hinaus waren die Anzuge und das darunterliegende Zellgewebe durch einen heftigen Zusammenprall mit Metalltrummern zerrissen worden. Und wenn die daraus resultierenden Wunden die Wesen nicht getotet hatten, dann ganz sicher die Dekompression. Nach den Raumanzugen zu urteilen, hatten diese Wesen die Form von ungefahr einen Meter achtzig langen, abgeflachten Zylindern. Hinter einem kegelformigen Teil — wahrscheinlich dem Kopf — befanden sich vier Paar Greiforgane sowie vier weitere Gliedma?en, die zur Fortbewegung dienen mu?ten. Am vermutlich hinteren Teil des Anzugs war eine deutliche Verdickung festzustellen. Abgesehen von der geringeren Gro?e und Anzahl der Gliedma?en, ahnelten die Wesen rein korperlich der Spezies der Kelgianer, zu der auch Naydrad gehorte.
Als sie am Eingang einer noch mit Druck versehenen Kabine anhielten, horte Conway, wie der Captain irgend etwas uber die in den Raumanzugen steckenden Aliens vor sich hin murmelte. Voll konzentriert versuchte Prilicla mit seiner empathischen Fahigkeit den Uberlebenden aufzuspuren, der sich irgendwo hinter diesem Abschnitt befinden mu?te. Bevor der Captain und Dodds die Tur herausschwei?ten, bohrte Conway zur Entnahme einer Atmosphareprobe, die Murchison analysieren sollte, ein Loch hindurch, damit sie das passende Lebenserhaltungssystem fur den Uberlebenden vorbereiten konnte. Im Innern der Kabine brannte Licht.
Es war ein warmes orangefarbenes Licht, das wichtige Informationen uber das Heimatgestirn und die Sehorgane dieser Spezies liefern wurde.
Aber im Moment beleuchtete es lediglich ein heilloses Durcheinander aus umhertreibendem Mobiliar, verbogener Wandverschalung und einem Gewirr von Rohren und Aliens, die zwar teilweise Raumanzuge trugen, jedoch samt und sonders tot waren.
Plotzlich sah Conway, da? der dickere Abschnitt am hinteren Teil der Raumanzuge zur Aufnahme eines langen pelzigen Schwanzes diente.
„Das hier sind Kollisionsschaden, verdammt noch mal!“ fluchte Fletcher los. „So was hatte ein ausgefallener Hyperantriebsgenerator allein nie anrichten konnen!“
Conway rausperte sich und sagte: „Captain, Lieutenant Dodds, ich wei? zwar, da? wir keine Zeit haben, um Material fur ein gro?eres Forschungsvorhaben zu sammeln, aber falls Sie so etwas wie Fotografien, Bilder oder Abbildungen sehen sollten, irgendwas, das mir Aufschlu? uber die Physiologie und die Umweltbedingungen dieser Aliens geben konnte, dann bringen Sie es bitte mit.“ Er suchte eine weitere, nicht allzu stark entstellte Alienleiche heraus, wobei ihm der spitze, fuchsartige Kopf und das dicke, breitgestreifte Fell auffielen, wodurch der Allen wie ein pelziges, kurzbeiniges Zebra mit einem gewaltigen Schwanz aussah. „Naydrad, hier ist noch einer fur Sie“, fugte er hinzu.
„Ja, das mu? die Losung sein“, sagte der Captain halb zu sich selbst. An Conway gewandt fuhr er fort: „Doktor, diese Wesen hatten doppeltes Pech, der Uberlebende dagegen doppeltes Gluck…“
Laut Fletcher hatte der Ausfall des Hyperantriebsgenerators das Schiff auseinandergerissen, wobei die Einzelteile in alle Richtungen zerstreut wurden. Doch in diesem Wrackstuck uberlebte ein Teil der Besatzung und konnte noch die Raumanzuge anlegen. Vielleicht hatten sie sogar eine Vorwarnung vom Herannahen der zweiten Katastrophe — namlich da? ihr Wrackteil von einem zweiten Trummerstuck von der gleichen enormen Gro?e eingeholt wurde. Bei der Kollision mu?te das vordere Ende des ersten Wrackteils nach unten, der hintere Teil des zweiten dagegen nach oben geschwungen sein. Dadurch wurde die kinetische Energie der beiden Trummerstucke aufgehoben, die Teile selbst in den Ruhezustand versetzt und praktisch miteinander verschmolzen. Das war nach Meinung des Captains die einzige Erklarung fur die hier entstandenen Verletzungen und Schaden und ebenso fur die Tatsache, da? es sich bei diesem Wrackteil um den einzigen nicht rotierenden Abschnitt des Alienschiffs handelte.
„Ich glaube, da haben Sie recht, Captain“, entgegnete Conway und fischte aus den umhertreibenden Trummern ein flaches Plastikstuck heraus, auf dessen einer Seite sich anscheinend eine Landkarte befand. „Aber im Moment ist das alles doch noch nur reine Theorie.“
„Ja, naturlich“, erwiderte Fletcher knapp. „Aber ich hab nun mal was gegen offene Fragen. Doktor Prilicla, wo geht es jetzt lang?“
Der kleine Empath deutete schrag nach oben zur Decke der Kabine und antwortete: „Funfzehn bis zwanzig Meter in diese Richtung, Freund Fletcher. Aber ich mu? Ihnen eine gewisse Verwirrung meinerseits eingestehen. Denn seit wir hier in der Kabine sind, scheint sich der Uberlebende langsam zu bewegen.“
Fletcher seufzte laut auf. „Also ein noch bewegungsfahiger Uberlebender im Raumanzug“, stellte er mit erleichterter Stimme fest. „Das wird die Rettungsaktion ungemein vereinfachen.“ Er blickte Dodds an, und dann begannen sie gemeinsam, die Deckenplatten aufzuschneiden.
„Nicht unbedingt“, widersprach Conway. „Wir wurden namlich gleichzeitig mit der Rettung auch noch in eine Erstkontaktsituation geraten.
Mir ist es viel lieber, wenn unbekannte und verwundete Aliens nicht bei Bewu?tsein sind. Dann kann man den Kontakt nach erfolgter Heilbehandlung herstellen und ubt gro?ere Kontrolle uber den…“
„Doktor“, unterbrach ihn der Captain, „eine raumreisende Spezies mit dem aus dieser Fahigkeit abzuleitenden technischen und philosophischen Wissen wird doch wohl damit rechnen, auf Lebewesen zu sto?en, die in ihren Augen Aliens sind. Und selbst wenn diese Wesen so etwas nicht erwarten, wurden sie sich zumindest der hohen Wahrscheinlichkeit fur eine Begegnung mit fremden Lebensformen bewu?t sein.“
„Gut, zugegeben“, entgegnete Conway. „Aber ein verletzter ET, der nur zum Teil bei Bewu?tsein ist, konnte beim Anblick eines Aliens, der korperlich womoglich einem naturlichen Feind oder Raubtier auf seinem Heimatplaneten ahnelt, instinktiv und unlogisch reagieren. Und ein Extraterrestrier, der bei vollem Bewu?tsein ist und keinerlei Vorkenntnisse uber die ihn behandelnden Wesen besitzt, konnte einen operativen Eingriff oder das, was wir als arztliche Fursorge verstehen, als etwas ganz anderes auslegen. Moglicherweise als Folter oder als ein medizinischen Experiment.
Nur allzuoft mu? ein Arzt einem Patienten grausame Schmerzen bereiten, obwohl er ihm nur helfen will.“
In diesem Augenblick loste sich ein gro?er, kreisformiger Teil der Decke, dessen Rander von der Hitze der Schneidbrenner noch feuerrot gluhten. Dodds und der Captain schoben das herausgeschwei?te Stuck beiseite und stiegen durch das Loch hindurch.
