Das Bild auf dem Schirm sagte Conway nicht sehr viel. Er wu?te nur, da? der blinkende blaue Punkt die Rhabwar war, wohingegen die alle paar Sekunden auftauchenden wei?en Zeichen die Wrackteile darstellten, die vom Rundsichtradar und von den Sensoren aufgespurt wurden. Die feinen gelben, in der Mitte des Bildschirms zusammenlaufenden Linien waren die Flugbahnen der Wrackteile von der Explosionsstelle aus. Aber diese eigentlich einfache Darstellung wurde durch neben jedem Punkt flimmernde, wechselnde oder standig leuchtende Symbol- und Zahlengruppen vollig verwirrend.
„…fur eine Explosion ist die Ausdehnung der Wrackteile ein wenig einseitig“, fuhr Fletcher fort. „Die Verbreitung scheint nicht von einem einzigen Punkt, sondern vielmehr von einer kurzen, leicht gebogenen Linie ausgegangen zu sein, obwohl man das wegen des zu geringen Ma?stabs auf dem Bildschirm nicht sehen kann. Daruber hinaus sind es relativ wenige, gro?e Trummer mit nahezu gleicher Rotationsgeschwindigkeit. Wenn ein Schiff von einer Explosion zerrissen wird, die normalerweise durch eine Funktionsstorung des Reaktors hervorgerufen wird, dann haben die Trummerstucke eine geringe Gro?e und drehen sich lediglich mit unbedeutender Geschwindigkeit. Au?erdem ist die Temperatur dieser Wrackteile fur eine Reaktorexplosion viel zu niedrig, denn wie wir inzwischen wissen, hatte so eine Explosion vor weniger als sieben Stunden stattfinden mussen.
Wahrscheinlich hat es sich um eine Funktionsstorung der Hyperantriebsgeneratoren gehandelt, Doktor, und nicht um eine Explosion“, schlo? der Captain.
Conway versuchte, seine Verargerung uber den Vortrag und den leicht herablassenden Ton des Captains zu unterdrucken, da er sich daruber im klaren war, da? Fletcher schlie?lich nichts fur seine akademische Bildung konnte. Wenn einer der beiden zusammengekoppelten Hyperantriebsgeneratoren ausfiel, dann sollte sich der andere automatisch ausschalten, das war Conway bekannt. Das betreffende Schiff tauchte daraufhin schlagartig irgendwo zwischen den Sternen im Normalraum auf.
Dort trieb es dann herum, bis die Besatzung den defekten Generator repariert hatte oder Hilfe eintraf; denn mit dem normalen Raketenantrieb allein konnte das Schiff nicht zum Ausgangspunkt zuruckfliegen. Es hatte aber auch Falle gegeben, wo die Sicherheitsabschaltung an dem intakten Generator versagte oder den Bruchteil einer Sekunde zu spat ansprach.
Das hatte zur Folge, da? ein Teil des Schiffs mit Hypergeschwindigkeit weiterflog, wahrend der Rest ruckartig unter Lichtgeschwindigkeit abgebremst wurde. Die Wirkung auf das betreffende Schiff war im besten Fall nur etwas weniger verheerend als eine Reaktorexplosion — dafur mu?te man sich bei der bevorstehenden Rettungsaktion wenigstens nicht uber Hitzeverschmelzung, radioaktive Strahlung und die anderen bei einer Reaktorexplosion entstehenden Komplikationen Sorgen machen. Auch die Chance, Uberlebende zu finden, war ein klein wenig gro?er.
„Ich verstehe“, sagte Conway. Dann betatigte er einen Schalter auf dem Pult und teilte uber Bordfunk mit: „Unfalldeck, hier Conway. Sie konnen sich ausruhen. Die nachsten zwei Stunden wird hochstwahrscheinlich nicht viel passieren.“
„Das ist eine sehr genaue Schatzung“, bemerkte Fletcher trocken. „Seit wann sind Sie zum Astronavigator geworden, Doktor? Na ja, ist ja auch egal. Dodds, berechnen Sie den Verbindungskurs zwischen den drei gro?ten Wrackteilen, und geben Sie die Werte auf den Repeaterschirm des Maschinenraums. Chen, wir geben in zehn Minuten Maximalschub. Um Zeit zu sparen, hab ich vor, dicht an den Trummern vorbeizufliegen, die fur Uberlebende am ehesten in Frage kommen. Wir werden unsere Fluggeschwindigkeit nur dann verringern, wenn es sich laut Haslams Sensoren oder der empathischen Fahigkeit Doktor Priliclas lohnt. Haslam, bleiben Sie an den Sensoren, und suchen Sie mir noch ein paar Wrackteile mit moglichen Uberlebenden heraus. Die sehen wir uns an, sobald wir die ersten drei untersucht haben. Und gehen Sie auch weiterhin die Funkfrequenzen durch, falls ein Uberlebender auf diese Art auf sich aufmerksam machen will. Behalten Sie auch das Teleskop im Auge, um eventuelle Lichtzeichen eines Schiffbruchigen mitzubekomrnen.“
Als Conway das Kommandodeck verlie?, um sich wieder nach achtern auf das Unfalldeck zu begeben, entgegnete Haslam gerade mit ruhiger und durchaus respektvoller Stimme: „Ich hab aber nur zwei Augen, Sir, und die lassen sich nicht unabhangig voneinander bewegen…“
Eine Stunde und funfundzwanzig Minuten spater flog die Rhabwar so nah am ersten Wrackteil vorbei, da? der Besatzung fast das Herz stehenblieb. Die Sensoren hatten bereits negative Ergebnisse geliefert — au?er Mobiliar und Verschalungsteilen aus Plastik waren im Wrackteil keine organischen Substanzen vorhanden, und es gab auch keine Atmosphareblasen, in denen ein Wesen hatte uberleben konnen. Als die Besatzung der Rhabwar einen Traktorstrahl zur Abbremsung der schnellen Drehung auf das Wrackteil zu richten versuchte, stoben die gesamten Trummerstucke in samtliche Richtungen auseinander, und die Rhabwar mu?te ein gewagtes Ausweichmanover durchfuhren.
Nach knapp einer Stunde hatte die Rhabwar das zweite Wrackteil erreicht. Man mu?te die Fluggeschwindigkeit herabsetzen, um sich ihm zu nahern, weil sich nach Angabe der Sensoren im Innern des Wracks kleine Atmosphareblasen befanden sowie nicht zur Konstruktion gehorende organische Substanzen, die jedoch nicht notwendigerweise noch leben mu?ten. Damit die lockere Trummermasse nicht auseinanderbrach und die moglicherweise lebensspendenden Luftblasen nicht in den Raum verpufften, riskierte die Besatzung diesmal aber keinen Abbremsungsversuch der Drehung. Statt dessen wurden wahrend des langsamen, vorsichtigen und extrem nahen Anflugs die Aufzeichnungsgerate fur die Sensoren und die Kameras eingeschaltet. Diesen nahen Anflug fuhrte man wegen Prilicla durch, doch der Empath berichtete mit Bedauern, da? keine lebenden organischen Substanzen vorhanden waren.
Bevor sie das dritte Wrackteil erreichten, das wegen seiner Gro?e fur eine Untersuchung am vielversprechendsten schien, blieben ihnen zur Auswertung der Aufnahmen noch drei Stunden Zeit. Im Verlauf dieser Untersuchung erfuhren sie aus der Art, in der die Bauelemente durch den Unfall verbogen und auseinandergerissen worden waren, eine ganze Menge uber die Konstruktionsphilosophie der extraterrestrischen Schiffbauingenieure. Von den Abmessungen der Gange und Kabinen lie? sich auf die Gro?e der Wesen schlie?en, die die Schiffsbesatzung gebildet hatten. Man entdeckte Gegenstande, die wie im Wrack eingeklemmte und teilweise verdeckte dicke, vielfarbige Pelzstucke aussahen. Es hatte sich um Bodenbelag oder Bettzeug handeln konnen, wenn nicht ein paar dieser Stucke durch Gurte gehalten worden waren. Au?erdem wiesen viele dieser Pelzstucke rotbraune Farbtupfer auf, die eine sehr gro?e Ahnlichkeit mit geronnenem Blut hatten.
„Nach der Farbe dieser Flecke zu urteilen, ist die Annahme berechtigt, da? es sich um warmblutige Sauerstoffatmer handelt“, sagte Murchison, als sie zusammen mit Conway die Standbilder auf dem Repeaterschirm des Unfalldecks betrachtete. „Aber glaubst du, da? jemand ein solches Ungluck uberhaupt uberleben kann?“
Conway schuttelte zwar den Kopf, bemuhte sich aber in optimistischem Ton zu antworten: „Die Flecken auf dem Fell scheinen kaum etwas mit Ri?wunden oder Quetschungen zu tun zu haben, die man sich durch heftiges Abbremsen oder einen Aufprall zuzieht. Denn in so einem Fall grabt sich der ja eigentlich zum Schutz bestimmte Sicherheitsgurt tief in den Korper ein. Obwohl man nach diesen Bildern unmoglich sagen kann, was bei den Korpern oben oder unten ist, befinden sich die Flecken anscheinend bei allen Korpern an der gleichen Stelle. Diese Tatsache deutet auf eine explosionsartige Dekompression und den Austritt von Korperflussigkeit durch naturliche Offnungen hin und nicht auf schwere au?ere Verletzungen durch plotzliches Abbremsen oder eine Kollision.
Zwar hat keins dieser Lebewesen einen Raumanzug getragen, aber wenn einer dieser Raumfahrer schnell genug war, sich einen Anzug anzuziehen, oder aus irgendeinem glucklichen Umstand heraus bereits einen trug, dann mu?te er es eigentlich geschafft haben zu uberleben.“
Bevor Murchison antworten konnte, wechselte das Bild auf dem Schirm, und das dritte Wrackteil war zu sehen. Gleichzeitig kam die Stimme des Captains aus dem Wandlautsprecher.
„Das hier sieht nach unserem bislang besten Fund aus, Doktor“, berichtete Fletcher aufgeregt. „Das Wrackstuck hat keine nennenswerte Drehung, das hei?t, wir konnen, falls notig, leicht an Bord gehen. Der Nebel, den Sie sehen, besteht nicht nur aus entwichener Luft, sondern setzt sich auch aus verdampftem Wasser und verbrannter Flussigkeit aus den hydraulischen Systemen des Schiffs zusammen. Falls aus dem Wrack Luft entwichen sein sollte, dann konnte jedenfalls an Bord noch eine ganze Menge davon vorhanden sein. Es scheint auch noch so etwas wie ein Notstromkreis in Betrieb zu sein. Der ist aber ziemlich schwach und versorgt wahrscheinlich die Notbeleuchtung. Wir sollten vielleicht an Bord gehen. Sind Sie alle bereit?“
„Ich bin bereit, Freund Fletcher“, bestatigte Dr. Prilicla.
„Na klar“, versicherte Naydrad.
„Wir sind in zehn Minuten an der Unfalldeckschleuse, Captain“, meldete Conway.
„Fur den Fall, da? technische oder konstruktionsbedingte Probleme auftreten sollten, werden Lieutenant Dodds und ich selbst Sie begleiten“, entgegnete der Captain. „Also in zehn Minuten, Doktor.“
