an deren Ende Fletcher ihm sowieso verboten hatte, was er gerade getan hatte. „Aber wir brauchen viel zuviel Zeit. Das hier ist eine Rettungsaktion, verdammt noch mal, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, ob es uberhaupt jemanden zu retten gibt. Wir brauchen einfach irgendeine Reaktion aus dem Schiffsinnern. Prilicla, haben wir schon eine ausgelost?“
„Nein, mein Freund“, antwortete der Empath. „Es gibt weder eine Reaktion auf Ihre Tritte gegen den Rumpf noch irgendwelche Anzeichen von bewu?ten Gedanken oder Emotionen. Aber ich kann im Moment trotzdem nicht mit Sicherheit sagen, ob deshalb keine Uberlebenden im Schiff sind. Es kommt mir namlich fast so vor, als wurde die emotionale Gesamtausstrahlung in der Nahe des Schiffs nicht nur von den vier anwesenden Terrestriern und mir selbst herruhren.“
„Aha“, entgegnete Conway. „Sie wollen uns also in Ihrer gewohnt hoflichen und zuruckhaltenden Art mitteilen, da? wir emotional zu viel Staub aufwirbeln und aus der Gegend verschwinden sollen, damit sie ohne Storungen arbeiten konnen. Welche Entfernung brauchen Sie denn, Doktor?“
„Wenn Sie sich alle bis zu unserem Schiff zuruckziehen wurden, ware das mehr als ausreichend, mein Freund“, erwiderte Prilicla. „Mir wurde es au?erdem sehr helfen, wenn die anwesenden Terrestrier eher mit dem Gehirn als emotional denken und die Funkgerate abschalten konnten.“
Kurz darauf standen sie eine ganze Weile zusammen auf einer Tragflache der Rhabwar, wobei sie Prilicla und dem Alienschiff den Rucken zugewandt hatten. Nach Conways Befurchtungen hatten sie namlich beim Beobachten des arbeitenden Empathen eventuell Unruhe, Ungeduld oder Enttauschung empfunden, wenn dieser nicht schnell auf einen Uberlebenden stie?, und jedes starke Gefuhl wurde Prilicla bei der Suche nach emotionaler Ausstrahlung storen. Conway wu?te zwar nicht, welche Gehirnubungen seine Kollegen durchfuhrten, um ihre Gedanken von storenden emotionalen Ausstrahlungen freizuhalten, entschied sich aber selbst dafur, die Sternhaufen ringsum zu betrachten, die in Schwaden und Schleiern aus gluhender Materie eingebettet waren. Dann durchfuhr ihn jedoch der Gedanke, da? er seine Augen und seinen Verstand einer schier unendlichen Pracht aussetzte und ein Gefuhl des Staunens einen Empathen ebenfalls storen konnte.
Plotzlich zeigte Fletcher, der gelegentlich verstohlen zu Prilicla hinubergeschielt hatte, auf das Alienschiff. Conway schaltete das Funkgerat gerade noch rechtzeitig ein, um den Captain sagen zu horen: „Ich glaube, wir konnen unseren Gefuhlen wieder freien Lauf lassen.“
Conway fuhr herum und sah die im Raumanzug steckende Gestalt Priliclas wie einen kleinen Mond uber der Metallandschaft des Schiffs schweben, wahrend der Empath einen genau zwischen Mitte und Rand liegenden Punkt mit Leuchtfarbe bespruhte. Der Durchmesser der markierten Stelle betrug bereits ungefahr drei Meter, und der Empath vergro?erte sie immer noch.
„Prilicla?“ fragte Conway.
„Zwei Ausstrahlungsquellen, mein Freund“, berichtete der Cinrussker.
„Aber die sind beide so schwach, da? ich die Position nicht genau feststellen kann. Sie mussen irgendwo unter dem markierten Rumpfbereich sein. Die emotionale Ausstrahlung ist in beiden Fallen ganz charakteristisch fur bewu?tlose und stark geschwachte Lebewesen. Ich wurde sagen, die beiden Wesen befinden sich in schlechterer Verfassung als die vor kurzem von uns gerettete Dwerlanerin — sie sind beinahe tot.“
Bevor Conway antworten konnte, befahl der Captain in barschem Ton: „Gut, also los! Haslam, Chen, holen Sie die transportable Luftschleuse und die Schneidbrennerausrustung raus. Diesmal suchen wir, mit Ausnahme von Doktor Prilicla, den Rand jeweils in Zweiergruppen ab. Der eine sucht ganz ohne Licht, und der andere richtet zur Hervorhebung von irgendwelchen Nahten den Scheinwerfer von der Seite auf die Au?enhaut. Versuchen Sie irgend etwas zu finden, das wie eine Einstiegsluke aussieht. Und wenn wir die Luke nicht aufbekommen, dann schwei?en Sie ein Loch hinein. Suchen Sie schnell, aber sorgfaltig. Wenn wir in einer halben Stunde keinen Weg nach innen gefunden haben, schneiden wir die Oberseite in der Mitte der markierten Stelle auf und konnen nur hoffen, dabei keine Steuerungsgestange oder Energieversorgungsleitungen zu treffen. Haben Sie noch was hinzuzufugen, Doktor?“
„Ja“, antwortete Conway. „Prilicla, konnen Sie mir noch irgend etwas Naheres uber den Zustand der Uberlebenden mitteilen?“
Conway befand sich bereits dicht hinter Fletcher auf dem Weg zuruck zum Alienschiff, und der kleine Empath klebte mit den Magneten auf dem markierten Bereich des Rumpfs.
„Meine Erkenntnisse sind gro?tenteils negativ und beruhen eher auf Annahmen als auf Tatsachen“, erwiderte Prilicla. „Ich kann zwar bei keinem der beiden Wesen Schmerzen feststellen, dafur aber Hunger, Erstickungsgefuhle und das dringende Bedurfnis nach irgend etwas, das fur das Uberleben unabdingbar ist. Eins der Wesen kampft verzweifelt um sein Leben, wahrend das zweite lediglich wutend zu sein scheint. Aber wegen der schwachen emotionalen Ausstrahlung kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich bei den beiden Wesen uberhaupt um intelligente Lebensformen handelt. Allen Anzeichen nach ist das wutende wahrscheinlich ein nichtintelligentes Versuchs- oder Haustier. Aber wie gesagt, sind das alles nur reine Vermutungen, mein Freund, und ich kann mich auch vollig irren.“
„Das bezweifle ich“, entgegnete Conway. „Diese Hunger- und Erstickungsgefuhle machen mich allerdings stutzig. Das Schiff ist doch uberhaupt nicht beschadigt, und die Luft- und Nahrungsversorgung mu?te noch intakt sein.“
„Vielleicht haben die beiden gar keine schweren korperlichen Verletzungen, sondern befinden sich im Endstadium einer Erkrankung der Atemwege, mein Freund“, antwortete Prilicla zaghaft.
„In diesem Fall mu? ich wohl mal wieder einen wirksamen Zaubertrank gegen extraterrestrische Lungenentzundung zusammenbrauen“, merkte Murchison von der Rhabwar aus an. „Ich danke Ihnen, Doktor Prilicla!“
Die transportable Luftschleuse — ein dicker, leichtgewichtiger Metallzylinder, uber den eine durchsichtige Kunststoffhulle gestulpt war, die spater im ausgefalteten Zustand die Vorkammer bildete — wurde in der Nahe des Alienschiffs plaziert. Wahrend Prilicla so nah wie physikalisch moglich bei den Uberlebenden blieb, schlossen sich Chen und Haslam dem Captain und Conway an, um eine letzte Suche nach einer feinen Naht auf der Schiffshaut aufzunehmen, die moglicherweise auf eine Einstiegsluke hinwies.
Sie bemuhten sich dabei, trotz aller gebotenen Grundlichkeit schnell vorzugehen, weil man nach Priliclas Meinung in bezug auf die Uberlebenden keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Immerhin betrug der Schiffsdurchmesser fast achtzig Meter, und sie mu?ten in der vom Captain vorgegebenen halben Stunde eine enorm lange Strecke absuchen. Trotzdem, es mu?te einfach einen Weg nach innen geben — ihr Hauptproblem war nur, da? die Schiffskonstruktion trotz der vielen rauhen und verkrusteten Stellen auf der Oberflache ein Meisterwerk an technischer Prazision war.
„Ware es nicht moglich, da? diese rauhen Stellen der Grund fur die Notlage des Schiffs sind?“ fragte Conway plotzlich. Er hielt eine Seite seines Helms dicht uber den Rumpf und beleuchtete mit dem Scheinwerfer im spitzen Winkel die gerade von Fletcher nach Nahten abgetastete Stelle.
„Vielleicht sind die Schwierigkeiten der Uberlebenden nur eine Nebenerscheinung“, fuhr er fort. „Der schon fast unnaturlich gute Anschlu? zwischen der Au?enhaut und den Luken konnte als Schutz gegen eine Art von galoppierender Korrosion auf dem Heimatplaneten dieser Wesen dienen.“
Lange Zeit herrschte Schweigen, dann entgegnete Fletcher: „Das ist allerdings eine au?erst beunruhigende Vorstellung, Doktor, erst recht, weil Ihre galoppierende Korrosion auch unser eigenes Schiff befallen konnte.
Aber das glaube ich nicht. Die verkrusteten Flecken scheinen namlich aus dem gleichen Material zu bestehen wie das Metall darunter — das sind keine Rostschichten. Au?erdem befallt die Korrosion anscheinend gerade nicht die Nahte.“
Conway entgegnete darauf nichts. Tief im Innern seines Gehirns regte sich langsam eine Idee und nahm Gestalt an. Doch als die aufgeregte Stimme Chens in seinem Kopfhorer erklang, zerplatzte sie wieder wie eine Seifenblase.
„Hier druben, Sir!“
Chen und Haslam hatten etwas gefunden, das wie eine gro?e, runde Luke oder ein einzelner Teil der Au?enverkleidung von ungefahr einem Meter Durchmesser aussah, und bespruhten den Umri? bereits mit Markierungsfarbe, als Fletcher, Prilicla und Conway bei ihnen ankamen.
Innerhalb und au?erhalb des Kreisumfangs befanden sich keine rauhen Flecken, mit Ausnahme von zwei winzig kleinen Punkten, die direkt am unteren Rand nebeneinanderlagen. Bei naherer Untersuchung zeigte sich daruber hinaus ein etwa zehn Zentimeter gro?er Kreis, der die beiden rauhen Punkte umschlo?.
„Das konnte eine Art Schalter zum Offnen der Luke sein“, sagte Chen, der angestrengt seine Aufregung unter
