Au?erdem wurden wir dem Risiko einer Durchquerung dieses Gangs ausweichen und brauchten uns auch keine Sorgen zu machen, beim Aufschwei?en der Oberseite aus Versehen das Schiff zu dekomprimieren…“
Noch bevor Fletcher seine Ausfuhrungen beendet hatte, schnitt Conway schon ein schmales, hochkant stehendes Rechteck in die Wandverkleidung.
Diese Form ermoglichte es ihm, gleichzeitig mit dem Helmscheinwerfer durch die Offnung zu leuchten und in den dahinterliegenden Raum zu blicken. Doch als er die Wand aufgeschwei?t hatte, war nichts zu sehen als eine schwarze, pulverige Substanz, die aus der Offnung herausrieselte und als schwerelose Wolke im Raum schwebte, bis die Bewegung der Schneidbrennerflamme sie zu kleinen, dreidimensionalen Strudeln zerstaubte.
Er schob vorsichtig die Hande in das Loch, wobei er durch die dunnen Anzughandschuhe die immer noch hei?en Rander spurte, und holte zur naheren Untersuchung eine kleine Handvoll der Substanz heraus. Dann begab er sich zu einem anderen Abschnitt der Wand und versuchte es noch einmal. Und noch einmal.
Fletcher beobachtete ihn zwar dabei, sagte aber nichts, denn der Captain konzentrierte sich wiederum voll und ganz auf die Fingerspitzen. Conway machte sich jetzt an der gegenuberliegenden Korridorwand an die Arbeit und reduzierte zur Erhohung der Geschwindigkeit die Gro?e der Versuchslocher. Als er vier weit auseinanderliegende faustgro?e Offnungen geschwei?t hatte, ohne auf etwas anderes als die pulverige Substanz zu sto?en, funkte er Murchison an.
„Wir finden hier gro?e Mengen eines groben schwarzen Pulvers, dessen schwacher Geruch auf eine organische oder wenigstens zum Teil organische Zusammensetzung schlie?en la?t“, berichtete er ihr. „Es konnte sich um eine Nahrbodenart handeln. Pa?t das zum physiologischen Profil der Besatzung?“
„Und ob das pa?t“, bestatigte Murchison prompt. „Von meiner Voruntersuchung der beiden kleinen Leichen her wurde ich sagen, da? die Schiffsatmosphare uberhaupt nur fur die gro?ere FSOJ-Lebensform gedacht ist. Die blinden Aliens besitzen namlich an sich gar keine Lungen, sondern sind sogenannte Wuhler, die die organischen Bestandteile ihrer Erde und jede zufallig vorhandene Pflanze oder tierisches Gewebe umwandeln. Sie nehmen den Boden durch die gro?e, vorn liegende Mundoffnung auf. Die gro?ere Oberlippe kann jedoch zum Verschlie?en des Munds bei einem eventuell erforderlichen Graben ohne Nahrungsaufnahme uber die Unterlippe geschoben werden. Die Glieder oder, genauer gesagt, die beweglichen Ballen zur Fortbewegung an der Unterseite des Korpers sind verkummert. Dagegen sind die Fuhler an der Korperoberseite uberempfindlich. Demnach ist die Zivilisation dieser Wesen wahrscheinlich so weit entwickelt, da? sie in kunstlich gebauten Tunnelsystemen mit leicht zuganglichen Nahrungsvorraten leben, nach denen sie also nicht erst graben mussen. Die von dir beschriebene Substanz konnte besonders locker verstauter Nahrboden sein, der gleichzeitig zur korperlichen Bewegung und zur Nahrungsversorgung des Schiffs dient.“
„Aha“, antwortete Conway.
Also ein blinder, grabender Wurm, der es irgendwie geschafft hat, nach den Sternen zu greifen, dachte er. Doch die folgenden Ausfuhrungen von Murchison erinnerten ihn daran, da? die blinden Aliens nicht nur gro?e und ruhmreiche, sondern auch scheinbar unbedeutende und grausame Taten vollbringen konnten.
„Und was die Uberlebenden betrifft“, fuhr sie fort, „Sollte sich das FSOJ-Versuchstier, oder was es auch immer ist, zu nah beim uberlebenden Besatzungsmitglied befinden, so da? wir ohne Gefahr fur uns selbst oder den blinden Alien nicht beide retten konnen, dann wurde eine starke Reduzierung des atmospharischen Drucks den FSOJ au?er Gefecht setzen oder, noch wahrscheinlicher, sogar toten. Der Druck mu? dann allerdings langsam und gleichma?ig reduziert werden, um Dekompressionsschaden am Zellgewebe des blinden Aliens zu vermeiden.“
„Das ware das letzte, was wir versuchen wurden“, entgegnete Conway fest. Fur Erstkontaktsituationen wie diese gab es au?erst strenge Regeln.
Schlie?lich konnte man sich nie absolut sicher sein, ob ein scheinbar unvernunftiges und wildes Tier auch wirklich ein zu keiner Empfindung fahiges Geschopf war.
„Ich wei?, ich wei?“, erwiderte Murchison. „Es interessiert dich bestimmt auch, da? sich der FSOJ in einem fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium befunden hat. Und das ist eine Zeit, in der die meisten Lebensformen, ganz unabhangig von ihrem Intelligenzgrad, schon bei der Annahme, ihr Ungeborenes konnte bedroht sein, uberma?ig besorgt, emotional und aggressiv reagieren. Das ist vielleicht auch der Grund fur den Ausbruch des FSOJs aus dem Kafig. Au?erdem hatte ihn der blinde Alien gar nicht mit dem Horn toten konnen, wenn die Unterseite des FSOJ-Korpers nicht schon zur Vorbereitung auf die kurz bevorstehende Geburt stellenweise geschwacht gewesen ware…“
„Wenn man an den Zustand der weiblichen FSOJ denkt“, unterbrach Conway sie, „und an die ganzen Schlage und Sto?e, die sie in…“
„Ich hab nichts von einem Weibchen gesagt, obwohl das gut sein konnte“, unterbrach ihn Murchison. „Diese Lebensform ist in vieler Hinsicht viel interessanter als die blinden Aliens.“
„Spar dir deine geistige Energie lieber fur die mit Sicherheit intelligenten Wesen auf“, raunzte Conway sie an. Einen Augenblick lang herrschte ein nur vom Hintergrundrauschen des Anzugfunks unterbrochenes Schweigen, dann bat er entschuldigend: „Beachte mich bitte einfach gar nicht, ich hab furchtbare Kopfschmerzen.“
„Ich auch“, sagte der auf dem Boden liegende Captain. „Meiner Vermutung nach kommt das vom Larm und den Auswirkungen der Unterschallvibrationen von diesen ganzen laufenden Mechanismen hier.
Wenn er nur halb so schlimme Kopfschmerzen hat wie ich, dann konnen Sie ihm getrost verzeihen, Murchison. Und falls Sie fur unsere Ruckkehr zum Schiff irgendein wirksames Medikament bereithalten konnten, ware ich Ihnen sehr…“
„Dann sind wir schon drei“, erwiderte Murchison. „Mein Kopf tut mir namlich schon seit meiner Ruckkehr weh, und ich war dem Larm und den Vibrationen nur ein paar Minuten lang ausgesetzt. Au?erdem hab ich eine schlechte Nachricht — gegen diese Kopfschmerzen hilft kein Medikament.“
Als sie den Funkkontakt unterbrach, sagte Fletcher beunruhigt: „Ist das nicht merkwurdig, da? drei Leute, die alle die Luft in diesem Schiff eingeatmet haben, an Kopfschmerzen…“
„Im Orbit Hospital gibt es die Redensart, da? psychosomatische Schmerzen ansteckend und unheilbar sind“, unterbrach ihn Conway.
„Murchison hat schlie?lich mit dem Analysator die Schiffsatmosphare auf giftige Substanzen uberpruft. Und alle darin enthaltenen Alienbazillen sind an uns uberhaupt nicht interessiert. Diese Kopfschmerzen konnten das Ergebnis von Besorgnis, Anspannung oder einem Zusammenspiel verschiedener psychologischer Faktoren sein. Aber da wir sie alle drei gleichzeitig bekommen und uns alle eine gewisse Zeit auf diesem Schiff aufgehalten haben, sind die Kopfschmerzen wahrscheinlich durch au?ere Einflusse verursacht worden, hochstwahrscheinlich durch den Larm und die Vibrationen aus dem Korridor. Dann hatten sie vorhin naturlich recht. Tut mir leid, da? ich das alles uberhaupt erwahnt hab.“
„Wenn Sie das nicht getan hatten, dann ganz bestimmt ich“, antwortete Fletcher. „Diese Kopfschmerzen sind ziemlich unangenehm und beeintrachtigen meine Konzentrationsfahigkeit auf diese…“
Diesmal kam die Unterbrechung au?en vom Rumpf.
„Hier Haslam, Sir. Chen und ich haben die Erfassung der Ausdehnung der Gerausche und Vibrationen abgeschlossen. Dabei handelt es sich um einen schmalen, vielleicht zwei Meter breiten Streifen, der sich mit dem von Ihnen sogenannten Kafiggang deckt. Dieser Gang bildet einen offenen Kreis mit konstantem Radius, der von dem Bogen mit den Steuerpulten geschlossen wird. Aber das ist noch nicht alles, Sir. Der Gang fuhrt namlich auch zum Aufenthaltsort der beiden Uberlebenden.“
Fletcher blickte Conway an und sagte mit bewegter Stimme: „Wenn ich doch blo? diese mechanische Folterkammer — oder was das sonst auch immer sein mag — wieder abschalten konnte, dann waren wir vielleicht in der Lage, uns durch den Gang zu den Uberlebenden zu zwangen… ach, nein. Wenn diese Kolben und Stangen wieder losgehen, wahrend sich jemand im Gang befindet, dann wurde der ja zu Tode gestampft werden.“
Zu Haslam sagte er: „Na schon. Haben Sie sonst noch etwas zu berichten?“
„Na ja, Sir“, antwortete Haslam zogernd. „Wahrscheinlich hat das nichts zu besagen, aber wir haben ebenfalls Kopfschmerzen.“
Wahrend Fletcher und Conway uber die Kopfschmerzen der beiden Offiziere der Rhabwar nachdachten, herrschte ein langes Schweigen. Chen und Haslam waren die ganze Zeit uber au?erhalb des Schiffs geblieben, hatten die Au?enhaut nur selten beruhrt und auch dann blo? mit den magnetischen Stiefeln und Handschuhen. Und die besa?en ein dickes, weiches und isolierendes Futter, das mechanische Schwingungen absorbierte. Au?erdem pflanzt sich in einem Vakuum kein Schall fort.
Conway fiel keine einzige Erklarung fur die Kopfschmerzen der beiden Manner ein, aber der Captain war erfolgreicher.
