Emotionen des zweiten Alien die Vielschichtigkeit eines vernunftbegabten Verstands aufweisen.

Vielleicht wurde Ihnen ja helfen, wenn sie die Moglichkeit in Betracht ziehen, da? es sich bei beiden um blinde Aliens handelt, von denen der eine einen schweren Gehirnschaden davongetragen hat, der das von mir wahrgenommene wilde, geistlose Emotionsmuster verursacht.“

„Eine nette Theorie, Doktor Prilicla“, entgegnete Fletcher. Plotzlich zuckte er zusammen und fuhr mit den Handen instinktiv zum Kopf, wurde aber durch den Helm abrupt daran gehindert. „Damit erklaren Sie zwar die unmittelbare gegenseitige Nahe der Aliens, aber nicht die Beeinflussung ihres Zustands durch den Mechanismus im Kafiggang. Es sei denn, ich hab auf irgendeine Weise die Steuerungssysteme beschadigt und aus Versehen eine Verbindung zwischen dem Kontrollhebel fur den Korridor und irgendeinem wichtigen Lebenserhaltungssystem hergestellt — vielleicht mit einem medizinischen Behandlungsgerat oder einem… ach, ich bin vollkommen durcheinander!“

„Wir sind alle durcheinander, mein Freund“, erwiderte der Empath.

„Daran besteht bei der allgemeinen emotionalen Ausstrahlung doch uberhaupt kein Zweifel.“

„Lassen Sie uns an Bord der Rhabwar zuruckkehren“, schlug Conway auf einmal vor. „Ich brauche ein bi?chen Ruhe zum Nachdenken.“

Kurz darauf verlie?en sie das Schiff der blinden Aliens. Sie hatten Chen als Wache zuruckgelassen und ihm eingeblaut, Abstand zu halten und den Schiffsrumpf unter gar keinen Umstanden zu beruhren. Auch Prilicla kehrte mit ihnen zuruck, da er nach eigener Aussage die Emotionen der Uberlebenden wegen deren starken Ausstrahlung auch aus der Entfernung uberwachen konnte. Der Grund dafur war der fortwahrende Betrieb des Mechanismus im Kafiggang und die zunehmende Besserung des Gesundheitszustands der beiden Aliens.

Sie gingen durch die Schleuse des Unfalldecks an Bord und begaben sich direkt ins Labor, wo sie eine blutbespritzte Murchison und zahlreiche, uber die Seziertische verstreute Leichenteile der FSOJs und des blinden Aliens vorfanden. Als Conway den Captain darum bat, den Grundri? des Alienschiffs mit den neuesten Daten und Informationen darzustellen, gesellte sich auch Naydrad zur Gruppe. Fletcher sah man die Erleichterung an, etwas zu tun zu haben, da er offensichtlich nicht das enge berufliche Interesse der anderen an den extraterrestrischen rohen Fleischstucken teilte, die uber das ganze Labor verstreut waren.

Als der Grundri? auf dem Bildschirm des Labors erschien, bat Conway den Captain, ihn bei eventuellen Fehlern zu korrigieren, und gab dann einen Uberblick uber das vor ihnen stehende Problem.

Wie die meisten gro?eren Probleme setzte sich auch dieses aus vielen kleineren zusammen, von denen einige durchaus zu losen waren. Da war zuerst einmal das Schiff der blinden Aliens, das nach vorlaufiger technischer Untersuchung von der Konstruktion her einwandfrei war und noch uber samtliche Energiereserven verfugte. Seine Form glich einer zum Rand hin dunner werdenden Scheibe. In der Mitte dieser Scheibe befand sich ein Kreis, der ungefahr ein Drittel des Schiffsradius' einnahm und die Aggregate zur Energieerzeugung und damit in Verbindung stehende Gerate und Ausrustungsgegenstande enthielt. Um diesen Bereich herum verlief ein kreisformiger Gang, der mit der Luftschleuse durch einen kurzen, geraden Korridor verbunden war und in der Draufsicht wie eine Sichel mit einer runder Klinge aussah, deren Spitze beinahe an den Griff stie?. In dem kurzen Stuck zwischen der Klingenspitze und dem Ende des Griffs befanden sich die Steuerpulte der blinden Aliens.

Hinter der Au?enseite des kreisformigen Gangs waren die zur Lebenserhaltung notwendigen Guter sowohl fur die Besatzung als auch fur deren Gefangene gelagert. Da der Schiffsumfang von den Proportionen her der FSOJ- Lebensform angepa?t war, konnte man von einem speziell fur den Transport dieser Lebewesen gebauten Schiff ausgehen. Daran lie?en auch die Beleuchtung, die Atmosphare und der Futterspender fur die FSOJs keinen Zweifel.

Conway hielt kurz inne und musterte Fletcher und die anderen. Aber niemand widersprach. „Mir machen nur noch die sich schnell bewegenden Stangen und Kolben Kopfzerbrechen, besonders die mit den spitzen und keulenartigen Enden, weil ich mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, da? die FSOJs einzig und allein zum Foltern da sind“, fuhr er fort.

„Mir gefallt der Gedanke einer Dressur oder vielleicht einer Domestizierung fur einen ganz bestimmten Zweck viel besser. Niemand konstruiert fur eine nichtintelligente Lebensform extra ein interstellares Schiff, es sei denn, diese Lebewesen sind fur die Erbauer des Schiffs au?erordentlich wertvoll.

Deshalb mussen wir uns fragen: Was haben die FSOJs, was die blinden Aliens nicht haben? Was brauchen die Aliens am dringendsten?“

Alle starrten schweigend den FSOJ-Leichnam an. Plotzlich blickte Murchison zu Conway auf, aber Fletcher kam ihr zuvor.

„Die Augen?“

„Genau“, bestatigte Conway und fuhr fort: „Ich will naturlich nicht behaupten, die FSOJs waren sozusagen die Blindenhunde der Aliens. Aber wenn ihr Hang zur Gewalt erst einmal gebandigt ist, halte ich eine symbiotische oder parasitare Verbindung fur moglich, indem sich der blinde Allen durch die Stoppeln oder Fuhler an der Unterseite mit dem zentralen Nervensystem des FSOJ und besonders mit dessen Sehnerven verbindet, um auf diese Weise…“

„Das ist unmoglich“, unterbrach ihn Murchison in bestimmtem Ton.

Prilicla zitterte wegen der von Conway ausgestrahlten Gefuhle des Argers und der Enttauschung. Das vorherrschende Gefuhl war allerdings die Enttauschung, weil Conway wu?te, da? Murchison niemals so geradeheraus gesprochen hatte, wenn sie sich ihrer Sache nicht absolut sicher gewesen ware.

„Dann vielleicht durch einen chirurgischen Eingriff und ein Dressurprogramm…“, schlug Conway hoffnungsvoll vor, aber Murchison schuttelte nur den Kopf.

„Tut mir leid“, entgegnete sie. „Wir haben inzwischen uber beide Lebensformen Informationen genug, um eine symbiotische oder parasitare Verbindung mit Sicherheit ausschlie?en zu konnen. Die blinden Aliens, die ich vorlaufig als CPSD klassifiziert hab, sind Allesfresser und haben zwei Geschlechter. Einer der Leichname ist mannlich, und der andere weiblich.

Die einzige naturliche Waffe dieser Lebensform ist der Stachel, aber die damit verbundene Giftdruse ist schon seit langem verkummert. Ich hab an den knochernen Spitzen beider Stachel Kratzer gefunden, wonach sie inzwischen also als Greiforgane eingesetzt werden. Diese Wesen sind hochintelligent und trotz korperlicher und sensorischer Handikaps technologisch weit fortgeschritten — letzteres ist uns ja bereits bekannt.

Die Aliens scheinen zwar einzig und allein uber den Tastsinn zu verfugen, aber nach dem Spezialisierungsgrad der Fuhler auf der Korperoberseite zu urteilen, ist dieser au?erordentlich empfindlich“, fuhr sie fort.

„Moglicherweise erfuhlen diese Fuhler Erschutterungen in festen oder gasformigen Medien oder erfuhlen den Geschmack von Stoffen, mit denen sie in Beruhrung kommen. Vielleicht konnen sie durch die Verfeinerung dieser Geschmacksfuhler au?er fuhlen, horen und in gewisser Weise schmecken, auch durch Beruhrung riechen. Aber die Aliens konnen auf jeden Fall nicht sehen und hatten wahrscheinlich Schwierigkeiten mit dem Verstandnis des Begriffs ›Sehen‹. Deshalb wurden sie auch einen Sehnervenstrang beim Beruhren nicht als solchen erkennen.“

Murchison deutete auf den geoffneten Korper des FSOJs und erklarte: „Aber das ist nicht der hauptsachliche Grund fur die Unmoglichkeit einer Symbiose. Normalerweise mu? sich namlich ein intelligenter Parasit oder Symbiont nahe dem Gehirn plazieren oder an einer Stelle, wo die Hauptnervenstrange leicht zuganglich sind. Bei uns Terrestriern ware das entweder im Nacken oder oben auf dem Kopf. Doch das Gehirn dieser Aliens sitzt nicht im Schadel, sondern befindet sich zusammen mit den anderen lebenswichtigen Organen tief im Korper, und zwar an einer ziemlich ungunstigen Stelle. Es liegt namlich direkt unter der Gebarmutter und umgibt den Anfang des Geburtskanals. Deshalb wird das Gehirn wahrend des Wachstums des Embryos zusammengedruckt und kann bei einer schwierigen Geburt sogar zerstort werden. Der Nachwuchs kommt kampfend zur Welt und verfugt uber einen bis zum jagdfahigen Alter ausreichenden Nahrungsvorrat.

Beim zwittrigen FSOJ hingegen bleiben die Jungen in der Gebarmutter, bis sie relativ gro? und vollstandig furs Uberleben ausgerustet sind“, fugte sie noch hinzu. „Das Uberleben ist in seinem Lebensraum bestimmt nicht einfach, und die blinden Aliens hatten eine viel geeignetere Lebensform als Symbionten finden konnen, wenn es ihnen darum gegangen ware.“

Conway rieb sich den schmerzenden Kopf und dachte daran, da? schwierige Falle normalerweise nicht solch eine Wirkung auf ihn hatten. Hin und wieder hatte er schon mal wegen eines Patienten eine schlaflose Nacht verbracht oder sich beunruhigt oder sogar ernsthaft besorgt und angespannt gefuhlt, wenn die Zeit fur eine au?erst wichtige Entscheidung heranruckte — aber Kopfschmerzen hatte er davon bisher noch nie bekommen. Wurde er langsam alt? Aber nein, diese Erklarung war viel zu einfach. Schlie?lich hatten sie an Bord des Alienschiffs alle Kopfschmerzen gehabt.

Вы читаете Ambulanzschiff
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату