„Irgendwie mussen wir uns zu den Uberlebenden durchschlagen“, sagte er entschlossen. „Und zwar bald. Aber es ware dumm und geradezu kriminell, das Leben eines vernunftbegabten Wesens durch Zeitvergeudung mit einem Versuchstier zu gefahrden, selbst dann, wenn es sich um ein von der Schiffsbesatzung fur so wertvoll gehaltenes Tier wie den FSOJ handelt.

Also, wenn wir alle einer Meinung sind und den FSOJ fur ein nichtintelligentes Lebewesen halten…“

„… lassen wir den Druck aus dem Schiff heraus, warten, bis uns Prilicla den Tod des FSOJ meldet und schwei?en uns so schnell wie moglich durch den Rumpf zu dem uberlebenden Alien hindurch“, beendete Fletcher den Satz fur Conway und fugte dann hinzu: „Verdammt, ich hab schon wieder Kopfschmerzen.“

„Ich hatte einen Vorschlag, Freund Fletcher“, meldete sich Prilicla zaghaft zu Wort. „Der blinde Alien ist klein und konnte den Kafiggang wahrscheinlich passieren, ohne durch die FSOJ-Dressurmechanismen behelligt zu werden. Die Intensitat der emotionalen Ausstrahlung beider Wesen hat mittlerweile bis zu dem Punkt zugenommen, an dem ich sie als vollig genesen bezeichnen mochte. Einer der beiden strahlt unma?igen und unkontrollierten Zorn aus, wahrend der andere in zunehmende Frustration verfallt und sich verzweifelt bemuht, irgend etwas zu unternehmen. Ich leide ubrigens ebenfalls an Beschwerden im Schadelbereich, Freund Conway.“

Schon wieder diese ansteckenden Kopfschmerzen! dachte Conway.

Das kann einfach kein Zufall… Plotzlich erinnerte er sich an seine Anfangsjahre im Orbit Hospital.

Damals war er noch unertraglich stolz gewesen, dem Personal eines Krankenhauses mit vielfaltigen Umweltbedingungen anzugehoren, obwohl er zu der Zeit nur wenig mehr als ein medizinischer Laufbursche gewesen war. Doch dann bekam er eines Tages den Auftrag zur Zusammenarbeit mit Dr. Arretapec, einem VUXG, der die Fahigkeiten zur Teleportation, Telekinese und Telepathie besa? und fur ein Projekt, bei dem es um die Entwicklung von Intelligenz bei einer saurierahnlichen Spezies ging, praktische und finanzielle Unterstutzung der Foderation erhalten hatte.

Und Arretapec hatte Conway nicht nur in einer Hinsicht Kopfschmerzen bereitet.

Er verfolgte Fletchers Vorkehrungen zur Dekompression des Alienschiffs nur mit einem Ohr. Zunachst wollte man die tragbare Luftschleuse genau uber den Uberlebenden aufstellen, falls es der blinde Alien nach dem Tod des FSOJ und dem Beginn der langwierigen Schwei?arbeiten durch die Bergungsmannschaft nicht durch den Gang schaffen sollte. Doch der plotzlich skeptische und verargerte Tonfall in Fletchers Stimme brachte Conways Gedanken schlagartig wieder in die Gegenwart zuruck.

„… und warum konnen Sie das nicht?“ verlangte Fletcher gerade zu wissen. „Sie beginnen auf der Stelle mit dem Transport der Luftschleuse.

Haslam und ich selbst kommen Ihnen auch in ein paar Minuten zu Hilfe.

Was ist los mit Ihnen, Chen?“

„Ich fuhle mich nicht besonders“, erwiderte Lieutenant Chen von seinem Posten neben dem Alienschiff. „Konnen Sie mich nicht ablosen lassen, Sir?“

Bevor Fletcher antworten konnte, sagte Conway: „Fragen Sie ihn, ob er immer heftigere Kopfschmerzen hat und eine Art Juckreiz verspurt, der tief in den Ohren zu sitzen scheint. Wenn er das bestatigt, teilen Sie ihm mit, da? die Beschwerden mit zunehmender Entfernung vom Alienschiff nachlassen.“

Ein paar Sekunden spater befand sich Chen nach der Bestatigung von Conways Beschreibung der Symptome auf dem Ruckweg zur Rhabwar.

„Was geht hier blo? vor, Doktor?“ fragte Fletcher hilflos.

„Damit hatte ich eigentlich rechnen mussen“, antwortete Conway. „Aber es ist lange her, seit ich diese Erfahrung gemacht hab. Au?erdem hatte ich mich daran erinnern mussen, da? Wesen, denen durch korperliche Schadigungen oder die Evolution lebenswichtige Sinnesorgane abhanden gekommen sind, diesen Verlust wieder ausgleichen. Ich glaube… nein, ich wei?, wir spuren gerade Telepathie.“

Fletcher schuttelte bestimmt den Kopf. „Da irren Sie sich, Doktor“, widersprach er. „In der Foderation gibt es zwar ein paar telepathische Spezies, aber die sind mehr an philosophischen als an technischen Dingen interessiert, und deshalb begegnen wir denen auch nicht oft. Und selbst mir ist bekannt, da? ihre Fahigkeit zur telepathischen Kommunikation immer nur auf die eigene Spezies begrenzt ist. Deren organischen Sender und Empfanger sind auf eine ganz bestimmte Frequenz eingestellt, und andere Spezies — selbst telepathische Spezies — konnen die Mitteilungen nicht empfangen.“

„Das stimmt“, bestatigte Conway. „Im allgemeinen kommunizieren Telepathen nur mit Telepathen. Aber es sind ein paar seltene Falle dokumentiert, in denen Nichttelepathen die Gedanken eines Telepathen empfangen haben — wenn auch nur ein paar Sekunden oder Minuten lang.

Viel haufiger haben diese mit Telepathie experimentierenden Wesen allerdings gro?e Beschwerden gehabt, ohne den geringsten Kontakt herzustellen. Den ET-Neurologen zufolge liegen diese Teilerfolge an den verborgenen telepathischen Fahigkeiten vieler Spezies, die lediglich durch die Entwicklung gewohnlicher Sinnesorgane verkummert sind. Und wahrend meines eigenen, au?erst kurzen Erlebnisses, das mir auch nur ein einziges Mal widerfahren ist, hab ich eng mit einem sehr starken Telepathen an demselben Problem zusammengearbeitet. Wir haben die gleichen geistigen Bilder vor Augen gehabt, uber dieselben Symptome gesprochen und waren tagelang einer Meinung uber den Patienten. Dabei mussen wir eine vorubergehende Brucke geschlagen haben, uber die die Gedanken und Gefuhle des Telepathen in meinen Kopf gelangen konnten.“

Prilicla zitterte heftig. „Wenn der vernunftbegabte Uberlebende telepathischen Kontakt mit uns herzustellen versucht, dann bemuht er sich mit au?erster Anstrengung darum, mein Freund“, sagte er. „Er ist vollig verzweifelt.“

„Das kann ich verstehen, wenn ein FSOJ in seiner Nahe ist, dessen Zustand sich rasch verbessert“, bemerkte Fletcher. „Aber was sollen wir denn tun, Doktor?“

Conway bemuhte sich verzweifelt, seinem schmerzenden Kopf eine Antwort abzuringen, bevor den uberlebenden Alien das gleiche Schicksal wie seine Besatzungskollegen ereilen wurde. „Wenn wir blo? konzentriert an irgendeine Gemeinsamkeit zwischen uns und dem Alien denken konnten“, sagte er. „Wir konnten selbst versuchen, an die blinden Aliens zu denken.“ Er wies mit der Hand auf die Seziertische. „Nur haben wir wahrscheinlich nicht genugend Kontrolle uber die Gedanken, um sie uns lebendig und als Ganzes vorzustellen. Es ist fur den Uberlebenden namlich nicht gerade eine Beruhigung, wenn wir sie uns — und sei es noch so kurz — als sezierte Leichen vorstellen. Am besten, wir betrachten den FSOJ und denken an ihn. Da es sich um ein Nutztier handelt, sollte es den Alien nicht storen, wenn wir den FSOJ in kleine Stuckchen zerschnitten sehen, spuren, empfinden oder was auch immer.

Ich mochte, da? Sie sich alle in Gedanken auf den FSOJ konzentrieren“, fuhr er fort und blickte sie der Reihe nach an. „Konzentrieren Sie sich stark, und bemuhen Sie sich gleichzeitig, ein Gefuhl der Hilfsbereitschaft zu vermitteln. Dabei kann moglicherweise ein wenig korperliches Unbehagen auftreten, was aber auf keinen Fall schadliche Nachwirkungen haben wird.

So, denken sie jetzt an den FSOJ, und zwar angestrengt…!“

Sie starrten schweigend auf den zum Teil zerstuckelten FSOJ und dachten an ihn. Prilicla zitterte heftig, und mit dem die Gefuhle widerspiegelnden Fell von Naydrad gingen wahrhaft seltsame Dinge vor.

Murchisons Gesicht war kreidewei?, die Lippen hatte sie fest zusammengepre?t, Fletcher schwitzte vor Anstrengung.

„Ein wenig korperliches Unbehagen, hat er gesagt“, murmelte der Captain.

„Fur einen Arzt kann korperliches Unbehagen alles bedeuten, Captain — vom verstauchten Fu? bis zum Gebratenwerden in siedendem Ol“, entgegnete Murchison mit nur kurzzeitig geoffneten Zahnen.

„Hort endlich auf zu reden!“ fuhr Conway die beiden an. „Konzentriert euch!“

Sein Kopf fuhlte sich an, als konne er das schmerzende Gehirn nicht langer fassen, und im Schadel spurte er einen immer heftigeren Juckreiz — eine Empfindung, die er nur einmal vorher in seinem Leben gehabt hatte.

Als der Captain gequalt aufstohnte und sich einen Finger aufs Ohr druckte, warf Conway ihm einen kurzen Blick zu. Und auf einmal hatten sie Kontakt. Es war eine schwache, nicht ausgesprochene, aus dem Nichts kommende Mitteilung, die aber trotzdem als leise zu vernehmende Worter, die sowohl eine Aussage als auch eine Frage formulierten, in ihren Gehirnen vorhanden war.

„Sie denken an meinen Beschutzer.“

Jeder blickte den anderen an und fragte sich offensichtlich, ob sie alle die gleichen Worte gehort, gespurt und empfunden hatten. Fletcher stie? den Atem wie einen explosionsartigen Seufzer der Erleichterung aus und fragte: „Ein… ein Beschutzer?“

„Mit solchen naturlichen Waffen“, entgegnete Murchison, wobei sie auf die mit Hornspitzen versehenen

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