„Dodds“, wandte sich Fletcher plotzlich an den auf der Rhabwar zuruckgelassenen Offizier. „Fuhren Sie noch einmal eine Sensoruberprufung der vom Schiff ausgehenden Strahlung durch. Vielleicht existiert sie erst, seitdem ich die Knopfe gedruckt hab. Suchen Sie auch nach moglicherweise schadlicher Strahlung vom nahen Sternhaufen.“
Conway nickte anerkennend, was Fletcher allerdings nicht bemerkte.
Selbst flach auf dem Rucken liegend, mit hammernden Kopfschmerzen, die das Denken fast unmoglich machten, und mit einem Arm, der unsichtbar in einem vollig unbekannten Steuerpult steckte und durch eine unbedachte Beruhrung alles vom Ausschalten des Lichts bis zu einem au?erplanma?igen Sprung in den Hyperraum auslosen konnte, leistete der Captain ausgezeichnete Arbeit. Aber laut Dodds zeigten die Me?werte der Sensoren keine Spur von schadlicher Strahlung, weder von dem Alienschiff noch von dem Sternhaufen ausgehend. Conway und Fletcher dachten immer noch uber diese Tatsache nach, als das Schweigen durch die schuchterne Stimme Priliclas unterbrochen wurde.
„Freund Conway“, meldete sich der Empath, „ich hab mit dieser Mitteilung gewartet, bis ich mir meiner Empfindungen absolut sicher war, aber jetzt kann es keinen Zweifel mehr geben. Der Zustand beider Uberlebender verbessert sich zusehends.“
„Danke, Prilicla“, erwiderte Conway. „Das verschafft uns mehr Zeit, uber eine Rettungsmoglichkeit nachzudenken.“ An Fletcher gewandt fugte er hinzu: „Aber warum diese plotzliche Besserung?“
Der Captain blickte in den Kafiggang und auf die wild stampfenden und fuchtelnden Metallwucherungen und antwortete: „Konnte das irgend etwas damit zu tun haben?“
„Keine Ahnung“, entgegnete Conway, wobei er wegen der gestiegenen Chancen fur eine erfolgreiche Rettung erleichtert lachelte. „Aber allein dieses Gerausch kann sicherlich sogar Tote wieder zum Leben erwecken.“
Fletcher sah ihn mi?billigend an, da er ganz offensichtlich au?erstande war, sowohl an der Bemerkung als auch an den Umstanden irgend etwas komisch zu finden. Au?erst ernsthaft entgegnete er: „Ich hab samtliche erreichbare flache Kippschalter zweimal uberpruft. Diese Schalterform ist die einzige, die sich fur die kurzen Fuhler der blinden Aliens eignet, denn als Greiforgan konnen die Fuhler nicht genugend Druck und Hebelkraft ausuben. Aber ich hab etwas gefunden, das sich wie ein mehrere Zentimeter langer Hebel mit einem auf der Spitze stehenden Kegel als Griff anfuhlt. Der Kegel ist hohl, wahrscheinlich pa?t die Stachel- oder Hornspitze der blinden Aliens genau hinein. Der Hebel steht im Funfundvierzig-Grad-Winkel zum Befestigungspunkt — das ist der obere Anschlag. Ich bin fest entschlossen, ihn nach unten zu legen.
Vorher sollten wir aber lieber die Helme schlie?en, falls etwas Unheilvolles passiert“, fugte Fletcher noch hinzu. Dann klappte er das Helmvisier herunter und zog den vorhin zum Tasten abgestreiften Handschuh wieder an. Dann griff er ohne zu zogern in die Offnung.
Offenbar wu?te er genau, wohin er mit der Hand greifen mu?te.
Urplotzlich erstarb im Kafiggang jegliche mechanische Tatigkeit. Es herrschte so vollkommene Stille, da? Conway schon beim Gerausch eines an der Au?enhulle schabenden Fu?magneten zusammenfuhr. Als Fletcher wieder aufstand und das Visier offnete, lachelte er.
„Die Uberlebenden befinden sich am anderen Ende dieses Gangs, Doktor“, berichtete er und fugte noch hinzu: „Falls wir bis dorthin kommen konnen.“
Doch es stellte sich als vollkommen unmoglich heraus, sich durch das Dickicht aus vorspringenden Metallstangen und — staben hindurchzuwinden.
Selbst als es der Captain ohne Raumanzug versuchte, bestand der einzige Erfolg in einer Unmenge Schnittwunden und Hautabschurfungen. Enttauscht zog Fletcher wieder den Anzug an und ging mit dem Schneidbrenner gegen die Metallstabe vor. Aber das Metall war au?erst widerstandsfahig, und bei jeder einzelnen Metallstange waren zum Abtrennen mehrere Sekunden hochster Brennerleistung erforderlich. Es seien so viele Stangen, da? er sich wie beim Jaten eines Metallgartens vorkame, bemerkte Fletcher verargert, wobei er immer einen ›Stengel‹ nach dem anderen entfernte. Er hatte noch nicht einmal zwei Meter des Kafiggangs freigelegt, als sie wegen der gro?en Hitzeentwicklung zum Ruckzug zur Luftschleuse gezwungen waren.
„Das bringt nichts“, stellte Fletcher fest. „Wir konnen uns zwar bis zu den Uberlebenden durchschwei?en, aber nur in kurzen Etappen, zwischen denen wir zur Ableitung der uberschussigen Hitze durch die Schiffskonstruktion und die anschlie?ende Abstrahlung ins All lange Pausen einlegen mussen. Au?erdem besteht die Gefahr, da? durch die Hitze moglicherweise die Isolierungen einiger Energiesteuerungsschaltkreise schmelzen, und das hatte unabsehbare Folgen.“
Er schlug mit der Faust so heftig gegen die Wand neben sich, da? es fast einem Wutausbruch gleichkam, und fuhr fort: „Den Nahrboden aus den Lagerraumen zu schaffen ware ebenfalls eine langwierige Arbeit, da man die Erde eimerweise von den Lagerraumen in den Gang, zur Schleuse und nach drau?en bringen mu?te. Und wir haben noch nicht einmal eine Vorstellung davon, welche Konstruktionsprobleme danach in den Lagerraumen entstehen. Ich glaube langsam, die einzige Moglichkeit ist das Hineinschwei?en von au?en. Aber da tauchen dann naturlich wieder neue Schwierigkeiten auf…“
Beim Schwei?en durch den Doppelrumpf des Schiffs zu den Uberlebenden wurde namlich ebenfalls eine Menge Hitze entstehen, besonders im Innern der transportablen Luftschleuse, die sie zur Verhutung eines versehentlich ausgelosten Druckverlusts im Schiff einsetzen mu?ten.
Auch bei dieser Vorgehensweise mu?ten wiederum lange Pausen zum Abzug der Hitze eingelegt werden, obwohl die Abkuhlungsphase kurzer sein wurde, da man ja bereits auf der Au?enhaut ware. Es gab aber au?erdem das Problem des Zerschneidens der mechanischen Gestange zwischen den in den Gang ragenden Stangen und Kolben. Denn dadurch wurde im Schiff selbst gro?e Hitze entstehen, die auf die Uberlebenden nachteilige Auswirkungen haben konnte. Der einzige Vorteil dieser Vorgehensweise bestand in der Vermeidung des Risikos, von den Metallstangen zu Tode gestampft zu werden, wenn sich das System durch die Schwei?arbeiten von selbst anschaltete… „… und ubrigens, Doktor“, fugte Fletcher hinzu, wobei er seinen Vortragston abgelegt hatte, „meine Kopfschmerzen lassen langsam nach.“
Conway teilte ihm gerade mit, da? auch seine Kopfschmerzen allmahlich verschwinden wurden, als Prilicla das Gesprach unterbrach. „Freund Fletcher“, sagte er, „ich hab die emotionale Ausstrahlung der Uberlebenden beobachtet, seit Sie den Mechanismus im Kafiggang abgeschaltet haben. Der Zustand der Uberlebenden hat sich seitdem wieder standig verschlechtert, und jetzt befinden sie sich in ahnlicher Verfassung wie bei unserer Ankunft, vielleicht hat sich ihr Zustand sogar noch mehr verschlechtert. Wir konnten sie leicht verlieren.“
„Das… das ergibt doch keinen Sinn!“ fluchte Fletcher und blickte Conway ratlos an.
Conway konnte sich lebhaft vorstellen, wie sehr Prilicla wegen Fletchers Wutausbruch und der damit einhergehenden emotionalen Ausstrahlung in seinem Raumanzug jetzt zittern mu?te. Er konnte sich allerdings kaum einen Begriff von der Uberwindung machen, die es den kleinen Empathen gekostet haben mu?te, so zu sprechen, wie er es getan hatte, da Prilicla bei einer Meinungsverschiedenheit mit einem anderen Lebewesen intensive Schmerzen empfand.
„Vielleicht nicht“, sagte er deshalb schnell zu Fletcher, „aber es gibt eine Moglichkeit, das herauszufinden.“
Fletcher musterte ihn zwar mit bosem und verdutztem Blick, ging aber doch zur Offnung vor dem Steuerpult. Schon ein paar Sekunden spater setzten die Gerausche und die mechanische Tatigkeit im Kafiggang wieder ein — ebenso Conways Kopfschmerzen.
„Der Zustand der Uberlebenden bessert sich wieder“, berichtete Prilicla.
„Wie weit hatten die sich denn das letztemal erholt?“ fragte Conway besorgt. „Konnen Sie anhand der emotionalen Ausstrahlungen sagen, ob der eine Alien gerade den anderen angreifen wollte?“
„Beide Uberlebende waren ein paar Minuten lang bei vollem Bewu?tsein“, antwortete Prilicla. „Die Ausstrahlungen waren so stark, da? ich die Unklarheit uber ihren Aufenthaltsort beseitigen konnte. Sie sind nicht mehr als zwei Meter voneinander entfernt, und keiner von beiden plant einen Angriff oder hat einen Angriff geplant.“
„Wollen Sie damit sagen, ein blinder Alien und ein FSOJ bei vollem Bewu?tsein liegen so nahe beieinander, ohne da? das Tier an einen Angriff denkt?“ fragte Fletcher in verblufftem Ton.
„Vielleicht hat der blinde Alien einen Spind oder etwas Ahnliches zum Verstecken gefunden“, schlug Conway als Erklarung vor. „Und fur den FSOJ bedeutet das in diesem Fall, ›aus den Augen, aus dem Sinn‹.“
„Entschuldigen Sie“, schaltete sich Prilicla erneut ein. „Ich kann auf keinen Fall mit absoluter Sicherheit sagen, ob die beiden Wesen verschiedenen Spezies angehoren. Lediglich die Art der emotionalen Ausstrahlung deutet klar darauf hin. Der eine Alien strahlt Wut, Schmerzen und nur wenig andere Gefuhle aus, wahrend die
