»Sechnassach, der Gro?konig? Er kommt hierher?«

Brocc nickte nachdrucklich.

»Er hat bestimmt, da? das Gericht die Klage Laigins gegen Muman in der Sache des Todes Dacans in der Abtei anhoren soll, in der Dacan ermordet wurde. Er schreibt, es sei ...« Brocc zogerte und schielte auf das Wachstafelchen, »... angemessen, da? die Verhandlung an diesem Ort stattfinde.«

»So?« Fidelma zog das Wort wie einen tiefen Seufzer in die Lange. »Und er bringt den ganzen Hof mit?«

»Naturlich. Der Oberrichter Barran wird mit dem Gro?konig das Urteil fallen, und Erzbischof Ultan von Armagh kommt auch, um die Geistlichkeit der funf Konigreiche zu vertreten. Dein Bruder Colgu und seine Berater konnen ebenfalls jeden Tag hier eintreffen.«

»Und ich nehme an, Konig Fianamail von Laigin und seine Anwalte werden auch bald hier sein?«

»Fianamail bringt den Abt Noe und seinen Brehon Forbassach mit.«

»Forbassach! Dann wird also Forbassach das Pladoyer fur Laigin halten?«

So gro? ihre Abneigung gegen den falkengesichtigen Anwalt aus Laigin auch war, Fidelma wu?te, da? er einen scharfen Verstand besa? und ein fahiger Vertreter des Rechts war, den man nicht unterschatzen durfte. Er wurde sicher alles daransetzen, Fidelma seine Vertreibung aus Cashel heimzuzahlen.

»Wann genau ist mit ihrer Ankunft zu rechnen?« fragte sie. Das waren wirklich schlechte Nachrichten.

»In wenigen Tagen, spatestens Ende der Woche.«

Brocc machte seine Rolle als Gastgeber fur eine Versammlung, bei der er selbst der Angeklagte war, sichtlich nervos. »Sag mir, Kusine, wei?t du schon, wer Dacan ermordet haben konnte?«

Seine Stimme klang fast bittend, aber Fidelma konnte ihm nicht helfen.

Sie stand auf, ging zum Fenster und spahte hinunter in die Bucht.

»Als wir in Ros Ailithir einliefen, sah ich, da? Mu-grons Kriegsschiff immer noch da drau?en ankert.«

Brocc lie? die Schultern hangen.

»Laigin geht nicht von seiner Klage ab, bis die Ratsversammlung zusammentritt.«

»Ich vermute, der Gro?konig und sein Gefolge kommen zu Schiff?«

»Wie auch der Konig von Laigin und sein Hofstaat«, bestatigte Brocc. »Ich soll sie alle beherbergen. Bruder Rumann und Bruder Conghus wissen schon nicht mehr, wo sie die zusatzlichen Unterkunfte und die Verpflegung hernehmen sollen. Ach, und das bedeutet auch, da? dir das gesonderte Zimmer, in dem du die Untersuchungen gefuhrt hast, nicht mehr zur Verfugung steht. Du kannst dein personliches Zimmer im Gastehaus weiter benutzen, wie es deinem Rang gebuhrt, aber der Krieger, wie hei?t er ... Cass? Er wird sich mit einem Bett in einem der Schlafsale begnugen mussen.«

»Das la?t sich nicht andern. Du hast viel um die Ohren mit den Vorbereitungen fur die Versammlung.«

Brocc schaute sie besorgt an.

»Du auch, Kusine, denn von dir hangt unser aller Zukunft ab.«

Daran brauchte Brocc sie nicht zu erinnern. Die Worte aus dem Lukasevangelium kamen ihr in den Sinn: »Denn welchem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern.« Noch nie seit ihrer Zulassung zum Gericht war soviel von ihr gefordert worden. Sie spurte diese Verantwortung schwer auf sich lasten. Trotz aller ihrer Anstrengungen war sie immer noch zu keinem Ergebnis gelangt.

»Es ist nur so, da? ich anfange, mir Sorgen zu machen, Kusine«, gab Brocc zu. »Ich habe noch nie an einer Ratsversammlung des Gro?konigs teilgenommen«, fuhr er fort. »Stunde ich nicht unter Anklage als Verantwortlicher in dieser Angelegenheit, dann ware es ein erhebendes Erlebnis fur mich.«

Fidelma hob spottisch die Brauen.

»Erhebendes Erlebnis? Es konnte auch ein verhangnisvolles werden, wenn es mir nicht gelingt, dich zu entlasten und zu verhindern, da? der Anspruch Laigins zum Krieg zwischen den beiden Konigreichen fuhrt.«

Verlegenes Schweigen trat ein, dann sagte Fidelma: »Du hast mir noch nicht berichtet, ob es etwas Neues von Schwester Grella gibt. Ich nehme an, sie ist nicht zuruckgekehrt?«

Brocc bestatigte ihre Vermutung.

»Nein. Sie ist nach wie vor verschwunden. Aus dem, was du mir erzahlt hast, schlie?e ich, da? sie wohl wegen ihrer Schuld geflohen ist.«

Fidelma erhob sich.

»Das werden wir sehen. Ich brauche die Sachen, die ich dir zur Verwahrung gegeben habe.«

Brocc nickte bereitwillig und langte unter den Tisch nach den Schlusseln. Sie sah zu, wie er zur Truhe trat und sie offnete. Er nahm ihr marsupium heraus und reichte es ihr.

Schnell ging sie den Inhalt durch, um zu sehen, ob noch alles da sei.

Jemand hatte den Beutel durchsucht. Das angebrannte Stuck Ogham-Stab und die Pergamentblatter, die sie in Schwester Grellas Zimmer gefunden hatte, fehlten. Doch die Leinenstreifen und der Rock, von dem man sie abgerissen hatte, waren noch vorhanden.

»Was ist?« fragte Brocc.

»Jemand hat einige wichtige Beweisstucke aus meinem Beutel entfernt.«

»Das verstehe ich nicht, Kusine«, sagte Brocc leise. Er sah ziemlich verwirrt aus und war vor Scham rot geworden.

»Wann hast du diese Truhe zum letztenmal geoffnet, Brocc?« fragte sie.

»Als du mich batest, den Beutel dort sicher zu verwahren.«

»Und wo hattest du die Schlussel?«

»Sie hangen, wie du gesehen hast, an einem Haken unter diesem Tisch.«

»Und wie viele Leute wissen davon?«

»Ich dachte, ich ware der einzige, der wei?, wo sie sind.«

»Es wurde keine gro?e Muhe bereiten, sie zu finden. Wie viele Leute wissen, da? manchmal wertvolle Dinge in der Truhe aufbewahrt werden?«

»Nur einige der hoheren Geistlichen der Abtei.«

»Und es versteht sich von selbst, da? sich jeder Zutritt zu deinem Zimmer verschaffen kann, wahrend du die Pflichten deines Amtes erfullst?«

»Keiner der Bruder dieser Abtei wurde so ein Verbrechen begehen und seinen Abt bestehlen, Kusine. Es versto?t entschieden gegen alle Regeln unseres Ordens«, erwiderte Brocc emport.

»Das tut Mord auch«, meinte Fidelma trocken. »Dennoch hat jemand in dieser Abtei sowohl Dacan als auch Schwester Eisten getotet. Du sagst, nur die hoheren Geistlichen der Abtei wissen, da? manchmal Dinge von Wert hier hinterlegt werden. Wer zum Beispiel?«

Brocc rieb sich das Kinn.

»Bruder Rumann naturlich. Bruder Conghus. Unser Rektor, Bruder Segan. Bruder Midach ... ach, naturlich auch Schwester Grella. Aber sie ist nicht hier. Das sind alle.«

»Das sind genug. Hast du zufallig erwahnt, da? ich etwas bei dir hinterlegt hatte, wahrend ich fort war?«

Brocc wurde noch roter.

»Meine hoheren Mitarbeiter fragten mich allerdings, wohin du gereist seist«, gestand er zogernd ein. »Ich konnte es ihnen nicht sagen, da ich es selbst nicht wu?te. Aber sie sind alle in Sorge und hoffen naturlich, da? die Morde aufgeklart werden. Ich erzahlte ihnen, du hattest schon Beweismaterial, das du hier bei mir gelassen hattest . Ja, ich glaube, ich erwahnte, da? . ich sagte, Schwester Grella sollte festgesetzt werden, bis du zuruckkamst, und .«

»Also wurde jemand nicht lange brauchen, den Aufbewahrungsort der Schlussel zu finden. Du hattest ihnen auch gleich eine Beschreibung liefern konnen«, stellte Fidelma verargert fest. Brocc machte eine hilflose Geste. »Es tut mir wirklich leid.«

»Mir auch, Brocc«, sagte Fidelma. Broccs Sorglosigkeit hatte zum Verlust der entscheidenden Beweisstucke gefuhrt. »Der Diebstahl wird mich nicht daran hindern, die Schuldigen aufzuspuren, aber moglicherweise hindert er mich daran, ihnen ihre Schuld nachzuweisen.« Damit verlie? sie das Zimmer.

Die erste Person, die ihr begegnete, als sie uber die Hofe zum Gastehaus eilte, war Schwester Necht. Sie schien zu erschrecken, als sie Fidelmas ansichtig wurde.

»Ich dachte, du seist abgereist«, gru?te sie mit ihrer langsamen, dunklen Stimme.

Fidelma schuttelte den Kopf.

»Ich kann nicht fort, ehe nicht meine Untersuchung abgeschlossen ist.«

Вы читаете Tod im Skriptorium
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату