»Auf welcher der beiden Inseln liegt das Kloster?« fragte Fidelma.
»Auf der gro?eren«, erklarte Ross.
»Aber ich sehe keine Landestelle und noch weniger einen Ort, an dem man Gebaude errichten konnte«, wandte Fidelma ein, die verwundert die beinahe lotrechte Steilkuste betrachtete.
Ross klopfte sich wissend mit dem knorrigen Zeigefinger an die Nase.
»Es gibt schon eine Stelle, an der man landen kann, und wenn man schwindelfrei ist, kann man zum Kloster hinaufgehen, denn es befindet sich da ganz oben.« Er wies auf die Felsenspitzen. »Die Monche nennen das den Sattel Christi. Das Kloster liegt zwischen den beiden Bergspitzen.«
Fidelma gewahrte das Schreien der Seevogel. Gro?e Tolpel von zwei Meter Flugelspanne kreisten uber ihnen. Manchmal sturzten sie sich auf der Jagd nach Fischen aus uber zwanzig Metern Hohe senkrecht ins Meer hinunter.
Vor allem die zweite Insel schien von einem Ring kreisender und schreiender Vogel gekront. Fidelma dachte zuerst, sie sei durch irgendein Wunder mit Schnee bedeckt, doch Ross erklarte ihr, das seien die seit Jahrhunderten abgelagerten Exkremente der Vogel.
»Sie nisten auf Little Sceilig«, erklarte er. »Nicht nur Tolpel, sondern auch Mowen, Kormorane, Lummen, Dreizehenmowen, Tordalke, Sturmtaucher und Eissturmvogel und noch andere Vogel, deren Namen ich vergessen habe.«
Cass, der schweigend daneben stand, bemerkte plotzlich: »Das ist ein beeindruckender Ort, der einem die Seele lautert.«
Fidelma lachelte ihm zu, verwundert daruber, da? sein sonst so unbewegtes Gemut derart ergriffen werden konnte.
»Das hier ist ein Ort, der einem die Seele erhebt«, verbesserte sie ihn, »denn er zeigt uns, wie unbedeutend wir sind im gro?en Plan der Schopfung.«
»Ich verstehe trotzdem nicht, warum du an diesen einsamen Ort fahren wolltest«, knurrte Cass und starrte auf die drauenden Klippen der Insel.
Fidelma meinte, nun sei es an der Zeit, ihn ein wenig in ihre Plane einzuweihen.
»Erinnerst du dich an das Blatt Pergament, das wir in Grellas Zimmer fanden? Den Brief Dacans an seinen Bruder, den Abt Noe? Er schrieb ihn am Abend vor seinem Tode, und darin stand, da? der Gesuchte -erinnere dich, er benutzte wirklich den Ausdruck >der Gesuchte< - sich im Kloster Sceilig Mhichil aufhielte. Er forschte nach dem Erben der ursprunglichen Konige von Osraige. Ich denke, er wurde getotet, weil er etwas Entscheidendes herausgefunden hatte. Der nachste Schritt auf dem Wege zur Losung der Ratsel fuhrt auf die uneinnehmbare Insel, die du vor uns siehst, davon bin ich uberzeugt.«
Cass wandte den Blick von der Insel ab, sah Fidelma an und dann wieder die hochragenden grauen Felsen.
»Du meinst, du findest den, nach dem Dacan suchte, auf dieser Insel?«
»Dacan glaubte es jedenfalls.«
Da? Ross und seine Mannschaft wie die meisten Kustenschiffer sehr geschickte Seeleute waren, bewiesen sie in den nachsten Minuten, als sie eine Landestelle anliefen, die man erst sah, wenn man auf wenige Meter heran war. Die Wogen drohten das Schiff gegen die gischtumspulten Felsen zu schleudern, alle wurden vom Spritzwasser durchna?t, und es dauerte eine Weile, bis sie so nahe vor der Insel ankerten, da? jemand an Land gehen konnte.
»Es ist nicht gut, wenn wir so dicht an den Felsen vor Anker liegen«, rief Ross, der brullen mu?te, um sich durch das Donnern der Wogen und die Schreie der Seevogel verstandlich zu machen. »Wenn ihr an Land seid, legen wir ab und kreuzen drau?en, bis ihr uns das Signal gebt, da? wir euch wieder aufnehmen sollen.«
Fidelma hob die Hand zum Zeichen des Einverstandnisses und bereitete sich auf den Sprung vom Bord des Schiffes auf den schmalen Granitsims vor, der einen naturlichen Kai bildete.
Cass sprang zuerst, um einen Halt zu suchen und Fidelma notfalls aufzufangen.
Als sie den schmalen Pfad entlangschritten, der nach oben fuhrte, eilte ihnen ein braungekleideter Monch entgegen. Er schien nicht erfreut uber die Besucher.
Der Monch blieb stehen und blickte noch verargerter drein.
»Wir sahen ein Schiff anlegen. Dieser Ort ist fur Frauen verboten, Schwester.«
»Wer ist hier der Vorsteher?« fragte Fidelma.
Ihr eisiger Ton lie? den Monch zogern.
»Pater Mel. Aber wie ich schon sagte, Schwester, unsere Bruder leben hier abgeschieden von der Gesellschaft von Frauen entsprechend den Regeln des heiligen Finan.«
Fidelma wu?te, da? es Kloster gab, die Frauen nicht betreten durften, denn Manner wie Finan von Clo-nard und Enda von Aran glaubten, die Bibel lehre, da? Frauen vom Bosen geschaffen waren und man sie deshalb niemals ansehen sollte. Solche ketzerischen Lehren waren Fidelma verha?t. Sie fand es uberhaupt nicht gut, da? Ideen dieser Art Unterstutzung aus Rom erhielten, was schon fast dem Versuch gleichkam, das Zolibat durchzusetzen mit dem von Augustin von Hippo vorgebrachten Argument, der Mann sei nach dem Bilde Gottes geschaffen, die Frau aber nicht.
»Ich bin Fidelma, die Schwester des Konigs Colgu von Muman. Ich bin
Niemals hatte Fidelma diese Form der Vorstellung benutzt, hatte sie nicht den Eindruck gehabt, da? sie anders hier nichts ausrichten konne.
»Ich bin hier, um einen gewaltsamen Todesfall zu untersuchen. Nun fuhre mich sofort zu Pater Mel.«
Der Monch schaute entsetzt drein und zuckte nervos mit den Augen.
»Ich wage es nicht, Schwester.«
Cass lockerte demonstrativ sein Schwert in der Scheide und blickte den Pfad entlang, den der Monch heruntergekommen war.
»Ich meine, du solltest es wagen«, sagte er kuhl, als spreche er nur seine Gedanken aus.
Der Monch warf ihm einen angstlichen Blick zu und sah dann Fidelma verlegen an. Er schien mit sich zu ringen. Einen Augenblick spater machte er eine resignierende Geste.
»Wenn ihr mir folgen konnt, dann werdet ihr zu Pater Mel kommen. Wenn nicht ...« Hohn schwang in seiner Stimme mit.
Er wandte sich um und lief den Pfad hinauf, der anfangs recht gut begehbar war, sich dann aber plotzlich verengte. Es war schon kein Pfad mehr, sondern sie kletterten fast senkrecht von einer Felsleiste zur anderen empor, wenn auch die Monche hier und da Stufen in die steile Felswand gehauen hatten. Es war ein schwieriger Aufstieg. Der Wind blies und schuttelte sie und drohte sie manchmal von der Wand zu rei?en und in die brodelnde See unter ihnen zu schleudern. Mehrmals mu?te sich Fidelma mit Handen und Fu?en an den Felsen festklammern, um Halt zu finden.
Der Monch war den Aufstieg gewohnt und erhohte sein Tempo noch. Fidelma kletterte manchmal riskant, um mit ihm mitzuhalten. Cass kam hinter ihr und mu?te sie mehrfach stutzen. Endlich gelangten sie auf ein kleines Plateau, eine grune Flache zwischen zwei Gipfeln, auf der mehrere Steinkreuze standen. Von hier aus fuhrten Stufen an ein paar Felsspitzen vorbei zu einem anderen Plateau, das auf der einen Seite von einer Steinmauer begrenzt wurde.
Fidelma blieb stehen und geno? den gro?artigen Blick auf das wei?bedeckte Little Sceilig und das im Dunst liegende Festland dahinter.
Auf dem Plateau stand das Kloster, das Finan vor etwa hundert Jahren erbaut hatte. Es bestand aus sechs
Mehrere Bruder arbeiteten in einem kleinen Garten, dem unverputzte Steinmauern ein wenig Schutz boten. Zu ihrer Uberraschung stellte sie fest, da? es auch zwei Brunnen gab.
»Das ist wirklich ein erstaunlicher Ort«, flusterte sie Cass zu. »Kein Wunder, da? die Bruder so darauf versessen sind, unter sich zu bleiben.«
Der Monch, der sie begleitet hatte, war verschwunden, vermutlich in einem der Steingebaude.
