»Vielleicht. Und zielt Salbachs Ehrgeiz eventuell uber die Corco Loigde hinaus?«

»Dazu hat er das Recht, Kusine. Wenn er von Ir abstammt, der mit Mil Easpain verwandt war, der dieses Land in der Fruhzeit eroberte und mit den Kindern Gaels bevolkerte .«

Fidelma zog ein Gesicht, als hatte sie Zahnschmerzen.

»Erspare mir diese langweilige Genealogie. Ehrgeiz ist schon und gut, solange der Spatz nicht danach strebt, ein Falke zu werden«, bemerkte sie trocken. »Was kannst du mir sonst noch von Salbach erzahlen? Kannte er Schwester Eisten?«

»Soviel ich wei?, nein.«

»Uberrascht es dich zu horen, da? Eisten vor gut einer Woche zusammen mit Schwester Grella auf Sal-bachs Burg war?«

Broccs Miene verriet, da? es ihn sehr uberraschte.

»Also meinst du doch, da? es eine Verbindung zwischen dem Tod der armen Schwester Eisten und dem des Ehrwurdigen Dacan gibt?« fragte er.

»Eine Verbindung schon. Wie stark sie ist, das wei? ich noch nicht. Aber ich bin entschlossen, es herauszubekommen.«

Abt Broccs Gesicht war immer langer geworden, wahrend er sich die Kompliziertheit der Lage vergegenwartigte.

»Es scheint aber so, als seist du der Losung des Ratsels um Dacans Tod nicht viel naher gekommen. Und die Zeit arbeitet nicht fur uns, Kusine.«

»Das wei? ich sehr gut, Brocc«, antwortete Fidelma leise.

»Nun, denke daran, da? ich nach dem Gesetz in letzter Konsequenz fur den Tod Dacans verantwortlich gemacht werde. Ich kann es mir nicht leisten, die Entschadigung oder die Strafe zu zahlen.«

»Mach dir keine Sorgen, Brocc«, versicherte ihm Fidelma. »Laigin ist nicht an dir oder an den sieben cumals Geldstrafe interessiert. Ihnen geht es um den Suhnepreis, und sie haben das Land Osraige im Auge. Sie waren mit nichts anderem zufriedenzustellen.«

»Trotzdem liegt ihr Kriegsschiff immer noch da drau?en.« Brocc wies aus dem Fenster auf die Bucht.

»Nach dem Gesetz kannst du Laigin dieses Recht nicht streitig machen«, erwiderte Fidelma. »Das Schiff wird nichts unternehmen. Es soll dich nur an deine Verantwortlichkeit als Abt an der Spitze der Gemeinschaft erinnern, in der Dacan den Tod fand.«

Es klopfte an der Tur, und auf Broccs Aufforderung hin trat Cass ein.

Fidelma sah ihm an, da? er Grella nicht gefunden hatte.

»Nichts«, bestatigte er. »Keine Spur von Schwester Grella. Der Kapitan war wutend, aber er hat mich nicht daran gehindert, das Schiff zu durchsuchen, bis hinunter in den stinkenden Laderaum. Ich gebe dir mein Ehrenwort, da? sie nicht an Bord ist.«

Fidelma spurte, wie sich ihr eine schwere Last auf die Schultern legte.

Sie erhob sich und trat wieder ans Fenster.

Die Segel des frankischen Handelsschiffs wurden gesetzt. Sie horte, wie die Leinwand klatschte und sich mit der morgendlichen Landbrise fullte; sie horte, wie die Befehlsrufe sich mit den Schreien der Mowen mischten, die das behabig in Fahrt kommende Schiff umkreisten.

»Wieder eine geschlossene Mauer«, sagte sie fast unhorbar. »Aber irgendwo ist eine Tur. Irgendwo«, setzte sie heftig hinzu.

»Welchen Weg willst du nun verfolgen, Kusine?« fragte der Abt besorgt.

Fidelma wollte sich schon vom Fenster abwenden, als ihr Blick auf eine barc fiel, die unter vollen Segeln in die Bucht einlief und um das schwerfallige Handelsschiff herumkurvte wie ein Delphin. Ein Gedanke scho? ihr durch den Kopf, und sie fragte sich, warum sie nicht eher darauf gekommen war. Sofort fa?te sie einen Entschlu?.

»Ich werde die Abtei fur eine Weile verlassen, Brocc«, erklarte sie.

»Wohin willst du?« fragte Brocc verblufft.

»Ich brauche eine gute, schnelle barc«, erwiderte Fidelma, ohne seine Frage zu beantworten. »Wo kann ich eine mieten?«

»Die schnellste barc hier an der Kuste gehort einem Seemann namens Ross«, antwortete Brocc, ohne uberlegen zu mussen. »Aber er wei? das, und dementsprechend sind seine Preise. Sein Schiff ist dort unten. Jeder Fischer zeigt dir, wo es liegt.«

»Ausgezeichnet. Es gibt ein paar Gegenstande, die ich dir zur Aufbewahrung hierlassen mochte. Sie stellen Beweismittel dar, und ich kann es nicht riskieren, sie mit auf die Reise zu nehmen.«

Brocc wies auf eine gro?e Eichentruhe an der anderen Seite seines Zimmers.

»Sie hat zwei Schlosser«, versicherte er ihr, »und ist ganz sicher. Ich hebe immer die Wertsachen der Abtei darin auf.«

Fidelma nahm ihr marsupium, das sie in letzter Zeit immer bei sich trug, von der Schulter und legte es auf den Tisch. Wortlos langte der Abt unter den Tisch, holte ein Bund Schlussel hervor, das dort wohl an einem geheimen Haken hing, ging zur Truhe und offnete sie. Er winkte Fidelma, sie solle ihr marsupium bringen, und verstaute es darin. Sie sah ihm zu, wie er die Truhe wieder schlo? und die Schlussel anhing.

»Sollte Schwester Grella auftauchen, dann mochte ich, da? sie unter Bewachung gestellt wird, bis ich zuruckkomme. Ist das klar?« fragte sie Brocc.

Der Abt nickte.

»Komm, wir suchen uns diesen Ross und handeln mit ihm einen Preis fur unsere Fahrt aus«, wandte sich Fidelma an Cass.

»Aber wo fahrt ihr hin? Wie lange bleibt ihr fort? Wenn ich Schwester Grella verhaften soll, mu? ich doch wenigstens eine Vorstellung davon haben.« Brocc wirkte total verunsichert.

Fidelma blieb an der Tur stehen, und wieder tat ihr ihr Vetter leid, so zerknirscht, wie er war.

»Es ist besser, niemand wei?, wohin wir reisen, bis wir zuruck sind. Wenn du Schwester Grella inzwischen zu fassen bekommst, erklare ihr einfach, sie sei festgenommen als eine wesentliche Zeugin im Mordfall ihres fruheren Ehemanns, des Ehrwurdigen Da-can. Mit Gottes Hilfe werden wir zuruckkehren, ehe eine Woche vergangen ist.«

Brocc machte vor Schreck ein langes Gesicht.

»Eine ganze Woche wollt ihr wegbleiben?« fragte er. Doch Fidelma und Cass hatten das Zimmer bereits verlassen.

Kapitel 13

»Das ist Na Sceilig. Seht ihr? Dort vor uns am Horizont.«

Das sagte Ross, der auf dem Achterdeck seines Schiffes stand. Er wies uber die blaue Flache des Ozeans. Seine dunkelgrunen Augen, in denen sich die wechselnde Stimmung des Meeres spiegelte, hatte er zusammengekniffen. Er war ein kleiner stammiger Mann mit kurzgeschorenem ergrauendem Haar, ein erfahrener Seemann, der bereits vierzig Jahre zur See fuhr. Die Seewinde hatten seine Haut fast nu?braun gefarbt. Er besa? einen grimmigen Humor, und wenn er wutend wurde, machte er sich laut brullend Luft.

Seine schnellsegelnde barc war vor zwei Tagen aus Ros Ailithir ausgelaufen. Der Preis fur die Fahrt zum Kloster Finans auf Sceilig Mhichil und zuruck, den Fidelma mit ihm ausgehandelt hatte, erschien ihr ziemlich uberhoht. Das Schiff war zunachst den Kustenrouten gefolgt, bis ein schwacher Nordostwind es um die Sudspitze von Muman herumgebracht hatte, und dann hatte Ross es in die starke Stromung manovriert, die es rasch nach Norden trieb.

Fidelma beschattete die Augen mit der Hand, und ihr stockte fast der Atem, als ihr Blick die grandiosen Felsen erfa?te, die vor ihr aus dem Meer auftauchten. Es waren zwei Inseln, kahle, zerfurchte Pyramiden mit zinnenartigen Auswuchsen, die sich steil und drohend aus der dunklen See erhoben, etwa acht Meilen vom Festland entfernt. Ihre furchtgebietende Gro?artigkeit benahm Fidelma beinahe die Luft. Der Name Sceilig deutete auf Felsen hin, doch auf so etwas war sie nicht vorbereitet gewesen.

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