Als Abt Brocc begriff, was das bedeutete, stutzte er den Kopf in beide Hande und begann zu wimmern.
Fidelma betrachtete ihn mit verachtlichem Blick.
»Der Ruf der Abtei ist zuschanden«, jammerte er.
»Was soll ich nur tun? Du erklarst mir, da? Grella eine Morderin ist und das Motiv fur den Mord eine schmutzige Leidenschaft?«
»Die Schande fur die Abtei kannst du vorerst einmal vergessen, Vetter«, antwortete Fidelma trocken. »Zuerst wollen wir das Ratsel losen.«
»Aber solche Nachrichten treiben mir die Schamrote ins Gesicht«, stohnte Brocc.
»Dann denk daran, da? Diogenes einmal schrieb: >Das Erroten ist die Farbe der Tugend<«, konterte Fidelma sarkastisch. »Die einzige Schande besteht darin, keine Scham zu besitzen.«
Brocc ri? sich zusammen.
»Es geht mir nicht um mich selbst«, sagte er weinerlich. »Ich sorge mich um den Ruf der Abtei. Du glaubst also, da? Grella Dacan umgebracht hat?«
Fidelma schwieg sich daruber aus.
»Wu?test du, Brocc, da? Schwester Grella ungefahr vor einer Woche auf Salbachs Burg in Cuan Doir war? Wenn ja, hatte sie deine Erlaubnis, die Abtei zu verlassen und Salbach zu besuchen?«
Der Abt starrte sie verstandnislos an.
»Nein. Ich gab Schwester Grella vor einer Woche die Erlaubnis, nach Rae na Scrine zu reiten und Schwester Eisten zu besuchen, die dort arbeitete. Sie sollte ihr ein Buch zuruckbringen und ein paar Krauter und Medikamente von Bruder Martan gegen die Pest dorthin mitnehmen. Warum sollte sie in die entgegengesetzte Richtung reiten und Salbach aufsuchen?«
»Vielleicht war sie erst bei Schwester Eisten, und dann sind beide zu Salbachs Burg gegangen?«
»Aber warum?«
Plotzlich kam Fidelma ein Gedanke. Wenn Eisten eine Uberfahrt fur sich und Schwester Grella gesucht hatte, war Grella dann vielleicht auf das Handelsschiff geflohen? Fidelma stand auf, ging ans Fenster und blickte hinunter auf die Bucht.
Neben Mugrons Kriegsschiff lag noch immer das frankische Handelsschiff vor Anker. Der Abt war neben sie getreten und sah verblufft hinab.
»Was siehst du da, Kusine?«
»Ich hatte befurchtet, das frankische Handelsschiff hatte schon die Anker gelichtet.«
Brocc runzelte die Stirn.
»Ich glaube, es will morgen mit der Vormittagsflut auslaufen.«
»Dann bitte ich dich, Cass die Vollmacht zu erteilen, an Bord zu gehen und das Schiff zu durchsuchen, bevor es auslauft.«
»Zu durchsuchen?«
»Ja. Es grundlich zu durchsuchen, wahrend wir weiterreden«, beharrte Fidelma. »Ich ordne es hiermit an kraft meiner Machtbefugnis als
Brocc blickte vollig verdattert drein, entgegnete aber nichts. Statt dessen zog er die Glocke, die seinen Sekretar herbeirief. Er wies ihn an, Cass zu suchen und ihm Fidelmas Anordnungen zu ubermitteln.
»Wenn es Arger gibt, sag Cass, er soll dem frankischen Kapitan klarmachen, da? er, solange er in der Bucht ankert, den Gesetzen dieses Konigreichs zu gehorchen hat«, gab sie dem Sekretar noch mit auf den Weg, der davoneilte, um seinen Auftrag auszufuhren.
»Du mu?t mir das erlautern, Kusine«, meinte Brocc und setzte sich wieder. »Du meinst, Grella habe gemerkt, da? du ihre verborgene Schuld aufgedeckt hast, und deshalb versucht sie zu fliehen?«
»Ich wunschte, ich wu?te das so genau, Vetter«, antwortete Fidelma. »Kannst du mir etwas sagen uber Schwester Eisten und ihr Verhaltnis zu deiner Bibliothekarin?«
Brocc hob wie bittend die Hande.
»Die arme Eisten. Da gibt es wenig zu sagen. Sie wurde hier in der Abtei ausgebildet, und zwar ursprunglich als Arztgehilfin. Sie spezialisierte sich auf die Pflege von Kindern. Sie war bei uns, seit sie vierzehn war, ausgenommen die drei Jahre ihrer Pilgerfahrt ins Heilige Land.«
»Bruder Conghus berichtete mir, sie habe auch in der Bibliothek studiert«, unterbrach ihn Fidelma.
»Eisten war keine Gelehrte, aber zu Anfang des Jahres arbeitete sie eine Zeitlang in der Bibliothek.«
»Und wie kam es, da? Eisten nach Rae na Scrine geschickt wurde?«
»Soweit ich mich erinnere, meldete sie sich freiwillig dazu, dorthin zu ziehen und sich um die Herberge fur Reisende zu kummern, die wir dort unterhalten. Das war vor ungefahr sechs Monaten. In der Nahe gab es mehrere Waisen, und Eisten ubernahm es, auch sie zu versorgen. Sie tat viele gute Werke in Rae na Scrine.«
Er schwieg, ergriff einen Krug mit Wasser und sah Fidelma fragend an. Sie schuttelte den Kopf. Brocc go? sich Wasser in einen Becher und trank langsam.
»Sprich weiter«, ermunterte ihn Fidelma.
»Nun, wir wu?ten, da? die Gelbe Pest das Dorf in diesem Sommer erreicht hatte. Es ist keine Logik darin zu erkennen, wer ihr zum Opfer fallt und wer nicht. Ich und Bruder Midach zum Beispiel sind an ihr erkrankt, haben sie aber uberstanden. So erging es auch Schwester Grella. Eisten hatte sie vorher nicht, ist ihr aber auch dort nicht erlegen.«
»Die Krankheit ist unberechenbar«, stimmte ihm Fidelma zu. »Sprich weiter.«
»Eisten bestand darauf, im Dorf zu bleiben, doch wir horten, da? sich die Lage verschlimmerte. Midach hat sie dort in der vorigen Woche mehrmals besucht. Schlie?lich brachtest du uns die schreckliche Nachricht, da? Intat das Dorf zerstort und die Uberlebenden niedergemetzelt hat.«
»Du kennst Intat?«
»Nicht personlich. Aber ich wei?, da? Intat einer von Salbachs engsten Gefolgsleuten ist. Du hast ja erlebt, wie wutend Salbach war, als er in die Abtei kam, nachdem ich ihm gemeldet hatte, was du berichtet hattest. Anfangs wollte er die Geschichte gar nicht glauben. Er lenkte erst ein, als du ihm sagtest, wer du bist, und er deshalb dein Wort nicht mehr anzweifeln konnte.«
»Der ist ein schlechter Furst, der die Wahrheit nur anerkennt, wenn sie ihm von einer gro?eren Autoritat als seiner eigenen vorgelegt wird«, stellte Fidelma mit Entschiedenheit fest. »Ist dir schon der Gedanke gekommen, da? Intat aus irgendeinem Grunde mit Sal-bachs Zustimmung gehandelt haben konnte?«
Brocc war entsetzt.
»Naturlich nicht. Salbach entstammt dem alten Furstengeschlecht der Corco Loigde und fuhrt seine Abstammung zuruck bis auf ...«
Fidelma unterbrach ihn mit offenem Sarkasmus.
»Ich wei?, er fuhrt seine Abstammung auf Mil Easpain zuruck, den Urvater der Kinder Gaels. Trotzdem ware er nicht der erste beruhmte Furst, der gegen die Gesetze Gottes und der Menschen versto?t. Darf ich dich daran erinnern, da? wir uns vielleicht gerade deshalb in dieser Lage befinden, weil wir Gefangene der Geschichte sind? Es war ein Konig von Laigin, der auch von alten und beruhmten Konigen abstammte, der die Schuld der Ermordung des Gro?konigs Edirsceal auf sich lud. Damals nahm das Drama seinen Anfang.«
»Das ist eine uralte Geschichte, fast schon eine Legende.«
»So wie diese Geschichte es in tausend Jahren sein wird.«
Brocc lehnte sich in seinem Sessel zuruck und schuttelte langsam den Kopf.
»Ich kann das nicht von Salbach glauben. Au?erdem, was hatte er dabei zu gewinnen?«
Fidelma lachelte spottisch.
»Gewinnen? Ja, was gewinnen wir, wenn wir das eine oder andere tun? Wenn ich die Antwort darauf wu?te, dann hatte ich die Antwort auf so manche Frage. Ich nehme an, du kennst Salbach schon lange?«
»Seit achtzehn Jahren, seit ich in diese Abtei kam. In den letzten zehn Jahren, seit ich hier von den Brudern zum Abt gewahlt wurde, habe ich ihn naher kennengelernt.«
»Und was wei?t du von ihm?«
»Was ich wei?? Ich wei?, da? er als ein guter Furst gilt. Er ist stolz auf seine Ahnen und manchmal vielleicht etwas selbstherrlich. Alles in allem aber, glaube ich, herrscht er gut und gerecht.«
»Ich habe gehort, er sei ehrgeizig.«
»Ehrgeizig? Sind wir das nicht alle?«
