Leiche gefunden wurde. Falls du meinst, ich verdachtige Midach des Mordes, ich tue das nicht. Midach ist ein Mensch, der das Leben liebt und es genie?t. Er wurde ebensowenig daran denken, jemand anderem das Leben zu nehmen wie sich selbst.«
»Also hast du diesen Streit Rumann gegenuber nicht erwahnt«, stellte Fidelma fest. »Warum erzahlst du mir jetzt davon?«
Martan errotete.
»Ich wunschte, ich hatte es nicht getan. Ich hatte einzig die Absicht, euch beiden zu verdeutlichen, da? Dacan nicht so ein Heiliger war, wie die meisten Leute glaubten. Er konnte durchaus jemanden grundlos beschuldigen.«
»Und das alles geschah, nachdem Dacan Midach vorgeworfen hatte, er habe seine Notizen und Aufzeichnungen in der Bibliothek durchforscht?«
»Midach hat das bestritten«, erinnerte sie Martan.
»Nur noch eins. Du sagst, da? Midach an dem Abend, bevor Dacan getotet wurde, die Abtei verlie?. Wie ich horte, kehrte er erst sechs Tage spater zuruck. Wei?t du, warum er fort war und wohin er wollte?«
Martan schuttelte den Kopf.
»Ich wei? nur, da? die Reise nicht geplant war. Er fuhr mit dem Schiff. Wahrscheinlich gab es einen medizinischen Notfall in einem der Dorfer. So etwas passiert haufig.«
»Weshalb glaubst du, da? sie nicht geplant war?«
»Weil er niemandem etwas davon sagte au?er Schwester Necht, die Bruder Tola erst informierte, als er die Abtei bereits verlassen hatte.«
»Wann war das?«
»Kurz vor der Completa. Sein Schiff mu? mit der Nachmittagsflut ausgelaufen sein, sonst hatte er erst am spaten Vormittag des nachsten Tages abreisen konnen.«
Fidelma kniff die Augen zusammen.
»Bist du dir bei diesen Zeitangaben sicher?«
»Absolut.«
»Nun«, Fidelma lehnte sich zuruck, »ich glaube, du hast uns sehr geholfen, Martan. Du kannst jetzt gehen, aber ich ware dir dankbar, wenn du uber unser Gesprach mit niemandem reden wurdest - vor allem nicht mit Bruder Midach. Verstehst du mich?«
Martan stand unsicher auf.
»Ich glaube, ja, Schwester. Ich hoffe nur, ich habe nichts Falsches gesagt .«
»Wie konnte man mit der Wahrheit etwas Falsches sagen?« fragte Fidelma ernst.
Kapitel 12
Als Schwester Fidelma am nachsten Morgen zur Bibliothek unterwegs war, um festzustellen, ob Schwester Grella zuruckgekehrt war, wurde sie in Abt Broccs Zimmer gerufen.
»Kusine, ich schicke heute nachmittag einen Boten nach Cashel. Mochtest du eventuell die Gelegenheit nutzen, deinem Bruder eine Botschaft zu ubermitteln?«
Fidelma wollte schon verneinen, als ihr ein Gedanke kam.
»Ja. Ich mochte, da? mein Bruder mit dem Obersten Brehon in Verbindung tritt, damit dieser veranla?t, da? Assid von Ui Dego, der Kaufmann aus Laigin, zu der Ratsversammlung vorgeladen wird, wenn sie uber den Tod Dacans verhandelt. Es ist wesentlich, da? Assid einige Fragen gestellt werden.«
»Assid? Der Kaufmann, der sich in der Nacht, in der Dacan ermordet wurde, in der Abtei aufhielt?« Hoffnung trat in Broccs Blick. »Meinst du, da? Assid ... meinst du, da? er es gewesen sein konnte ...?«
Fidelma schuttelte den Kopf.
»Ich mochte nur, da? er bei der Verhandlung anwesend ist.«
Broccs Miene wurde wieder sorgenvoll.
»Ach, ich dachte, wenigstens ein Ratsel sei gelost.«
»Ein Ratsel?« Die Nuance war Fidelma nicht entgangen.
»Ich habe erfahren, da? du gestern abend nach Schwester Grella gesucht hast?«
»Das stimmt. Was ist mit Schwester Grella geschehen?« fragte sie voll truber Ahnungen.
»Ich wollte, ich wu?te es. Seit gestern kurz nach der Vesper ist Schwester Grella nicht mehr gesehen worden. Heute morgen wurde die Bibliothek nicht geoffnet, und Bruder Rumann berichtet mir, da? es kein Anzeichen dafur gibt, da? sie in ihrem Zimmer geschlafen hat. Er erkundigte sich bei Bruder Conghus, und der erklarte ihm, da? du gestern abend nach ihr gefragt hast.«
Fidelma lie? sich vor dem Tisch des Abts nieder, bevor sie fortfuhr. »Ist sie fruher schon einmal verschwunden?«
»Nicht, soweit ich wei?«, antwortete der Abt. »Das alles ist sehr belastend, Kusine. Erst wird Dacan tot aufgefunden, dann Schwester Eisten, und nun wird Schwester Grella vermi?t. Wie soll ich das alles verstehen?«
Einen Augenblick tat Fidelma ihr Vetter leid. Er wirkte wie ein verlorenes, hilfloses Kind, das jemanden braucht, der ihm sagt, was es tun soll.
»Ich wunschte nur, ich konnte dir helfen, Brocc. Im Moment bin ich ebenso ratlos wie du. Aber es gibt ein paar Dinge, die ich dich fragen mochte und die absolut vertraulich bleiben mussen.«
Der Abt schwieg erwartungsvoll.
»Wei?t du etwas uber Bruder Midachs Vorleben?«
»Bruder Midach?« fragte Brocc uberrascht. »Er ist ein guter Arzt. Er ist seit vier Jahren in Ros Ailithir. Warte mal ... er kam aus der Abtei Cealla zu uns.«
»Und Schwester Necht?«
»Sie ist seit ungefahr sechs Monaten in der Abtei.«
»Ist sie auch aus Cealla?«
»Nein. Wie kommst du darauf? Ich glaube, sie stammt aus einem Dorf nicht weit von hier. Warum fragst du sie nicht selbst?«
»Es kam mir nur so in den Sinn. Ich dachte, es bestunde irgendeine Verbindung zwischen Midach und Necht.«
»Nun, er hat sie in die Abtei eingefuhrt, das ist richtig. Er behandelte ihren kranken Vater, und als ihr Vater starb und sie als Waise zurucklie?, schlug Midach vor, sie hier als Novizin aufzunehmen. Ich glaube, er ist ihr Seelenfreund.«
Fidelma seufzte. Sie fragte sich, ob das alles auch irgendwie mit Osraige zu tun hatte. Was es genau sein konnte, dessen war sie sich nicht sicher, aber Osraige war bestimmt der Mittelpunkt all der Geheimnisse, davon war sie inzwischen uberzeugt.
Der Abt drang nicht weiter in sie. »Wie soll ich das alles verstehen?« wiederholte er beinahe klaglich.
Fidelma war nun klar, da? sie nicht ohne Schwester Grella weiterkam, wenn sie nicht einen ganz neuen Weg beschritt. Das bedeutete, einiges von dem, was sie in Erfahrung gebracht hatte, als Koder preiszugeben.
»Wu?test du, da? Schwester Grella fruher einmal die Frau des Ehrwurdigen Dacan war?« fragte sie unschuldig.
Abt Brocc klappte der Unterkiefer herunter.
»Was sagst du da? Hat sie dir das selbst anvertraut?«
»Ich habe es von jemand erfahren, der sie in Laigin kannte. Du wu?test es also nicht?«
»Ich wu?te nur, da? sie aus Cealla kommt und den Grad einer
»Ich habe einen Zeugen dafur. Gestern abend habe ich ihr Zimmer durchsucht. Das Recht dazu habe ich«, fugte sie eilig hinzu, als sie Broccs gekrankte Miene bemerkte. »Dacan wurde gefesselt, bevor er getotet wurde. Die Fesseln wurden zum Gluck von Bruder Martan, dem Apotheker, aufgehoben. Gestern abend fand ich den Rock, von dem die Stoffstreifen, die als Fesseln dienten, abgerissen wurden. Der Rock war in einer Tasche in Schwester Grellas Zimmer versteckt.«
