»Bruder Martan und ich sprachen daruber, welchen Grund jemand gehabt haben konnte, Dacan umzubringen. Martan bestatigte ebenfalls, da? Dacan kein liebenswerter Mensch war.«
»Das zumindest wissen wir nun mit Bestimmtheit«, stellte Fidelma gelangweilt fest.
»Er erzahlte mir, da? Midach einmal gesagt habe, es gebe mehrere Leute, die er lieber tot als lebendig sehen mochte, und Dacan sei einer davon.«
Fidelma hob den Kopf ein wenig.
»Das hat Midach gesagt? Warum denn?«
»Anscheinend ist Martan Zeuge eines heftigen Streits zwischen Midach und Dacan geworden.«
»Eines Streits wegen Laigin? Das habe ich alles schon gehort. Midach beleidigte Laigin, weiter nichts.«
»Laut Martan stritten sie sich wegen etwas anderem.« Cass sah verlegen aus. »Anscheinend gab es Krach wegen Schwester Necht.«
»Necht? Worum ging es denn da?« Fidelma war plotzlich interessiert.
»Anscheinend beschuldigte Dacan Midach, ein Verhaltnis zu haben . wei?t du .«
Cass zogerte, als ware es ihm peinlich.
»Ich verstehe«, sagte Fidelma knapp. »Dacan erhob gegen Midach den Vorwurf, er habe eine Liebschaft mit Schwester Necht? Bist du sicher? Nein«, fuhr sie rasch fort, »besser ist es, ich wei? es ganz genau. Ich glaube, ich mu? mit Bruder Martan sprechen.«
Cass lachelte selbstzufrieden.
»Deshalb habe ich ihn ja hierbehalten. Er sitzt oben im Zimmer und wartet auf dich.«
Bei dem jetzt besseren Licht betrachtet, sah Bruder Martan recht schwachlich aus. Er war mittleren Alters und hatte einen blassen Teint, schlechte Zahne und hustete schwindsuchtig, was ihm nur erlaubte, in kurzen, atemlosen Sto?en zu reden. Er stand auf, als Fidelma eintrat, doch sie winkte ihm, er solle sitzen bleiben.
»Vor allem mochte ich dir danken, Martan, da? du die Leinenstreifen aufgehoben hast. Sie haben uns gute Dienste geleistet.«
Seine trube Miene veranderte sich nicht.
»Du hast meinem Kollegen hier«, sie deutete auf Cass, »erzahlt, da? Midach mit Dacan Streit hatte.«
In Martans Gesicht zeichnete sich Beunruhigung ab.
»Ich will niemanden irgendwie in Mi?kredit bringen ...«, begann er. »Midach war immer freundlich zu mir, und ich mochte ihm auf keinen Fall schaden.«
Fidelma hob besanftigend die Hand.
»Soweit ich wei?, hast du Cass lediglich ein paar Tatsachen mitgeteilt. Gab es einen solchen Streit wirklich? Die Wahrheit zu sagen, Martan, ist immer der einfachste Weg.« Das fugte sie hinzu, weil sie merkte, da? ihm plotzlich klargeworden war, was seine Worte nach sich ziehen konnten.
»Ich mochte Bruder Midach keinen Arger machen«, beharrte er.
»Hat er sich mit Dacan gestritten oder nicht?« fragte Fidelma.
Martan nickte widerwillig.
»Erzahl mir davon«, forderte Fidelma ihn auf.
»Es war an dem Tag, bevor man Dacan fand. Ich lief zufallig den Gang zur Bibliothek entlang. Ich wollte ein Exemplar der >Aphorismen des Hippokra-tes< ausleihen, das die Abtei besitzt.« Er sagte es voller Stolz. »Ich horte Stimmen aus dem kleinen Nebenzimmer, in dem Schwester Grella ihr Buro hat. Es liegt neben der Haupthalle der Bibliothek und hat eine Tur zum Gang.«
Fidelma wartete geduldig, wahrend der Bruder seine Gedanken ordnete.
»Ich horte Bruder Midachs zornig erhobene Stimme und blieb deshalb an der Tur stehen. Es uberraschte mich, ihn in der Bibliothek zu finden. Es war auch ungewohnlich, da? irgend etwas Bruder Midach zum Zorn reizte, denn sonst ist er ein ruhiger und ausgeglichener Mensch.«
Er hielt verlegen inne.
»Sprich weiter«, bat ihn Fidelma. »Du bliebst an der Tur stehen? Was geschah dann?«
»Ich tat das nur, weil es so ungewohnlich war, da? Midach in Zorn geriet«, wiederholte Martan, als wolle er sich vom Vorwurf des Lauschens befreien. »Ich erkannte, da? der, mit dem er sich stritt, kein anderer war als der Ehrwurdige Dacan.«
»Und der Grund fur den Streit?«
»Anscheinend hatte Dacan Midach beschuldigt, seine Aufzeichnungen durchsucht und Material gelesen zu haben, auf das er kein Recht besa?. Midach stritt das naturlich energisch ab. Dacan war so au?er sich vor Wut, da? er drohte, er werde sich uber Mi-dach beim Abt beschweren.
Midach antwortete, dann werde er sich daruber beschweren, da? Dacan das Personal des Gastehauses wie Sklaven behandelte, insbesondere Schwester Necht. Daruber geriet Dacan in solche Rage, da? er Midach vorwarf, er habe ein Verhaltnis mit Schwester Necht. Midach schien das ernst zu nehmen und antwortete, er handele lediglich als Pflegevater fur Necht und sein Verhaltnis zu ihr sei rein vaterlich. Au?erdem, fugte Midach hinzu, gehe das Dacan gar nichts an.«
Es uberraschte Fidelma nicht, da? Midach sich als Nechts Pflegevater bezeichnete. Es war ublich, da? Kinder im Alter von sieben Jahren zur Ausbildung aus dem Haus geschickt wurden. Das nannte man in Pflege geben, und die Pflegeeltern waren verpflichtet, ihre Pflegekinder entsprechend deren Rang zu unterhalten und fur ihre Ausbildung zu sorgen. Ein Madchen wurde seine Ausbildung meist mit vierzehn Jahren abschlie?en, obwohl einige Madchen sie, wie Fidelma, fortsetzten, bis sie siebzehn waren. Doch vierzehn Jahre war fur ein Madchen das Alter der Wahl und der Reife. Bei einem Jungen dauerte die Ausbildung bis zum siebzehnten Lebensjahr. Eine Pflegschaft war ein gesetzlicher Vertrag, der fur beide Haushalte von Nutzen sein sollte. Nach dem Gesetz gab es zwei Arten von Pflegschaft. Die eine basierte auf »Zuneigung« und sah kein Honorar vor. Bei der anderen bezahlten die naturlichen Eltern fur die Pflegschaft ihres Kindes. Eine Pflegschaft war die vorherrschende Methode, Kindern eine Ausbildung angedeihen zu lassen.
»Bist du sicher, da? er sagte, er sei ihr Pflegevater?«
»Er hat bestimmt den Ausdruck
Das war die juristische Bezeichnung fur Pflegevater.
»Wu?test du, da? Midach der Pflegevater von Schwester Necht ist?«
Martan schuttelte den Kopf.
»Und was fur ein Verhaltnis hat Bruder Midach deiner Meinung nach zu ihr?« forschte sie.
»Zu Necht?«
»Genau.«
»Midach ist Nechts
»Also fuhlt sich Midach offensichtlich verantwortlich fur Necht?«
»Das nehme ich an«, meinte Martan.
»Hat es dich uberrascht, da? Dacan Midach eine solche Affare vorwarf? Dacan stand im Ruf kuhler Gelassenheit. Was veranla?te ihn, Midach plotzlich so anzugreifen?«
»Er war kein Heiliger. Er war ein seltsamer, ubellauniger Mensch, der Midachs Geduld bis zum Au?ersten strapazierte«, antwortete Martan. »Ich wei? nur, da? ich gehort habe, wie bose Midach reagierte. Er sagte zu Dacan, er solle sich da nicht einmischen, und wenn er das weiter so treibe und Midach derart beleidige, dann werde Midach .«
Er verstummte, und seine Augen weiteten sich, als er merkte, was er gerade sagen wollte.
»Weiter«, drangte ihn Fidelma. »Offensichtlich hat er ihm mit korperlicher Gewalt gedroht.«
»Midach sagte, er wurde ihn umbringen«, gab er leise zu.
Es trat eine Pause ein.
»Glaubst du, da? er es ernst meinte?«
»Bestimmt nicht«, protestierte der Apotheker. »Ich mache mich nicht zum Richter uber andere Leute. Midach tut keinem etwas zuleide.«
»Das ist nicht das, womit Midach drohte«, bemerkte Fidelma trocken. »Als du erfuhrst, da? Dacan genau einen Tag nach diesem Streit den Tod fand, hast du dir da keine Gedanken gemacht? Ich nehme an, du hast Bruder Rumann, der die Untersuchung leitete, nichts davon gesagt?«
Martans Wangen farbten sich leicht rot.
»Ich habe es nicht gemeldet, weil ich es nicht fur wesentlich hielt. Midach war nicht in der Abtei, als Dacans
