hastete uber den gepflasterten Hof zum Glockenturm.

»Es mu? Zeit fur die Completa sein«, murmelte Cass.

Wie zur Antwort begann wenige Augenblicke spater die Glocke die Bruder zum Gottesdienst zu rufen.

Zuletzt hatte Fidelma in Rom an einer so gro?artigen Messe teilgenommen, als die Leiche Wighards, des ermordeten Erzbischof-Anwarters von Canterbury, in der prunkvollen runden Basilika von St. Johannes im Lateran aufgebahrt lag. Ein Dutzend Bischofe und ihr Gefolge und der Heilige Vater selbst hatten den Gottesdienst gehalten.

Die dunkle, hohe Abteikirche war nicht mit dem Glanz der romischen Basilika zu vergleichen, doch eindrucksvoll war sie auch. Wandbehange bedeckten die hohen Granitmauern, und Kerzen verbreiteten Warme, Licht und verschiedenartige Dufte. Fidelma sa? in der Bank fur Ehrengaste und Cass neben ihr. Ringsum standen die Monche, Nonnen und Schuler der Abtei, um dem verschiedenen Konig Cathal von Cashel die Ehre zu erweisen. Fidelma musterte die Gesichter sorgfaltig, konnte aber Schwester Grella nicht entdecken.

Die Chorsanger erhoben ihre Stimmen zum Sanctus.

»Is Naofa, Naofa, Naofa Tu, a Thiarna. Dia na Slua...«

»Du bist heilig, heilig, heilig, o Herr der Heerscharen ...«

Etwas lie? Fidelma quer durch das Kirchenschiff schauen, etwas wie ein sechster Sinn trieb sie dazu.

Sie blickte in die Augen von Schwester Necht, die sie wie gebannt anstarrte. Die Novizin hatte sie beobachtet; nun senkte sie rasch den Kopf und schaute zu Boden. Fidelma wollte sich abwenden, als sie merkte, da? noch jemand starr in den Raum blickte, doch in diesem Fall war Schwester Necht selbst das Ziel und der rundgesichtige Bruder Rumann der Beobachter. Neben Rumann sa? Bruder Midach und schaute ebenfalls auf die junge Novizin. Fidelma sah zu ihrer Uberraschung, da? jede Spur von Frohlichkeit aus dem Gesicht des Arztes gewichen war. Wenn Blicke toten konnten, dachte sie, dann ware Midach bestimmt am Tod der jungen Frau schuldig. Plotzlich spurte Midach ihren Blick, zwang sich zu einem Lacheln und konzentrierte sich mit gesenkten Augen auf den Gottesdienst. Als sie Bruder Rumann noch einmal anschaute, lauschte auch der aufmerksam den Worten der Liturgie.

Fidelma fragte sich, was das alles zu bedeuten habe. Als sie wieder dem Gottesdienst zu folgen vermochte, waren die Chorsanger schon beim Agnus Dei angekommen.

In der Pause vor dem Einsatz zum A Ri an Domh-naigh - Gro?er Gott - war plotzlich ein seltsames Gerausch zu horen. Die Chorsanger verstummten. So wurde das Gerausch besser wahrnehmbar. Ein erschrockenes Murmeln lief durch die Menge, denn nun erkannte man deutlich das herzzerrei?ende Schluchzen eines Kindes.

Jeder schaute sich suchend nach dem Kind um, doch niemand fand heraus, woher das Schluchzen kam. Es schien die gro?e Abteikirche zu durchziehen, sich an ihren Granitmauern zu brechen und widerzuhallen.

Mehrere Bruder, bei denen der Aberglaube starker war als die Logik, sanken in die Knie.

Selbst Abt Brocc tauschte beunruhigte Blicke mit den alteren Priestern.

Fidelma spurte, wie Cass ihren Arm beruhrte. Der Krieger nickte zum Kirchenschiff hin, und als Fidelma seinem Blick folgte, sah sie, wie Bruder Midach rasch das Gebaude verlie?.

Kurz bevor er die Tur erreichte, horte das Weinen plotzlich auf. Alles war totenstill. Als die Tur hinter Midach zuschlug, fuhr die ganze Gemeinde zusammen.

Der Chordirigent klopfte auf sein holzernes Pult, und die Stimmen erhoben sich nun zum A Ri an Domhnaigh, zogernd zuerst, doch dann mit wachsender Zuversicht und Starke.

Der Gottesdienst verlief ohne weiteren Zwischenfall. Abt Brocc sprach beredt und voller Trauer uber den Tod des alten Konigs durch die Gelbe Pest, aber freudig uber die Einfuhrung des neuen Konigs und erflehte den Segen Christi, Seiner Apostel und aller Heiligen der funf Konigreiche fur die kunftige Wohlfahrt des Konigreichs und fur eine weise Regierung des neuen Herrschers Colgu.

Als sich die Gemeinde nach dem Schlu?segen langsam zerstreute, sagte Fidelma zu Cass, sie wurde spater mit ihm reden, und bahnte sich einen Weg durch die Menge auf die andere Seite des Kirchenschiffs, dorthin, wo sie Schwester Necht gesehen hatte. Doch als sie anlangte, war Necht bereits verschwunden.

Fidelma unterdruckte einen verargerten Seufzer und wandte sich zur nachsten Tur, die auf den Hof gegenuber den machtigen Speichern der Abtei hinausfuhrte. Die Nacht wurde vom unruhigen Licht vieler Laternen erhellt, die man wohl angezundet hatte, damit alle ihren Weg zu den verschiedenen Schlafsalen fanden.

Ihren Gedanken nachhangend, entschlo? sich Fidelma, nicht sofort zum Gastehaus zuruckzugehen, sondern dem Pfad zum Krautergarten zu folgen, den Bruder Segan ihr gezeigt hatte. Sie wollte allein sein und nachdenken, und dafur schien ihr der duftende kleine Garten der ideale Ort.

Ein leiser Schrei aus dem Strauchergarten vor ihr veranla?te sie stehenzubleiben.

An dem Brunnen im Arboretum waren zwei Schatten zu erkennen. Eine schlanke Gestalt wurde von einer kraftigeren, mehr mannlich aussehenden festgehalten. Die zierlichere Gestalt kam Fidelma irgendwie bekannt vor.

»Du freches junges ...«

Die Stimme erkannte sie als die Bruder Midachs. Sie klang jetzt scharf und zornig.

Fidelma sah, wie der Arzt die Hand hob und damit der anderen Gestalt auf den Hinterkopf schlug.

Sie gab einen Schmerzenslaut von sich.

»Wie kannst du es wagen, mich zu schlagen!« sagte eine heisere Stimme, von der Fidelma meinte, sie mu?te sie kennen.

Fidelma wollte schon vortreten und fragen, was es da gabe, als sie horte, wie Bruder Midachs Stimme der anderen Gestalt Vorwurfe machte.

»Du tust, was ich dir sage. Solch ein Ausbruch kann uns alle ins Verderben sturzen! Die Grabstatte hat ein Echo. Wenn wir entdeckt werden, ist das das Ende unserer Hoffnungen auf Osraige.«

Die Schatten bewegten sich in der Dunkelheit, und sie verlor sie aus den Augen. Im Arboretum ruhrte sich nichts mehr.

Fidelma lauschte, horte aber nichts.

Sie schritt vorsichtig vorwarts. Es war, als habe der Erdboden sich plotzlich geoffnet und die Gestalten verschluckt, denn der ummauerte Garten besa? keine andere Tur als die, durch die sie gekommen war.

Sie untersuchte das Gelande so sorgfaltig wie moglich, fand aber keine Spur von Midach und der anderen Gestalt, keinen Durchgang und keine Pforte, durch die sie hatten verschwinden konnen. Sie spahte sogar in die Schwarze des Brunnens hinunter, des Brunnens des heiligen Fachtna, doch sie hatte ihn bei Tageslicht gesehen und wu?te, da? er in eine fast bodenlose Tiefe fuhrte.

Erst nach einer halben Stunde gab sie es auf, das Ratsel zu losen, und ging widerwillig zum Gastehaus zuruck. Cass wartete mit schlecht verhohlener Ungeduld auf sie.

»Ich wollte dich schon als vermi?t melden, Schwester«, beklagte er sich. »Wo doch so viele Leute verschwinden, dachte ich, du warst denselben Weg gegangen.« »Was gibt es denn so Dringendes?« erkundigte sie sich und uberlegte, ob sie ihm verraten sollte, da? sie gerade wieder beobachtet hatte, wie zwei Personen auf erstaunliche Weise verschwanden. »Sind die Bruder beunruhigt wegen der Kinderstimme wahrend des Gottesdienstes?«

»Weniger beunruhigt als in Angst«, antwortete Cass. »Selbst dein Vetter glaubt anscheinend, das Schreien sei das geisterhafte Echo einer verlorenen Seele gewesen.«

Fidelma lachelte spottisch.

»Sicher gibt es auch noch intelligentere Meinungen dazu?«

»Na, die einzige, die ich gehort habe, kam von Bruder Rumann, der meinte, es sei eine Verzerrung des Gerauschs des Wassers in dem Brunnen unter der Abtei.«

»Ach«, seufzte Fidelma. »Ich glaube, ich lasse sie noch eine Weile in ihrer Unwissenheit. Aber das war doch wohl alles nicht so vordringlich, da? es dich in Unruhe versetzte?«

Cass schuttelte den Kopf.

»Nach dem Gottesdienst kam ich mit Bruder Mar-tan ins Gesprach. Er ist .«

»Ein Mann mit einer Leidenschaft fur Reliquien, der Gott sei Dank die Leinenstreifen aufbewahrt hat, mit denen Dacan gefesselt wurde. Wir haben ihn vorhin am Strand neben Midach gesehen, als der Schwester Eistens Leiche untersuchte.«

»Genau.«

»Und?« drangte Fidelma.

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