»Ich komme mit«, sagte er. »Nach dem, was du mir berichtet hast, ist es gut moglich, da? sie eine Morderin ist. Wir sollten kein Risiko eingehen.«

Diesmal machte Fidelma keine Einwande.

Sie suchten sich ihren Weg durch die dusteren Abteigebaude zu der dunklen, verlassenen Bibliothek. Anscheinend arbeitete niemand mehr in der kalten, lichtlosen Halle. Die Platze waren leer, die Bucher ordentlich in ihren Taschen verstaut, und es brannten keine Kerzen.

Fidelma ging voran in das kleine Zimmer, in das Schwester Grella sie zu ihrem Gesprach gefuhrt und in dem Dacan gearbeitet hatte. Sie stellte uberrascht fest, da? ein Feuer im Kamin in der Ecke glimmte. Wahrend Cass sich niederbeugte, um eine Kerze anzuzunden, trat Fidelma rasch zum Kamin. Sie buckte sich plotzlich und hob etwas auf.

»Was haltst du davon?« fragte sie.

Cass zuckte die Achseln, als er das kurze Stuck eines angekohlten Zweiges sah, das sie ihm hinhielt.

»Ein Stock. Womit sonst macht man ein Feuer an?«

Verargert schuttelte Fidelma den Kopf.

»Gewohnlich macht man nicht mit solchen Stocken Feuer. Sieh ihn dir genauer an.«

Cass tat es und erkannte, da? es ein Stuck von einem Espenstab war, in den Ogham-Zeichen eingeritzt waren.

»Was bedeutet das?« fragte er.

»Es ergibt nicht viel Sinn. Dort steht: >Die Entscheidung des Ehrenwerten bestimmt die Pflegschaft meiner Kinder.< Das ist alles.«

Fidelma tat das gerettete Stuck Ogham-Stab in ihr marsupium, ihren Tragebeutel, und betrachtete interessiert die Reste des Feuers.

»Jemand hat offenbar beschlossen, ein ganzes Buch zu verbrennen.« Sie sah in den Behaltnissen nach, die Grella am Vormittag gepruft hatte. Ihr Verdacht erwies sich als richtig. »Dies waren die Ogham-Stabe, die Dacan studierte. Einen Stab davon habe ich in seinem Zimmer gefunden. Ich habe ihn Schwester Grella gezeigt, und sie sagte, es handele sich um ein Gedicht.«

»Meinst du nicht, da? es ein Teil eines Testaments sein konnte?«

»Warum sollte es jemand fur so wichtig halten, da? er es vernichten wollte?« fragte sie, erwartete aber keine Antwort von Cass.

Sie gingen zuruck durch den leeren Saal der Bibliothek. Ein vorbeikommender Monch sah sie neugierig an.

»Suchst du Schwester Grella?« fragte er hoflich.

Fidelma bejahte es.

»Wenn sie nicht in der Tech Screptra ist, dann sicher in ihrem Zimmer.«

»Wo finden wir das?« fragte Cass.

Der Monch beschrieb es ihnen.

Das Zimmer der Bibliothekarin von Ros Ailithir war jedoch verlassen. Fidelma klopfte vorsichtig zweimal an. Sie versicherte sich, da? der Gang leer war, bevor sie die Klinke hinunterdruckte. Wie erwartet, war die Tur nicht verschlossen.

»Rasch hinein, Cass«, befahl sie ihm.

Er folgte ihr etwas widerwillig, und als er eingetreten war, schlo? Fidelma die Tur und suchte tastend nach einer Kerze.

»Das ist sicher nicht recht, Schwester«, murmelte Cass. »Wir sollten dieses Zimmer nicht ohne Erlaubnis betreten.«

Fidelma entzundete die Kerze, trat einen Schritt zuruck und sah Cass spottisch an.

»Als dalaigh am Gericht kann ich das Recht in Anspruch nehmen, eine Person oder einen Raum zu durchsuchen, wenn ein begrundeter Verdacht auf ein Vergehen vorliegt.«

»Dann glaubst du also, da? Schwester Grella ihren fruheren Ehemann und Schwester Eisten umgebracht hat?«

Fidelma winkte ihm zu schweigen und begann das Zimmer zu durchsuchen. Fur jemanden, der acht Jahre in der Abtei verbracht hatte, wies Schwester Grellas Zimmer au?erst wenige personliche Gegenstande auf. Ein Gebetbuch lag neben dem Bett und dazu ein paar Toilettenartikel, Kamme und dergleichen. Fidelma fand einen gro?en Krug mit einer Flussigkeit, roch mi?trauisch daran und verzog die Lippen zu einem Lacheln. Es war cuirm, ein starker Met, der durch Garung gemalzter Gerste gewonnen wurde. Anscheinend trank Schwester Grella gern in der Einsamkeit ihres Zimmers.

Sie wandte sich den wenigen Kleidern zu, die an Haken an der Wand hingen, doch ohne rechtes Interesse. Sie gaben nichts her. Halbherzig durchwuhlte sie einen Beutel, der zwischen den Kleidern hing, nur um nichts zu ubersehen. Zuerst glaubte sie, er enthielte nur ein paar Stucke Unterzeug. Sie holte sie hervor und besah sie sich beim Schein der Kerze. Dann fiel ihr plotzlich ein Leinenrock auf.

»Cass, schau dir das mal an«, flusterte sie.

Der Krieger beugte sich vor.

»Ein gestreifter Leinenrock, na und ... Was ...?«

Er hielt inne und begriff plotzlich, was er vor sich hatte.

»Blau und rot. Wie die Streifen, mit denen Dacan gefesselt wurde.«

Fidelma prufte den Saum des Rocks. Hier war tatsachlich ein langer Streifen abgerissen worden. Sie stie? einen leisen Pfiff aus.

»Dann ist Grella die Morderin!« verkundete Cass aufgeregt. »Hier ist der Beweis.«

Fidelma war ebenso aufgeregt, aber ihr juristischer Verstand mahnte sie zur Vorsicht.

»Es ist nur der Beweis, woher der Stoff stammte, mit dem Dacan gefesselt wurde. Doch diese Kleider sehen nicht so aus, als wurden sie von der Bibliothekarin einer Abtei getragen. Allerdings scheint Schwester Grella auch keine typische Bibliothekarin zu sein. Fur alle Falle kannst du bezeugen, Cass, wo ich den Rock gefunden habe.«

»Gern«, stimmte der Krieger zu. »Ich sehe keinen Grund zum Zweifeln. Grella hat dich uber ihr Verhaltnis zu Dacan belogen, und jetzt finden wir das hier! Ist da noch ein weiterer Beweis notig?«

Fidelma antwortete nicht, sie steckte die anderen Stucke wieder in den Beutel, verstaute den Rock aber in ihrem marsupium. Dann ging sie zum Bett, um auch noch einen Blick darauf zu werfen. Ihr Fu? stie? gegen eine Erhebung im Boden, die nicht nachgab, und ein heftiger Schmerz zuckte durch ihren Fu?.

Sie beugte sich sofort nieder und untersuchte die Stelle. Es war ein loser Ziegelstein im Boden, an dem sie sich gesto?en hatte. Er ragte etwas uber die anderen Steine hinaus und bewegte sich leicht, als sie ihn beruhrte.

»Hilf mir mal, Cass«, wies sie ihn an.

Der Krieger nahm sein langes Messer, schob es unter den Stein und hob ihn an. Darunter war ein Hohlraum. Fidelma leuchtete mit ihrer Kerze hinein und holte ein Bundel Pergamentblatter hervor. Sie rollte sie auf und studierte die sorgfaltige Schonschrift.

»Dacans Aufzeichnungen«, flusterte sie. »Grella hielt sie die ganze Zeit versteckt.«

»Dann brauchen wir weiter keinen Beweis. Sie mu? Dacan umgebracht haben!« stellte Cass befriedigt fest.

Fidelma war zu sehr mit der Prufung des Inhalts beschaftigt, um darauf zu antworten.

»Es ist ein Brief an seinen Bruder, Abt Noe.« Dann verbesserte sie sich. »Nein, nur der Entwurf dazu. Er redet davon, da? er nach den Erben der ursprunglichen Konige von Osraige sucht. Aber er hat Tinte daruber vergossen und deshalb das Blatt verworfen. Hor dir das an, Cass: >Der Sohn von Illan mu? nach den Aufzeichnungen gerade das Alter der Wahl erreicht haben. Er ist alt genug, um als Konig in Frage zu kommen. Ich habe festgestellt, da? sich der Gesuchte im Kloster von Finan in Sceilig Mhichil unter dem Schutz seines Vetters verbirgt. Morgen werde ich von hier aufbrechen und dorthin reisen.< Sieh mal das Datum!« Sie hielt Cass das Blatt hin und deutete darauf. »Dies mu? er wenige Stunden vor seinem Tode geschrieben haben.«

»Wen hat Dacan denn gesucht?« fragte Cass. »Das hort sich eigenartig an.«

»Kennst du das Kloster in Sceilig Mhichil?«

»Ich war noch nie dort, aber ich wei?, da? es sich auf einer Felseninsel im Meer weit im Westen befindet und

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