ziemlich klein ist.«
»Dacan ist nie nach Sceilig Mhichil aufgebrochen«, murmelte sie. »Ein paar Stunden spater, nachdem er dies geschrieben hatte, war er tot.«
Fidelma legte das Pergament nicht in das Versteck zuruck, sondern tat es zu dem Rock in ihr
»Schwester Grella wird uns allerhand erklaren mussen«, meinte sie.
Sie blickte sich noch einen Moment im Zimmer um, dann blies sie die Kerze aus und offnete vorsichtig die Tur. Drau?en war niemand, also trat sie rasch hinaus und winkte Cass, ihr zu folgen. Nachdem sie die Tur geschlossen hatte, eilte sie den Gang entlang.
»Wohin jetzt?« fragte Cass ein wenig gekrankt, weil er schon wieder danach fragen mu?te.
»Schwester Grella suchen«, antwortete sie kurz.
»Wo fangen wir an?«
Sie begannen damit, den Verwalter, Bruder Ru-mann, nach ihr zu fragen, doch als sie nach einer ganzen Stunde noch keine Spur von ihr entdeckt hatten, meinte Cass: »Vielleicht hat sie die Abtei verlassen?«
»Gibt es denn keinen
»Torhuter ist Bruder Conghus«, antwortete Cass automatisch, bevor er merkte, da? ihre Frage rein rhetorisch war.
»Das ist mir bekannt«, erwiderte sie knapp. »Anscheinend konnen aber Leute aus dieser Abtei hinaus gelangen und verschwinden, wie sie wollen. Erst ist Eisten verschwunden, dann die beiden Jungen aus Rae na Scrine, und jetzt ist auch die Bibliothekarin nirgends aufzufinden.«
Bruder Conghus wenigstens war nicht verschwunden. Er sa? in seinem kleinen Dienstzimmer neben dem Tor der Abtei und schrieb Notizen auf Wachstafelchen. Er blickte uberrascht auf, als Fidelma ohne jede Formlichkeit eintrat.
»Schwester? Womit kann ich dir dienen?« fragte er und stand langsam auf.
»Ich suche Schwester Grella«, antwortete Fidelma.
Der Torhuter zog eine Schulter hoch und lie? sie hilflos fallen.
»Also in der Bibliothek ...?« begann er, doch Fidelma schnitt ihm das Wort ab.
»Wenn sie dort ware, waren wir nicht hier. In ihrem Zimmer ist sie auch nicht. Hat sie die Abtei verlassen?«
Bruder Conghus schuttelte sofort den Kopf.
»Es ist meine Aufgabe, das Kommen und Gehen der Leute in die Abtei hinein und aus ihr heraus festzuhalten«, sagte er. »Nach meinen Aufzeichnungen hat Schwester Grella sie nicht verlassen.«
»Fuhrst du eine Liste fur jeden Tag?«
»Naturlich.«
»Aber dies ist nicht der einzige Eingang zur Abtei«, bemerkte Fidelma.
»Es ist der Haupteingang«, erwiderte Conghus. »Die Regel lautet, da? jeder, der die Abtei verla?t oder sie betritt, das melden mu?, damit wir wissen, wer sich innerhalb der Mauern der Abtei aufhalt.«
»Doch wenn sie durch einen Seiteneingang hinausgegangen ist ...?«
»Dann hatte sie es mir mitgeteilt. So lautet die Regel«, wiederholte Conghus.
»Heute abend habe ich die Abtei durch eine Hintertur verlassen, von der ein Weg zum Strand fuhrt. Dann kam ich zuruck und brachte den Kapitan des Kriegsschiffs von Laigin mit. Er blieb eine Weile in der Abtei, bevor er auf sein Schiff zuruckkehrte. Steht das auch in deinen Aufzeichnungen?«
Conghus lief rot an.
»Daruber wurde ich nicht informiert. Die Leute sind verpflichtet, sich an die Regel zu halten, und du hattest mir das mitteilen mussen.«
Fidelma seufzte tief.
»Das bedeutet, deine Aufzeichnungen sind unzuverlassig. Sie sind nur so weit vollstandig, wie die Leute sich an deine Regeln halten.«
»Schwester Grella wei?, was die Regel vorschreibt, falls sie die Abtei verlassen wollte«, erwiderte Cong-hus storrisch.
»Nur wenn sie wollte, da? ihre Abwesenheit bekannt wurde«, warf Cass ein, der endlich etwas zum Gesprach beizutragen fand.
Conghus schnaubte verargert.
»Was wei?t du von Schwester Grella?« fragte ihn Fidelma plotzlich.
Die Frage verwirrte Conghus.
»Was ich von ihr wei?? Sie ist die Bibliothekarin der Abtei, und zwar schon so lange, wie ich sie kenne.«
»Und weiter wei?t du nichts?«
»Ich wei?, da? sie aus der Abtei Cealla kam. Ich wei?, da? sie sehr gebildet und hervorragend fur ihre Aufgabe geeignet ist. Was sollte ich sonst wissen?«
»War sie jemals verheiratet?« fragte Fidelma.
»Sie hat niemals erwahnt, da? sie fruher einmal verheiratet war.«
»Wie gut kannte sie Schwester Eisten?«
Die Frage entsprang einer plotzlichen Eingebung, schien aber Bruder Conghus nicht zu beruhren.
»Sie kannte sie, mehr kann ich nicht sagen. Anfang des Jahres trieb Schwester Eisten irgendwelche Studien in der Bibliothek, da nehme ich an, da? die Bibliothekarin sie kannte.«
»Also bestand keine enge Verbindung zwischen ihnen? Sie waren nicht besonders befreundet?«
»Schwester Grella war mit ihr nicht enger befreundet als mit jedem anderen Mitglied der Abtei, das sie kannte.«
»Vor ungefahr einer Woche besuchte Schwester Grella Salbachs Burg in Cuan Doir. Wei?t du, warum?«
»Wirklich? Vor einer Woche?« Conghus sah verwirrt aus. »Dann mu?te ich es notiert haben.«
Er erhob sich, ging zu einem Regal mit Wachstafelchen und sah sie durch.
»Du wei?t nicht, was sie in Salbachs Burg wollte?« fragte Fidelma, wahrend der Torhuter eifrig nach dem richtigen Tafelchen suchte.
»Nein, es sei denn, Salbach stiftete etwas fur die Bibliothek. Manchmal stellen Fursten fest, da? sie noch alte Stabe der Dichter besitzen. Solche alten Ogham-Bucher sind jetzt selten, sogar hier in Mu-man. Die Abtei setzt Belohnungen dafur aus, denn sie sammelt sie. Es konnte sein, da? Salbach welche gefunden hat und sie unserer Bibliothek schenken will. Aber wenn Grella zu diesem Zweck oder auch zu einem anderen dorthin gehen wollte, hatte sie es mir mitteilen mussen. Es gibt keinen Beleg dafur.« Er wandte sich von den Tafelchen ab und Fidelma zu. »Ich finde keinen Hinweis darauf, da? Schwester Grella die Abtei verlassen hat, um nach Cuan Doir zu gehen. Sie ist allerdings vor einer Woche nach Rae na Scrine gegangen.«
»Nach Rae na Scrine?« wiederholte Fidelma.
»So steht es verzeichnet«, antwortete Bruder Conghus mit einem zufriedenen Lacheln. »Sie wollte ein Buch von Schwester Eisten abholen und ihr Medikamente bringen.«
»Sie konnte auch in die entgegengesetzte Richtung nach Cuan Doir gegangen sein«, vermutete sie. »Oder sie und Schwester Eisten konnten anschlie?end nach Cuan Doir gereist sein.«
»Sie hatte es uns gesagt, wenn sie nach Cuan Doir wollte«, antwortete Conghus unerschutterlich. »Es gibt keinen Hinweis darauf.«
»Wenn es verzeichnet worden ware.«
»Naturlich ware es verzeichnet worden. Salbach im Auftrag der Abtei zu besuchen hatte der Genehmigung und des Segens des Abts bedurft.«
»Wer sagt denn, da? sie im Auftrag der Abtei dort war?« fragte Fidelma.
»Warum denn sonst sollte die Bibliothekarin den Fursten dieser Gegend aufsuchen?«
»Ja, warum wohl?« Fidelma war mit ihrer Geduld am Ende. »Besten Dank fur deine Hilfe, Conghus.«
»Meinst du, da? er uns etwas verheimlicht?« fragte Cass Fidelma, als sie drau?en waren. »Er scheint nicht sonderlich hilfsbereit zu sein.«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich vermute, Bruder Conghus lebt einfach nach den Regeln und kann sich nicht vorstellen, da? es jemand nicht tut.«
Wahrend sie noch da standen und redeten, kam Bruder Conghus heraus geeilt, nickte ihnen kurz zu und
