einem kleinen Steinsockel die Statue eines Cherub. Am Fu?ende befand sich ein ahnlicher Sockel mit einem Seraph darauf.
»Ihr seht nur ein einfaches Kreuz«, erklarte ihnen Rumann, »und den Namen Fachtna in der alten Og-ham- Schrift.«
»Kannst du Ogham lesen?« fragte Fidelma harmlos.
»Meine Rolle als Verwalter der Abtei verlangt von mir die Kenntnis vieler Wissensgebiete.« Rumanns rundliches Gesicht druckte Selbstzufriedenheit aus.
Fidelma wandte sich wieder der Steinplatte zu.
»Was befindet sich unter dem Stein?« erkundigte sie sich.
Rumann sah sie fragend an.
»Nun, die Grabstatte Fachtnas naturlich. Es ist die einzige ihrer Art innerhalb der Klostermauern.«
»Ich meine, wie ist das Grab beschaffen? Ist es ein Loch im Boden, eine Hohle oder was?«
»Niemand hat es geoffnet, seit Fachtna vor mehr als einem Jahrhundert darin beigesetzt wurde.« »Wirklich?«
»Moglicherweise liegt der heilige Fachtna in einer Art Gruft oder Hohle begraben. Doch es ware ein Sakrileg, das Grab zu offnen, um das festzustellen.«
»Auch von dem ummauerten Garten hinter der Kirche gibt es keinen Zugang zur Grabstatte?« fragte Fidelma.
Rumann starrte sie verwundert an.
»Nein. Wie kommst du darauf?«
»Man kann also nur in die Grabstatte gelangen, indem man diese Sandsteinplatte anhebt. Dazu scheint sie zu schwer zu sein.«
»So ist es, Schwester. Seit mehr als hundert Jahren hat niemand sie bewegt.«
Cass stellte Rumann ein paar Fragen nach dem heiligen Fachtna und lenkte den Verwalter damit ab, denn er hatte gemerkt, da? Fidelma eine Weile ungestort sein wollte.
Fidelma lie? sich neben der machtigen Steinplatte auf ein Knie nieder und beruhrte mit der Hand das, was ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war schlupfrig und kalt. Kerzenwachs war in eine Spalte neben dem alten Stein getropft.
Jemand betrat gerauschvoll die Kirche. Fidelma stand rasch auf und sah, da? es Bruder Conghus war. Aufgeregt winkte er Bruder Rumann zu.
Der Verwalter entschuldigte sich und eilte durch das Kirchenschiff davon.
»Es gibt einen Weg in die Grabstatte, das schwore ich«, flusterte Fidelma Cass zu, als er fort war.
»Wie kommst du darauf? Und was hat das mit unserer Angelegenheit zu tun?«
»Sieh dir dieses Kerzenwachs an und sag mir, was du feststellst.«
Cass blickte nach unten.
»Es ist einfach Kerzenwachs. So etwas gibt es haufig in Kirchen. Man kann sich ein Bein brechen, wenn man darauf ausrutscht, deshalb mu? man immer aufpassen, wo man hintritt.«
»Ja. Aber gewohnlich ist das Kerzenwachs da, wo es hingehort, namlich unter den Leuchtern. Aber hier gibt es keine Kerzenleuchter. Und sieh mal, wie es gefallen ist.«
»Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.«
»Also wirklich, Cass. Schau hin. Zieh deine Schlusse. Siehst du, da? die Kante der Steinplatte eine gerade Linie bildet, wo sie auf dem Boden ruht? Ringsum sind Spritzer von Kerzenwachs. Guck dir das genauer an. Es sieht aus, als ware das Wachs dort hingetropft, bevor man die Platte hinlegte, als ware die Platte daruber geruckt worden.«
Cass rieb sich verwirrt den Nacken.
»Moglich, und was hei?t das?«
Sie stohnte und lie? sich auf beide Knie nieder. Sie packte die Platte und versuchte sie erst in die eine Richtung, dann in die andere zu schieben, doch ihre Anstrengungen blieben vergeblich.
Schlie?lich stand sie widerwillig auf.
»In dieser Grabstatte befindet sich ein wichtiger Schlussel zu unserem Geheimnis«, meinte sie nachdenklich. »Jemand hat sie geoffnet, und zwar erst kurzlich. Ich glaube, allmahlich sehe ich einen Weg durch das Dunkel ...«
Bruder Rumann kam wieder zu ihnen geeilt. Man sah ihm an, da? er etwas Wichtiges mitzuteilen hatte.
»Schwester Grella ist gesehen worden«, platzte er heraus.
»Ist sie in die Abtei zuruckgekehrt?« fragte Fidelma aufgeregt.
Rumann verneinte.
»Jemand sah sie mit Salbach im Wald von Dor reiten. Anscheinend hat der Furst der Corco Loigde sie gefunden. Entschuldigt, aber ich mu? die Nachricht sofort dem Abt uberbringen.«
Fidelma sah ihm nach, wie er davoneilte.
»Ich glaube, nun ist unser Ratsel bald gelost, was?« stellte Cass freudig fest.
»Wieso?« fragte Fidelma.
»Wenn Salbach Schwester Grella gefunden hat, dann haben wir die Schuldige. Du hast doch selbst die Anordnung gegeben, sie festzunehmen. Sie ist diejenige, die von den Indizien am schwersten belastet wird«, erklarte er. »Sicherlich hat sie die Beweisstucke aus dem Zimmer des Abts gestohlen.«
»Aber Schwester Grella ist seit ihrem Verschwinden nicht mehr in der Abtei gesehen worden.«
»Na, vielleicht ist sie unbemerkt zuruckgekommen. Ich meine, da hast du deinen Dieb, und wenn sie der Dieb ist, dann ist sie auch die Morderin Dacans. Sie wu?te sicher, da? die Beweisstucke in dem
Fidelma sah ihn nachdenklich an. Die noch vorhandenen Beweisstucke belasteten Grella eher starker, als da? sie sie entlasteten. Sie beschlo?, das vorerst fur sich zu behalten.
»Es ist eine mogliche Erklarung«, gab sie zu. »Wo befindet sich der Wald von Dor?«
»Salbachs Burg liegt zwischen diesem Wald und dem Meer, es ist kaum eine Viertelstunde zu reiten von hier«, antwortete Cass. »Vielleicht treffen wir unterwegs Salbach, der Grella in die Abtei zuruckbringt.«
»Vielleicht«, murmelte Fidelma. »Ich glaube eher, wir werden auf diesem Ritt einiges andere uber Grella und Salbach erfahren. Holen wir unsere Pferde aus dem Stall.«
Kapitel 15
Cuan Doir, der Hafen von Dor, lag kaum mehr als drei Meilen von der Abtei entfernt. Der Weg fuhrte quer uber die Landzunge durch eine wilde Landschaft von Granitfelsen, Stechginster und Heide. Baume gab es hier nicht. Immer sah man das Meer und kampfte mit standig auflandigen Winden. Auf der Halfte des Weges kamen Fidelma und Cass an den Uberresten eines alten Steinringes vorbei. Hohe graue Granitsteine standen wie Wachter da und zeugten stumm vom Glauben und von den Gebrauchen der Vorfahren. Sie bildeten einen Kreis von etwa zehn Meter im Durchmesser, und dicht dahinter stand eine kleine Steinhutte. Alles schien ganz naturlich zu dieser wilden, wind-durchtosten Landschaft zu passen und Bilder der Vorzeit heraufzubeschworen.
Ein Stuck weiter senkte sich der Weg zu einer Bucht hinab, die einen ahnlichen Naturhafen bildete wie Ros Ailithir. In dieser Gegend gab es viele mit Fuchsien durchsetzte Hecken, die einen atemberaubenden Blick einrahmten. Einige wenige Schiffe ankerten in dem kleinen Hafen. Die Siedlung umfa?te mehrere Gebaude, die aber alle uberragt wurden von Salbachs Burg, einer runden Steinfeste, so angelegt, da? sie sowohl die Ansteuerung von See wie die Stra?e zum Hafen beherrschte. Fidelma sah, da? die etwa sieben Meter hohen Mauern der Burg, wie die vieler Burgen, die sie kannte, Trockenmauern waren. Sie schatzte die runde Befestigungsanlage auf ungefahr drei?ig Meter im Durchmesser. Sie besa? nur einen Eingang, einen hohen Torweg mit schragen Pfosten, der nur fur einen Reiter breit genug war.
Zwei bewaffnete Krieger standen am Tor herum und beobachteten mit schlecht verhohlener Neugier, wie Fidelma und Cass sich ihnen naherten.
»Ist Schwester Grella aus Ros Ailithir in der Burg?« rief Fidelma und zugelte ihr Pferd. Sie machte sich nicht
