Bruder Conghus erwartete sie am Tor, und der Abt personlich kam ihnen entgegengeeilt.
»Schwester Grella!« keuchte er und blickte erstaunt von Grella zu Fidelma. »Du hast die Schuldige gefangengenommen, Kusine?«
Zu Cass’ Uberraschung machte Fidelma keine Miene abzusteigen. Sie beugte sich uber den Sattelknopf und sagte leise zu ihrem Vetter: »Grella ist auf meine Anweisung in sicheren Gewahrsam zu nehmen. Sie hat sich vor der Ratsversammlung des Gro?konigs, wenn sie hier zusammentritt, fur vieles zu verantworten. Ihr Verschwinden aus der Abtei wird sie dir selbst erklaren.«
»Bedeutet das, da? du zu einem Ergebnis gekommen bist?« fragte Brocc, und mit fast verschworerischer Miene blickte er uber die Schulter zur Abtei. »Der Gro?konig und sein Gefolge sind bereits eingetroffen. Barran, der Oberrichter, hat schon nach dir gefragt und .«
Mit erhobener Hand gebot Fidelma dem Abt zu schweigen.
»Im Augenblick kann ich nicht mehr sagen. Wir kommen sobald wie moglich zuruck.«
»Zuruck? Wo wollt ihr denn hin?« fragte Brocc klaglich, doch Fidelma lenkte ihr Pferd vom Tor der Abtei fort.
»La? Schwester Grella gut bewachen, auch zu ihrer eigenen Sicherheit«, rief Fidelma uber die Schulter zuruck.
Cass folgte ihr mit einer Miene, die deutlich verriet, da? er ebenso ratlos war wie der Abt.
»Wenn du es dem Abt nicht sagen kannst, Schwester«, beschwerte er sich, als er sie eingeholt hatte, »vielleicht kannst du es mir wenigstens verraten, wo wir hinreiten?«
»Ich mu? das Waisenhaus finden, in das die Kinder aus Rae na Scrine gebracht wurden«, antwortete sie. »Ich wei?, es liegt an der Kuste im Osten von hier.«
»Du meinst das Waisenhaus, das Bruder Molua betreibt?«
»Kennst du es?« Sie war uberrascht.
»Ich habe davon gehort«, erklarte Cass. »Ich habe mit Bruder Martan daruber gesprochen. Es sollte nicht schwer zu finden sein. Es liegt ungefahr zehn Meilen ostlich von hier nahe einer Gezeitenbucht. Aber warum willst du dorthin? Was hoffst du dort zu erfahren?«
»Ach, Cass!« murmelte Fidelma, »wenn ich das wu?te, brauchte ich nicht hinzureiten!«
Cass zuckte hilflos die Achseln, folgte Fidelma aber wie immer.
Wie Cass gesagt hatte, waren es nicht mehr als zehn Meilen quer uber eine breite Landzunge. Das Waisenhaus lag an den schlammigen Ufern einer weiten Gezeitenbucht, in die sich aus den nordlichen Bergen gemachlich ein Flu? ergo?. Sie durchquerten den Flu? an einer schmalen Furt und naherten sich einer Art Bauernhof, der von einem Holzzaun umgeben war. Ein breitschultriger Mann trat ihnen am Tor entgegen. Er trug die Kleidung eines Waldarbeiters, doch Fidelma bemerkte das Kruzifix, das an seinem muskulosen Hals hing.
»Und dir Gesundheit«, erwiderte Fidelma. »Bist du Bruder Molua?«
»Eigentlich hei?e ich Lugaid nach Lugaid Loigde, dem Ahnherrn der Corco Loigde. Aber das ist ein so beruhmter Name, Schwester, und deshalb ziehe ich seine bescheidenere Verkleinerungsform vor. Molua pa?t besser zu mir. Womit kann ich euch dienen?«
Fidelma glitt von ihrem Pferd und stellte sich und Cass vor.
»Solche hochstehenden Besucher haben wir nicht oft«, sagte der gro?e Mann. »Eine Anwaltin bei Gericht und ein Krieger aus der Elite des Konigs von Cashel. Kommt, ich bringe eure Pferde in den Stall, und dann gestattet ihr mir vielleicht, euch die Gastfreundschaft meines Hauses anzubieten?«
Fidelma hatte nichts dagegen. Sie betrachtete den Bauernhof mit Interesse. Mehrere Kinder spielten in der Nahe eines kleinen Bethauses. Eine altere Nonne sa? unter einem Baum mit einem halben Dutzend Kinder um sich herum. Sie spielte auf einer kleinen holzernen Rohrflote, einer
Bruder Molua kam zuruck.
»Dies ist ein friedlicher Ort, Bruder«, bemerkte Fidelma beifallig.
»Ich bin zufrieden hier, Schwester«, stimmte ihr Molua lachelnd zu. »Kommt mit. Aibnat!«
Eine schlichte Frau mit rundem Gesicht trat in die Tur eines der Hauser. Sie hatte ahnlich offene, gutmutige Zuge wie Molua.
»Aibnat, wir haben Gaste. Dies ist meine Frau, Aibnat.«
»Ich habe gehort, da? ihr beide aus Ros Ailithir kommt«, begru?te sie die Frau. »Untersucht ihr nicht den Tod von Dacan?«
Fidelma nickte bejahend.
»Zum Reden ist noch genug Zeit, wenn unsere Gaste gegessen haben, Aibnat«, tadelte sie Molua und geleitete sie alle ins Haus. Sie betraten einen Raum, in dem ein Herd mollige Warme verbreitete. Auf dem Herd standen Kessel, aus denen es herrlich duftete. Molua lud sie ein, am Tisch Platz zu nehmen, und holte einen Krug und mehrere Tonbecher.
»Darf ich euch etwas von meinem
Cass stimmte bereitwillig zu, wahrend sich Fidelma in der Kuche umsah.
»Fur wie viele Leute kocht ihr hier?« fragte sie beim Anblick der vielen Topfe.
Die Antwort kam von Aibnat.
»Im Augenblick haben wir hier zwanzig Kinder unter vierzehn Jahren, Schwester. Und wir sind vier Erwachsene, die fur sie sorgen. Mein Mann, ich selbst und zwei andere Glaubensschwestern.«
Molua schenkte ein, und sie tranken den scharfen, doch angenehm schmeckenden Schnaps mit Genu?.
»Wie lange gibt es dieses Waisenhaus schon?« fragte Cass.
»Seit vor zwei Jahren die Gelbe Pest zum erstenmal ihre Opfer forderte. In manchen Gemeinden wurden ganze Familien ausgeloscht, und niemand war mehr da, der sich um die ubriggebliebenen Kinder kummerte«, erklarte Aibnat. »Damals erbat mein Mann von Abt Brocc in Ros Ailithir die Erlaubnis, seinen kleinen Bauernhof in eine Zufluchtsstatte fur die Waisen umzuwandeln.«
»Ihr habt anscheinend gro?en Erfolg damit«, lobte Fidelma.
»Mochtet ihr nun essen nach der Reise?« lud sie Molua ein.
»Wir haben wirklich Hunger«, gab Cass zu, denn sie hatten seit dem Morgen nichts gegessen.
»Aber es sind noch mehrere Stunden bis zum Abendessen«, wandte Fidelma ein und warf Cass einen tadelnden Blick zu.
»Das macht doch nichts«, lachelte Aibnat. »Ein Teller mit kaltem Dachsfleisch oder ... Mir fallt ein, ich habe da noch einen Fleischpudding, Hammelfleisch mit Vogelbeeren und wildem Knoblauch gekocht, dazu Kohl und Zwiebeln und Gerstenbrot und danach einen Teller Schlehen mit Honig zum Abschlu?. Was meint ihr dazu?«
»Meine Frau genie?t den Ruf, die beste Kochin der Corco Loigde zu sein«, sagte Molua.
»Ein wohlverdienter Ruf, nach der Zusammenstellung des Essens zu urteilen«, bemerkte Cass.
Aibnat errotete vor Freude.
»Wir halten hier Bienen, gewinnen den Honig also selbst.«
»Ich habe schon gesehen, da? ihr hier reichlich mit Bienenwachskerzen versehen seid«, sagte Fidelma. In vielen armeren Haushalten wurden Kerzen gewohnlich aus Fleischfett oder geschmolzenem Talg hergestellt, mit einer entrindeten Binse als Docht.
»Wahrend Aibnat nun das Essen zubereitet«, meinte Molua, setzte sich und fullte ihre Becher aus dem Krug nach, »konnt ihr mir erzahlen, warum ihr mein bescheidenes Haus mit eurer Anwesenheit beehrt.«
»Vor einer Woche brachte Aibnat drei Kinder hierher.«
»Ja. Zwei kleine Madchen, nicht alter als neun Jahre, und einen Jungen von ungefahr acht Jahren«, bestatigte Molua.
»Es waren die Kinder, die aus Rae na Scrine gerettet wurden«, fugte Aibnat hinzu. »Hattet ihr nicht auch etwas damit zu tun?«
Cass lachelte grimmig.
»Allerdings. Wir waren es, die sie gerettet haben.«
»Wir haben von diesem schrecklichen Verbrechen gehort«, sagte Molua. »Es ist nicht zu verstehen, da? Menschen in Zeiten der Not so grausam zu ihren Nachbarn sein konnen. Eine solche Ungerechtigkeit verurteilt doch
