wenn wir nur wu?ten, wie wir hineingelangen.«

Sie verfielen in nachdenkliches Schweigen.

Sie waren noch keine zwei Meilen geritten und uberquerten gerade die Hugelkuppe, als Cass uber die Schulter zuruckblickte und einen Ruf der Uberraschung ausstie?.

»Was ist?« fragte Fidelma, drehte sich im Sattel um und folgte seinem Blick.

Cass brauchte nicht zu antworten.

Eine riesige schwarze Rauchsaule stieg in den bla?blauen kalten Herbsthimmel hinter ihnen auf.

»Das ist doch die Richtung von Moluas Hof, nicht wahr?« fragte Fidelma mit klopfendem Herzen.

Cass hob sich in den Steigbugeln, ergriff einen uberhangenden Ast und kletterte mit einer Geschicklichkeit in den Wipfel des Baumes, die Fidelma uberraschte.

»Was siehst du?« rief sie und spahte in das gefahrlich schwankende Astwerk.

»Es ist Moluas Hof. Er scheint in Flammen zu stehen.«

Rasch kletterte Cass den Baum hinunter.

»Das verstehe ich nicht. Es ist ein gro?er Brand.«

Fidelma kam ein schrecklicher Gedanke.

»Wir mussen zuruck!« rief sie und wendete ihr Pferd.

»Aber wir mussen vorsichtig sein«, entgegnete Cass. »Rae na Scrine sollte uns eine Warnung sein.«

»Genau so etwas befurchte ich!« rief Fidelma und jagte bereits auf die Rauchsaule zu. Cass mu?te sein Pferd zu vollem Galopp antreiben, um mit ihr mitzuhalten. Er wu?te zwar, da? Fidelma zu den Eoganacht gehorte und da? sein jetziger Konig Colgu ihr Bruder war, doch uberraschte es ihn immer wieder, da? eine Nonne so gut reiten konnte. Man hatte den Eindruck, sie ware im Sattel geboren; sie bildete mit ihrem Pferd eine Einheit. Geschickt lenkte sie es und preschte den Weg entlang, den sie gerade erst zuruckgelegt hatten.

Kurz darauf erreichten sie den Kamm des Hugels und sahen die weite Bucht ausgebreitet vor sich liegen.

»Halt!« schrie Cass. »Schnell hinter die Baume dort!«

Er war dankbar, da? Fidelma ausnahmsweise seinem Befehl sofort und ohne Widerrede gehorchte.

Sie hielten in der Deckung eines Espenwaldchens mit gelben Blattern und dichtem Unterholz.

»Was hast du gesehen?« fragte Fidelma.

Cass zeigte einfach ins Tal hinunter.

Sie erkannte einen Trupp bewaffneter Reiter, die den Holzzaun durchbrachen, der das kleine Anwesen von Molua und Aibnat umgab. Ein vierschrotiger Mann hielt auf seinem Pferd vor den brennenden Gebauden, als beaufsichtige er das Tun seiner Manner. Es waren etwa ein Dutzend. Sie fuhrten ihr schauriges Geschaft zu Ende und ritten dann durch die Baume am jenseitigen Ufer des Flusses davon. Der vierschrotige Reiter, offensichtlich ihr Anfuhrer, warf noch einen abschlie?enden Blick auf die Brandstelle und galoppierte ihnen nach.

Fidelma brach plotzlich in einen Schrei ohnmachtiger Wut aus. Sie hatte gehort, wie Salbach, als er von der Holzfallerhutte fortritt, sagte: »Ich glaube, ich wei?, wo sie sich verstecken . Ich gebe dir meine Anweisungen fur Intat.« Sie hatte es gehort und nicht verstanden. Sie hatte es begreifen mussen. Sie hatte verhindern konnen . Etwas in ihrem zornerfullten Gemut sagte ihr, da? dies der zweite schwere Fehler war, den sie begangen hatte.

»Wir mussen dort hinunter!« rief Fidelma wutend. »Sie konnten verletzt sein.«

»Warte noch«, fuhr Cass dazwischen. »Warte, bis die Morder fort sind.«

Sein Gesicht war grau geworden, sein Kinn schob sich vor, seine Muskeln spannten sich. Er wu?te schon, was sie vorfinden wurden in dem Inferno, das einst ein bluhender Bauernhof gewesen war.

Fidelma trieb jedoch bereits ihr Pferd aus der Dek-kung und preschte den Hugel hinunter.

Cass schrie ihr etwas nach, erkannte aber, da? sie nicht auf ihn horen wurde trotz der Gefahr, die von den Angreifern drohen konnte. Er zog sein Schwert und jagte ihr hinterher.

Fidelma galoppierte den Hugel hinab und durch die Furt, da? es nur so spritzte, und brachte ihr Pferd erst vor den Gebauden zum Stehen.

Sie sprang aus dem Sattel, hielt sich den Arm vors Gesicht zum Schutz gegen die Hitze und lief auf die brennenden Gebaude zu.

Die ersten Leichen, die sie sah, waren die von Aibnat und Molua. Ein Pfeil hatte Aibnat die Brust durchbohrt, und Moluas Kopf war von einem Schwerthieb fast vom Korper getrennt worden. Ihnen war nicht mehr zu helfen.

Dicht daneben erblickte sie die erste Kinderleiche. Cass war inzwischen ebenfalls herangeritten und vom Pferd gestiegen. Er hielt sein Schwert gezogen in der Hand und sah sich aufmerksam um, in seinen Augen spiegelte sich der Schrecken.

Eine der beiden Nonnen, die Schwester Aibnat bei der Betreuung der Kinder geholfen hatten, war gegen die Tur des Bethauses gesunken. Fidelma sah mit Entsetzen, da? sie von einer Lanze gehalten wurde, die man ihr durch den Leib gerannt hatte und die sie an der Holztur festnagelte. Ihr zu Fu?en lagen ein halbes Dutzend kleine Leichen, ein paar Kinderhande waren noch in ihren Rock gekrallt. Die Kinder waren entweder erstochen worden, oder man hatte ihnen die kleinen Kopfe eingeschlagen.

Fidelma kampfte gegen den uberwaltigenden Drang, sich zu ubergeben. Sie wandte sich ab, konnte aber die Galle nicht mehr zuruckhalten, die ihr in die Kehle stieg.

»Tut ... tut mir leid«, murmelte sie, als sie Cass’ trostenden Arm auf der Schulter spurte.

Er sagte nichts. Es gab nichts dazu zu sagen.

Fidelma hatte schon oft in ihrem Leben gewaltsam Getotete gesehen, aber noch nichts so Schreckliches, so Erschutterndes wie die Leichen dieser kleinen Kinder, die sie noch vor wenigen Augenblicken so frohlich und glucklich hatte zusammen singen und spielen sehen.

Sie bemuhte sich, ihren Ekel zu unterdrucken, sich zusammenzunehmen und weiter zu suchen.

Die Leiche der anderen Glaubensschwester, die Flote gespielt hatte, befand sich unter dem Baum, unter dem Fidelma sie sitzen gesehen hatte; die Flote war zerbrochen und lag nahe ihrer ausgestreckten leblosen Hand, anscheinend vom Fu? eines irrsinnigen Morders zertreten. Weitere Kinderleichen umgaben sie.

Die Gebaude brannten jetzt lichterloh.

»Cass.« Fidelma konnte nur mit Muhe reden. »Cass, wir mussen die Leichen zahlen. Ich mochte wissen, ob alle Kinder aus Rae na Scrine darunter sind ... ob jeder aufzufinden ist.«

Cass nickte.

»Der kleine Junge ist dabei«, sagte er leise. »Er liegt da druben. Ich schaue nach den Madchen.«

Fidelma ging zu der Stelle, auf die Cass gezeigt hatte, und fand die entstellte Leiche Tressachs. Sein Kopf war von einem Hieb gespalten. Doch er lag da wie schlafend, einen Arm locker ausgestreckt, die andere Hand umklammerte fest sein Holzschwert.

»Armer kleiner Krieger«, flusterte Fidelma, kniete nieder und streichelte das blonde Haar des Kindes.

Nach einer Weile kam Cass zuruck. Er blickte noch finsterer drein als zuvor. Das sagte genug.

»Wo sind sie?« fragte Fidelma.

Cass wies mit dem Daumen nach hinten.

Fidelma erhob sich und ging um das Bethaus herum. Die beiden Madchen mit dem kupferroten Haar, Cera und Ciar, hielten sich umschlungen, als wollten sie sich gegenseitig vor dem grausamen Schicksal schutzen, das mitleidslos ihre Schadel zertrummert hatte.

Mit bleichem Gesicht stand Fidelma da und starrte auf den einst so idyllischen Bauernhof, den Aibnat und Molua in ein Waisenhaus umgewandelt hatten.

Tranen fullten ihre Augen und liefen ihr uber die Wangen.

»Zwanzig Kinder, drei Nonnen, einschlie?lich Schwester Aibnat, und Bruder Molua«, berichtete Cass. »Alle tot. Das ist so sinnlos!«

»Es ist das Bose«, erklarte Fidelma. »Aber auch dahinter werden wir irgendeinen pervertierten Sinn entdecken.«

»Wir sollten nach Ros Ailithir zuruckkehren, Fidelma.« Cass machte sich sichtlich Sorgen. »Wir konnen hier nicht bleiben, moglicherweise taucht diese Barbarenhorde noch einmal auf.«

Fidelma wu?te, da? er recht hatte, doch sie konnte es sich nicht versagen, die Leiche des kleinen Tressach neben die Kapelle zu schaffen, so da? er mit den beiden kleinen Madchen aus Rae na Scrine zusammen lag. Dann sprach sie ein Gebet uber sie, und danach wandte sie sich um und sprach ein Gebet uber alle, die auf Moluas

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