Sie seufzte erleichtert.

»Kanntest du Cetach und Cosrach gut?«

Tressach schnitt ein Gesicht.

»Sie wollten mit keinem von uns spielen.«

»Mit keinem?« fragte Fidelma stirnrunzelnd.

»Mit keinem der Kinder aus dem Dorf«, erganzte Ciar. »Jungs!«

Tressach wollte zornig auf sie losgehen, doch Fidelma unterbrach ihn.

»Stammten sie denn nicht aus dem Dorf?«

Tressach schuttelte den Kopf.

»Sie kamen erst vor ein paar Wochen in unser Dorf und wohnten bei Schwester Eisten.«

»Waren sie Waisen?« fragte Fidelma weiter.

Der Junge sah sie verstandnislos an.

»Hatten sie eine Mutter oder einen Vater?« wandelte Fidelma die Frage ab.

»Ich glaube, sie hatten einen Vater«, warf das kleine Madchen namens Cera ein.

»Wieso, mein Schatz?« erkundigte sich Fidelma.

»Sie meint den ganz alten Mann, der ab und zu ins Dorf kam und sie besuchte«, erklarte der Junge.

»Ein alter Mann?«

»Ja. Der alte Mann, der die gemeinen Jungs uberhaupt erst in Schwester Eistens Haus brachte.«

Fidelma beugte sich vor.

»Wann war das?«

»Ach, vor Wochen.«

»Wie sah er aus?«

»Er hatte ein Kreuz am Hals, so wie du eins tragst.« Cera warf Tressach einen triumphierenden Blick zu.

Der Junge schnitt ihr eine argerliche Grimasse.

»Wer war es?« Fidelma erwartete eigentlich nicht, da? die Kinder das wu?ten.

»Er war ein gro?er Gelehrter aus Ros Ailithir«, verkundete Tressach mit selbstbewu?ter Miene.

Fidelma staunte.

»Woher wei?t du das?« fragte sie.

»Weil Cosrach mir das erzahlt hat, als ich ihn danach fragte. Dann kam sein Bruder dazu und sagte zu mir, ich sollte den Mund halten und verschwinden, und wenn ich jemand was von seinem aite erzahlte, dann wurde er mich verhauen.«

»Sein aite? Das Wort hat er gebraucht?«

»Ich hab’s mir nicht ausgedacht!« schniefte der Junge beleidigt.

Aite war eigentlich eine vertraute Anrede an einen Vater. Doch da schon seit Jahrhunderten Kinder in den funf Konigreichen von Eireann zur Erziehung zu Pflegeeltern gebracht wurden, hatte man die vertrauten Bezeichnungen fur Vater und Mutter oft auch auf die Pflegeeltern ubertragen, so da? die Pflegemutter mit muimme und der Pflegevater mit aite angeredet wurden.

»Nein, naturlich hast du dir das nicht ausgedacht«, versicherte ihm Fidelma. »Ich glaube es dir. Und wie wurdest du diesen Mann beschreiben?«

»Er sah nett aus«, schaltete sich Ciar ein. »Er hatte uns nicht gehauen. Er lachelte immer jeden an.«

»Er sah wie ein alter Zauberer aus!« verkundete Tressach, um nicht ubertroffen zu werden.

»Sah er nicht! Er war ein lustiger alter Mann«, fiel Cera ein, die offensichtlich nicht langer vom Gesprach ausgeschlossen bleiben wollte, als es sich gehorte. »Er erzahlte uns von Krautern und Blumen und wozu sie gut sind.«

»Und dieser lustige alte Mann besuchte Cetach und Cosrach oft?«

»Ein paarmal. Er besuchte Schwester Eisten«, verbesserte Ciar. »Und mir hat er was uber Krauter erzahlt«, fugte sie hinzu. »Er erzahlte mir von, von .«

»Er hat es uns allen erzahlt«, erwiderte Tressach verachtlich. »Und die Jungs wohnten in Schwester Ei-stens Haus, also besuchte er sie genauso wie Schwester Eisten! Bah!«

Er streckte dem Madchen die Zunge raus.

»Jungs!« hohnte Ciar. »Jedenfalls brachte er manchmal noch eine Schwester mit. Aber die war komisch. Sie war keine richtige Schwester!«

»Madels sind so dumm!« sagte der Junge verachtlich. »Sie war wie eine Schwester angezogen.«

Aibnat blickte Fidelma an. Sie war sichtlich der Meinung, da? es nun genug war.

Fidelma hob die Hand, um den Streit zu beenden.

»Nun ist es gut. Nur noch eine Frage ... Seid ihr sicher, da? der Mann aus Ros Ailithir kam?«

Tressach nickte heftig.

»Das hat mir Cosrach gesagt, als sein Bruder drohte, mich zu verhauen.«

»Und diese Schwester, die mit ihm kam? Konnt ihr sie beschreiben? Wie sah sie aus?«

Der Junge zuckte gleichgultig die Achseln.

»Eben wie eine Schwester.«

Die Kinder schienen nun das Interesse zu verlieren und huschten davon zu der Schwester, die auf der Rohrflote spielte.

Tief in Gedanken ging Fidelma mit Aibnat zuruck zum Haus, wo Molua inzwischen den Tisch gedeckt hatte. Aibnat schien vollig verwirrt von dem Gesprach, stellte Fidelma aber keine Fragen. Der war das Schweigen willkommen, denn sie wollte uber das Gehorte nachdenken. Als sie eintraten, blickte Cass auf und sah Fidelmas ratlose Miene.

»Hast du herausbekommen, was du wolltest?« fragte er heiter.

»Ich wei? nicht genau, was ich herausfinden wollte«, antwortete sie. »Aber ich habe wieder etwas dazugelernt. Im Augenblick ergibt es allerdings noch keinen Sinn. Uberhaupt keinen.«

Die Mahlzeit, die Aibnat und Molua fur sie bereitet hatten, war durchaus mit den Festessen zu vergleichen, an denen Fidelma in manchem Bankettsaal von Konigen teilgenommen hatte. Sie mu?te sich zwingen, nur ma?ig zuzugreifen, denn sie dachte an den zehn Meilen langen Ritt zuruck nach Ros Ailithir, der mit einem vollen Magen dem Korper nicht guttate. Cass hingegen geno? das Mahl in vollen Zugen und trank noch mehr von dem kraftigen cuirm.

Aibnat bediente sie schweigend, wahrend Molua sich entschuldigte, er habe noch etwas zu erledigen.

Als Molua ihre Pferde herausfuhrte, stellten sie fest, da? er sie getrankt, gefuttert und gestriegelt hatte.

Fidelma bedankte sich vielmals bei Aibnat und Mo-lua fur ihre Gastfreundschaft und schwang sich in den Sattel.

Sie segnete ihre Gastgeber, dann machten sie sich mit Cass auf den Ruckweg nach Ros Ailithir.

»Was hast du erfahren, Fidelma?« fragte Cass, als sie den Flu? an der Furt durchquert hatten und die bewaldeten Hugel hinaufritten, die die breite Landzunge kronten.

»Ich habe herausbekommen, Cass, da? Cetach und Cosrach erst vor ein paar Wochen nach Rae na Scrine gebracht wurden und bei Schwester Eisten wohnten. Sie sind die Sohne Illans.«

»Aber der Monch in Sceilig Mhichil sagte doch, da? Illans Sohne kupferrotes Haar hatten wie die beiden Madchen.«

»Haare kann man farben«, bemerkte Fidelma. »Au?erdem wurden sie mehrmals von jemandem aus Ros Ailithir besucht. Cosrach ruhmte sich Tressach gegenuber, da? der Mann ein Gelehrter sei. Cetach und Cosrach redeten ihn mit aite an!«

Cass sah sie verblufft an.

»Wenn dieser Mann ihr Vater war, dann konnen sie doch nicht die Sohne Illans sein. Illan kam vor einem Jahr ums Leben.«

»Aite kann auch Pflegevater bedeuten«, erklarte ihm Fidelma.

»Vielleicht«, gab Cass widerstrebend zu. »Aber was hei?t das und wie fugt es sich in das Ratsel der beiden Morde ein?«

»Wenn ich das wu?te«, seufzte Fidelma. »Der Mann wurde gelegentlich von einer Schwester begleitet. Es gibt hier einen Weg, der zu Intat fuhrt! Und wir wissen, da? Intat Salbachs Werkzeug ist. Alles bildet einen Kreis;

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