Salbach wollte.«

Fidelma erkannte die Logik ihrer Argumente. Trotzdem fuhr sie fort: »Du streitest ab, da? du in den letzten Tagen noch einmal in die Abtei zuruckgekehrt und in das Zimmer des Abts gegangen bist, um Beweismaterial aus seiner Truhe zu entwenden?«

Grella starrte sie verstandnislos an.

Fidelma hatte darauf vertraut, da? Grella vielleicht nicht die Schuldige sei, aber genug wissen mu?te, um erkennen zu lassen, wer es war, und da? sie auf die Beschuldigung, verstarkt durch das Beweismaterial, uber das Fidelma verfugte, mit einem Gestandnis reagieren wurde. Das schien jedoch nicht zum Ziel zu fuhren.

»Du hattest erfahren, da? ich einen Beutel mit Beweismaterial in der Truhe des Abts zuruckgelassen hatte?« setzte sie sie dennoch weiter unter Druck.

»Auf keinen Fall«, antwortete Grella. »Wie sollte ich denn, wenn ich nicht einmal wu?te, da? du etwas aus meinem Zimmer mitgenommen hattest? Ich habe dir doch schon gesagt, da? ich in der letzten Woche nicht mehr in der Abtei war.«

»Du hast einen merkwurdigen Zeitpunkt gewahlt, die Abtei zu verlassen. Das erweckt irgendwie Verdacht, meinst du nicht auch?«

»Es war Salbachs Vorschlag, da? ich an dem Abend mit ihm gehen sollte. Zu lange schon hatte ich meine Liebe zu ihm verheimlicht. Es wurde Zeit, da? wir uns offen dazu bekannten.«

»Entschuldige, wenn ich mich wiederhole, aber die Wahl des Zeitpunkts ist seltsam.«

»Ich habe Dacan nicht ermordet«, erwiderte Grella fest.

»Dann erklare mir, warum du Dacans Aufzeichnungen versteckt hast.«

»Das ist nicht so schwierig. Ich wollte nicht, da? jemand anders erfahrt, woran Dacan arbeitete. Es ware besser, wenn die Leute von Laigin den Sohn Illans nicht fanden. Dann konnen sie ihn nicht dazu benutzen, Salbachs Vetter zu sturzen.«

»Und Salbach war dir dankbar?«

»Ich liebe Salbach.«

»Also hast du das alles aus Liebe . aus Liebe zu Salbach . getan?«

Aus Schwester Grellas Augen schossen Blitze der Emporung.

»Nun gut«, sagte Fidelma und erhob sich. »Laigin tut genau das, es verlangt Osraige als Suhnepreis fur die Ermordung Dacans. Es scheint, da? der Krieg, den du verhindern wolltest, wie du behauptest, jetzt bevorsteht.«

Grella stand ebenfalls auf.

»Ich mochte an dich als Frau appellieren, Fidelma. Ich wurde mit Dacan verheiratet, als ich funfzehn war. Es war eine arrangierte Heirat nach dem neuen Brauch des Glaubens, ich hatte wenig dabei zu sagen. Ich blieb drei Jahre bei ihm. Dacan war alt und nicht in der Lage, Kinder zu zeugen, und mit dieser Begrundung lie? ich mich scheiden. Dacan wollte eine peinliche Verhandlung vor dem Brehon, bei der das zur Sprache gekommen ware, vermeiden und stimmte der Scheidung zu. Ich habe viel von ihm gelernt, und dafur bin ich ihm dankbar. Er hat mir so viel Bildung vermittelt, da? ich auf die kirchliche Schule in Cealla gehen konnte, wo ich meinen akademischen Grad erwarb. Es ist seltsam, aber auf eine Art liebte ich den alten Mann, so unfreundlich er war, wie einen Vater.

Ich habe ihn nicht getotet, Fidelma von Kildare. Ich habe mich in manchem schuldig gemacht, aber ich habe ihn nicht getotet.«

»Schwester Grella, eine innere Stimme sagt mir, da? ich dir glauben soll. Doch die Beweise sprechen gegen dich: Dacans versteckte Aufzeichnungen, die Fesseln, mit denen man ihn band, dein plotzliches Verschwinden aus der Abtei, nachdem du mir deine fruhere Ehe mit Dacan und andere Dinge verschwiegen hattest. Du wu?test, da? Dacan nach dem Erben Illans suchte. Am Abend, bevor er starb, schrieb er seinem Bruder, er habe entdeckt, wo Illans Erbe sich verberge. Daraus la?t sich schlie?en, da? du ihn getotet hast, um zu verhindern, da? er den Erben Illans findet, und um damit deinem Liebhaber Salbach einen Gefallen zu tun.«

»Nein! Das ist nicht wahr. Ich habe diese Tat nicht begangen!«

»Nein? Vielleicht nicht. Aber daruber wird die Ratsversammlung des Gro?konigs entscheiden.«

»In deinem Herzen, Fidelma, wei?t du, da? ich es nicht war«, sagte Grella zornig.

»Ich handle im Auftrag des Konigs von Cashel. Ich erfulle nur meine Pflicht. Ich mu? einen Krieg verhindern. Cass!«

Der junge Krieger trat in die Hutte. Er blickte in Grellas bleiches Gesicht und dann in Fidelmas strenge Miene.

»Cass, Schwester Grella kehrt als Gefangene mit uns nach Ros Ailithir zuruck.«

»Dann hat sie also gestanden?« fragte er erleichtert.

Grella zischte wutend.

»Etwas gestehen, was ich nicht getan habe? Schafft mich als Gefangene in die Abtei. Salbach wird mich befreien - auf die eine oder andere Weise!«

»Verla? dich nicht darauf«, riet ihr Cass.

Gemeinsam kehrten sie nach Ros Ailithir zuruck. Fidelma ritt voran, und Cass folgte ihr dicht neben Schwester Grella. Fidelma schwieg die ganze Zeit und hing ihren Gedanken nach. Etwas nagte an ihr. Wenn Schwester Grella die Wahrheit sagte, dann war sie der Entdeckung von Dacans Morder keinen Schritt naher gekommen. Sie hatte noch nicht einmal die Verbindung zwischen Salbach und Intat bewiesen. Und selbst wenn Grella Dacan getotet und ihre Seelenfreundin Eisten verraten hatte, konnte sie dann auch Eisten getotet haben? Und wo waren die Sohne Il-lans? Warum war sich Dacan so sicher gewesen, da? es einen Erben im Alter der Wahl gabe? Wo steckten die beiden Jungen, die Primus und Victor genannt wurden? Victor und Primus ... Primus ...

Kapitel 16

Victor!

Der Name beschaftigte Fidelma; seit Sceilig Mhichil spukte er ihr im Kopf herum. Das Bild der beiden schwarzhaarigen Jungen aus Rae na Scrine stand ihr ebenfalls immer wieder vor Augen. Doch die Sohne Illans sollten nach der Beschreibung des Monchs ja kupferrote Haare haben. Aber der Name, der Name Victor ... Hic est meum, Victor. Bedeutete der Name nicht »triumphierend« oder »siegreich«, und hie? das im Irischen nicht Cosrach?

Ihr stockte der Atem, als sie erkannte, wie leicht die Losung des Ratsels war. Die Sohne Illans wurden Primus und Victor genannt. Primus hie? »der Erste«, und war Cetach nicht die Koseform von cet, was ebenfalls »erster« bedeutete? Cetach trug den Namen des legendaren Herrschers, der einst das Konigreich Osraige grundete. Primus = Cetach. Victor = Cos-rach! Die beiden Jungen waren zwar verschwunden, doch sicherlich konnten die anderen Kinder aus Rae na Scrine den Monch beschreiben, der sie Schwester Eistens Obhut ubergeben hatte.

Abrupt parierte sie ihr Pferd; Cass konnte seines gerade noch zugeln, um nicht gegen sie zu prallen. Schwester Grellas Pferd scheute und ware beinahe gesturzt.

Fidelma schimpfte sich leise einen Trottel, weil sie auf etwas so Naheliegendes nicht eher gekommen war.

»Was ist?« fragte Cass, fuhr mit der Hand zum Schwertgriff und sah sich um, als erwarte er den Angriff eines unsichtbaren Feindes.

»Ich hatte gerade eine Idee!« antwortete sie glucklich. Sie wu?te jetzt, nach wem Dacan gesucht und warum sich Cetach so vor Salbach gefurchtet hatte. Es mu?ten Cetach und Cosrach sein, die Intat hatte umbringen sollen, als er nach Rae na Scrine geschickt wurde und es niederbrannte.

»Nur eine Idee? Ich dachte, es drohe eine Gefahr«, beklagte sich Cass.

»Es gibt nichts Gefahrlicheres als Ideen, Cass«, lachte Fidelma. »Eine einzige Idee, wenn sie richtig ist, erspart uns Jahre muhsamer Erfahrung und die harte Schule vieler vergeblicher Versuche.«

»Ideen bedrohen unser Leben aber nicht mit Schwertern und Pfeilen«, erwiderte Cass.

»Sie konnen uns sogar noch mehr antun, Cass. Los, weiter«, sagte Fidelma. Sie setzte ihr Pferd wieder in Trab und ritt den Weg entlang, der nach Ros Ailithir hinunterfuhrte.

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