»Ich habe gehort, du hast angeordnet, Schwester Grella festnehmen zu lassen.«

»Schwester Grella ist verschwunden.«

»Ja. Jeder wei? das und glaubt, da? sie geflohen ist. Hat schon mal jemand auf Salbachs Burg in Cuan Doir nach ihr gesucht?« sagte die Novizin.

»Weshalb?« fragte Fidelma uberrascht.

»Weshalb?« Schwester Necht rieb sich das Gesicht und uberlegte einen Moment. »Weil sie dort haufig zu Besuch war, ohne es jemandem zu sagen. Sie ist eng mit Salbach befreundet.« Necht hielt inne und lachelte. »Ich wei? das, weil Schwester Eisten es mir erzahlt hat.«

»Was hat Eisten dir erzahlt?«

»Ach, da? Grella sie einmal auf Salbachs Burg eingeladen hat, weil Salbach sich angeblich fur das Waisenhaus interessierte. Sie meinte, die beiden seien eng befreundet.«

Fidelma blickte eine Weile in die arglosen Augen der Novizin.

»Ich habe gehort, Midach sei dein anamchara, dein Seelenfreund?«

Fidelma wunderte sich, da? die Frage solche Panik im Gesicht der Novizin ausloste. Doch im nachsten Moment hatte sich Necht wieder unter Kontrolle.

»Das stimmt«, sagte sie lachelnd.

»Kennst du Midach schon lange?«

»Die meiste Zeit meines Lebens. Er war ein Freund meines Vaters und brachte mich hierher in die Abtei.«

Fidelma fragte sich, wie sie das Thema, das sie im Sinn hatte, am geschicktesten anschneiden sollte, und entschied sich fur den direkten Weg.

»Du brauchst dir Krankungen nicht gefallen zu lassen, wei?t du«, sagte sie. Sie dachte an Midachs rauhen Umgang mit ihr, an den Schlag auf den Hinterkopf.

Schwester Necht errotete.

»Ich wei? nicht, was du meinst«, erwiderte sie.

»Ich habe zufallig mitbekommen, wie Midach dich fur irgend etwas ausgeschimpft hat, und hatte den Eindruck, er hatte dich geschlagen. Es war im Krautergarten vor einer Woche, kurz bevor ich wegfuhr.«

Nechts Gesicht spiegelte nicht nur Beschamung, sondern auch Furcht wider.

»Es war ... es war nichts. Ich hatte einen Auftrag von Midach nicht erfullt. Er ist ein guter Mensch. Manchmal geht sein Temperament mit ihm durch. Du wirst das doch nicht dem Abt berichten? Bitte nicht.«

»Wenn du es nicht willst, Necht, tue ich es naturlich nicht«, beruhigte sie Fidelma. »Doch niemand, vor allem keine Frau, sollte sich von anderen beschimpfen lassen. Nach dem Bretha Nemed ist es ein Versto? gegen das Gesetz, eine Frau zu belastigen oder sie mit Worten zu beleidigen. Wei?t du das?«

Schwester Necht schuttelte den Kopf und senkte den Blick.

»Keine Frau mu? Beleidigungen einfach hinnehmen«, fuhr Fidelma fort. »Eine Beleidigung mu? kein tatlicher Angriff sein, auch wenn jemand eine Frau verhohnt, ihr Aussehen kritisiert, auf ihre korperlichen Fehler hinweist oder sie ungerecht und wahrheitswidrig beschuldigt, kann sie die Hilfe des Gesetzes in Anspruch nehmen.«

»So ernst war es nicht, Schwester«, sagte Necht leise. »Ich danke dir fur deine Anteilnahme, aber Midach hat es wirklich nicht bose gemeint.«

Die Glocke rief zum Mittagsgebet, Schwester Necht murmelte eine Entschuldigung und lief davon.

An dieser Sache ist offenbar doch mehr dran, dachte Fidelma bei sich. Ein unverkennbarer Schatten von Furcht hatte sich auf das Gesicht des jungen Madchens gelegt, als Fidelma die Szene im Krautergarten erwahnte. Nun, sie konnte nicht mehr tun, als Necht auf ihre Rechte hinweisen. Vielleicht sollte sie mit Mi-dach sprechen.

An der Tur des Gastehauses traf sie Cass.

»Wei?t du schon das Neueste?« rief er aufgeregt.

»Was denn?« fragte Fidelma.

»Der Gro?konig kommt hierher. Die ganze Abtei redet nur noch davon.«

»Ach das!« meinte Fidelma geringschatzig.

»Ich dachte, das ware wichtig fur dich. Dir bleibt nicht mehr viel Zeit, die Verteidigung Mumans gegen die Anspruche Laigins vorzubereiten.«

»Wirklich, Cass, ich brauche nicht an meine Verantwortung erinnert zu werden«, erwiderte Fidelma. »Es gibt eine schlimmere Neuigkeit als die von der bevorstehenden Ratsversammlung: jemand hat ein paar unserer Beweisstucke aus Broccs Zimmer gestohlen. Anscheinend hat der Trottel von Abt mehreren Leuten gegenuber erwahnt, da? ich sie bei ihm gelassen habe.«

»Wieso nur ein paar der Beweisstucke?« fragte Cass. »Warum hat man nicht den ganzen Beutel gestohlen?«

Fidelma begriff sofort die Bedeutung seiner Worte. Sie hatte das Nachstliegende ubersehen. Nur der Og- ham-Stab und das Pergament fehlten. Die Fesseln und Grellas Rock, von dem sie abgerissen wurden, waren jedoch noch da. Warum war der Dieb so wahlerisch vorgegangen?

Sie uberlegte einen Moment.

»Wo willst du jetzt schon wieder hin?« fragte Cass, als Fidelma plotzlich zur Abteikirche loslief.

»Es gibt etwas, das ich hatte tun sollen, bevor wir nach Sceilig Mhichil aufbrachen«, rief sie uber die Schulter zuruck. »Schwester Necht hat mich gerade daran erinnert.«

»Schwester Necht?«

Cass trottete hinter ihr her. Fidelmas plotzliche Einfalle machten ihm zu schaffen. Er wunschte, sie ware mitteilsamer und weniger spontan.

»Mir scheint, wir rennen hierhin und dorthin, aber je mehr wir hin- und herrennen, desto weniger nahern wir uns unserem Ziel«, beklagte er sich. »Ich dachte, unsere Vorfahren hatten uns gelehrt, da? Geschaftigkeit nicht unbedingt Fortschritt bedeutet.«

Fidelma hatte im Moment wirklich andere Sorgen und argerte sich uber die Bemerkung des Kriegers.

»Wenn du die Morde aufklaren kannst, indem du im Zimmer sitzt und die Wand anstarrst, dann tu es bitte.«

Ihr Ton lie? Cass zusammenzucken.

»Ich sag ja gar nichts dagegen, aber was soll uns ein Besuch der Abteikirche bringen?«

»Wart’s ab«, erwiderte Fidelma kurz.

Als sie die Stufen hinaufstiegen, kam ihnen Bruder Rumann entgegen.

»Ich habe gehort, ihr seid aus Sceilig Mhichil zuruck«, begru?te er sie. »Wie war die Reise? Habt ihr etwas erfahren?«

»Die Reise war schon«, antwortete Fidelma ruhig, »aber woher wei?t du, da? wir nach Sceilig Mhichil gefahren sind?«

Sie hatte sorgfaltig darauf geachtet, nicht einmal ihrem Vetter Brocc zu verraten, wohin sie wollten. Niemand in der Abtei konnte es also wissen. Sie war sofort auf der Hut.

Rumann blickte verlegen drein.

»Ich wei? nicht. Irgend jemand hat es erwahnt. Es konnte Bruder Midach gewesen sein. War das Ziel deiner Reise etwa geheim?«

Fidelma gab darauf keine Antwort, sondern wechselte das Thema.

»Ich habe gehort, das Grab des heiligen Fachtna befindet sich in der Abteikirche. Kannst du mir sagen, wo es ist?«

»Naturlich.« Rumann wuchs formlich vor Stolz. »Es ist das Ziel von Pilgerfahrten am vierzehnten Tag des Lunasa-Festes, seinem Feiertag. Ich zeige es dir, Schwester.«

Keuchend eilte er das lange Hauptschiff entlang und durch das Querschiff zum Hochaltar.

»Wi?t ihr, da? Fachtna blind war, als er an diesen Ort kam, und mit Hilfe eines gro?en Wunders hier in Ros Ailithir wieder sehend wurde? Zum Dank erbaute er diese Abtei.« erzahlte Rumann.

»Ich wei?«, antwortete Fidelma, lie? sich aber von der Begeisterung des Verwalters fur dieses Thema nicht anstecken.

Rumann fuhrte Fidelma und Cass die Stufen zum Hochaltar hinauf und dann um ihn herum in die Apsis, den gewolbten halbrunden Raum hinter dem Altar, wo ein Priester oder der Abt selbst die Zeremonie der »Entlassung« nach den Riten der Kirche vorzunehmen pflegte. In den Boden der Apsis war eine gro?e Sandsteinplatte eingelassen, die etwa eine Handbreit uber ihn hinausragte. Merkwurdigerweise stand am Kopfende der Platte auf

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