jeder.«

Fidelma konnte es sich nicht verkneifen, ihren Spott anzubringen.

»Es war Plato, der schrieb, da? die Menschheit stets die Ungerechtigkeit tadelt, doch nur aus Furcht, selbst ihr Opfer zu werden, und nicht, weil sie sich scheut, sie zu begehen.«

Moluas Gesicht wurde traurig.

»Das kann ich nicht glauben, Schwester. Ich glaube nicht, da? der Mensch absichtlich darauf aus ist, eine Ungerechtigkeit zu begehen. Er tut es immer nur, weil er verblendet wird durch ein verzerrtes Bild einer angenommenen Moral oder einer gerechten Sache.«

»Welche Moral oder gerechte Sache hat deiner Meinung nach zu dem Morden in Rae na Scrine gefuhrt?« wollte Cass wissen.

Molua zuckte die Achseln.

»Ich bin nur ein einfacher Bauer. Wenn ich ein Feld umpfluge, dann zerstore ich Leben. Ich zerstore die Graser und Krauter auf diesem Feld. Ich zerstore den naturlichen Lebensraum von Wuhlmausen, Hamstern und anderen Tieren. Fur sie ist das eine Ungerechtigkeit. Fur mich ist es eine gerechte Sache, denn das Pflugen dient der Ernahrung des Menschen.«

»Tiere!« murmelte Cass. »Wer schert sich um Gerechtigkeit fur Tiere?«

»Sind sie nicht auch Gottes Geschopfe?« fragte Molua gekrankt.

»Ich verstehe, worauf du hinauswillst, Molua«, mischte sich Fidelma ein. »In der Theorie stimmen wir zweifellos uberein. Es gab einen Grund fur die Tat in Rae na Scrine, doch wenn der Grund auch gerechtfertigt sein mag, die Tat ist es nicht und kann es nicht sein.«

Molua neigte den Kopf.

»Das akzeptiere ich.«

»Nun gut. Es waren noch zwei Jungen mit Namen Cetach und Cosrach, die auch aus Rae na Scrine kamen und in dieses Waisenhaus gebracht werden sollten. Doch sie sind verschwunden. Einer war etwa zehn Jahre, der andere alter, vielleicht funfzehn. Sie hatten schwarzes Haar.«

Aibnat und Molua blickten sich an und schuttelten beide beinahe gleichzeitig den Kopf.

»Hier sind keine Kinder aufgetaucht, auf die diese Beschreibung passen wurde.«

»Das habe ich auch nicht erwartet. Aber vielleicht durfte ich den anderen Kindern ein paar Fragen stellen?« bat Fidelma. »Sie wissen moglicherweise mehr uber die beiden Jungen.«

»Ich mochte nicht, da? die Kinder in Aufregung geraten«, wandte Aibnat ein. »Die Erinnerung an das schreckliche Ereignis konnte sie verstoren.«

»Ich wurde sie nicht behelligen, wenn es nicht wichtig ware«, versuchte Fidelma sie zu beruhigen. »Ich kann nicht dafur burgen, da? sie sich nicht aufregen. Dennoch mu? ich darauf bestehen.«

Molua nickte langsam.

»Sie hat das Recht dazu«, erklarte er seiner Frau. »Sie ist eine dalaigh bei Gericht.«

Aibnat schien das nicht zu uberzeugen.

»Dann la? mich dabei sein, wenn du ihnen deine Fragen stellst, Schwester.«

»Naturlich«, stimmte Fidelma bereitwillig zu. »Gehen wir und sprechen wir mit ihnen, nur wir beide. Das wird sie nicht verschuchtern.«

»In Ordnung«, sagte Aibnat und sah Molua an. »Du kannst inzwischen das Essen fur unsere Gaste bereiten«, wies sie ihn an.

Aibnat ging mit Fidelma zum Bethaus. Auf ihren Ruf hin losten sich zwei kleine Madchen und ein bok-kig wirkender kleiner Junge widerwillig aus der Menge der spielenden und larmenden Kinder. Fidelma erkannte in ihnen kaum die verschreckten Kleinen wieder, die sie in den Ruinen von Rae na Scrine gefunden hatte. Sie drangten sich um Aibnat, und diese fuhrte sie zu einem abgeschiedeneren Teil des Gelandes, wo ein gefallter Baum genugend Platz zum Sitzen bot. Daneben rauschte ein kleiner Bach, der durch die Ansiedlung lief und in den gro?eren Flu? in der Bucht mundete.

»Setzt euch, Kinder«, sagte Aibnat, wahrend sie und Fidelma sich auf dem Stamm niederlie?en.

Der Junge blieb stehen und trat trotzig mit dem Fu? gegen den Stamm. Fidelma sah, da? er ein kleines holzernes Spielzeugschwert am Gurtel trug. Die beiden Madchen setzten sich sofort im Schneidersitz auf die Erde und blickten erwartungsvoll zu ihnen auf.

»Kennt ihr diese Dame?« fragte Aibnat.

»Ja, es ist die Dame, die uns weggefuhrt hat, damit uns die bosen Manner nicht finden«, erklarte eins der kleinen Madchen ernsthaft.

»Wo ist Schwester Eisten?« fiel die andere ein. »Wann besucht sie uns mal?«

»Bald.« Fidelma lachelte unsicher, nachdem Aibnat ihr einen warnenden Blick zugeworfen und leicht den Kopf geschuttelt hatte. Die Kinder hatten offensichtlich nicht erfahren, was mit Eisten geschehen war. »Nun mochte ich euch ein paar Fragen stellen. Bitte denkt grundlich nach, bevor ihr sie beantwortet. Wollt ihr das tun?«

Die beiden Madchen nickten feierlich, doch der Junge schwieg, sah mit finsterer Miene den Baumstamm an und mied Fidelmas Blick.

»Erinnert ihr euch an die beiden anderen Jungen, die bei euch waren, als ich euch fand?«

»Ich erinnere mich an das Baby«, sagte eins der kleinen Madchen. Fidelma fiel ein, da? es Cera hie?. »Es schlief ein, und niemand konnte es aufwecken.«

»Das stimmt«, sagte sie, »aber es sind die Jungen, die mich interessieren.«

»Die wollten nicht mit uns spielen. Gemeine, gehassige Jungs! Ich konnte sie nicht leiden.« Das andere kleine Madchen, Ciar, machte ein finsteres Gesicht und sa? mit verschrankten Armen da.

»Sie waren gemein, diese Jungen?« fragte Fidelma eifrig nach. »Wer waren sie?«

»Einfach so Jungs«, antwortete Ciar verdrossen. »Jungs sind alle gleich.«

Sie warf einen verachtlichen Blick auf den kleinen Jungen, der aufhorte, gegen den Stamm zu treten, und sich plotzlich hinsetzte.

»Madels!« hohnte er zuruck.

»Sag mir noch mal, wie du hei?t«, ermunterte ihn Fidelma lachelnd. Sie erinnerte sich an die Namen der Madchen, aber nicht an den des Jungen.

»Sag ich nicht!« knurrte der Junge.

Aibnat schnalzte mi?billigend mit der Zunge.

»Er hei?t Tressach«, sagte sie dann.

»Tressach? Der Name bedeutet >wild und kriegerische Bist du wild und kriegerisch?« fragte Fidelma.

Der Junge schwieg.

Fidelma rang sich ein noch breiteres Lacheln ab.

»Ach«, sagte sie mit leichtem Spott, »vielleicht habe ich deinen Namen falsch verstanden. War es Tressach oder Tassach? Denn Tassach bedeutet faul und trage, einer, der nicht mal reden will. Tassach hort sich eher nach dir an, nicht wahr?«

Der Junge errotete vor Arger.

»Mein Name ist Tressach!« knurrte er. »Ich bin wild und kriegerisch. Sieh mal, ich hab schon mein Kriegerschwert.«

Er zog das geschnitzte Holzschwert aus dem Gurtel und hielt es ihr hin.

»Das ist wirklich eine furchtbare Waffe«, meinte Fidelma und bemuhte sich, ernst zu bleiben, obwohl ihre Augen vor Vergnugen funkelten. »Und wenn du ein echter Krieger bist, dann wei?t du auch, da? Krieger einem Ehrenkodex gehorchen mussen. Wei?t du das?«

Der Knabe starrte sie unsicher an und schob das Schwert wieder in den Gurtel.

»Was fur einen Kodex?« fragte er mi?trauisch.

»Du bist doch ein Krieger, nicht wahr?« lockte ihn Fidelma.

Der Junge nickte nachdrucklich.

»Ein Krieger mu? schworen, immer die Wahrheit zu sagen. Er mu? bereit sein zu helfen. Wenn ich dich nun nach den Jungen Cetach und Cosrach frage, dann mu?t du mir alles sagen, was du wei?t. Du wurdest bestimmt Tressach genannt, weil du ein Krieger bist und dem Ehrenkodex gehorchst.«

Der Junge dachte anscheinend daruber nach. Schlie?lich lachelte er Fidelma an.

»Na gut.«

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