Millionen Burger von Neu-Kuweit vernichten wurde, befanden. Au?erdem stellte sich wahrend der Ermittlungen heraus, dass Sjan Tien ein so genannter Phag, Mitglied einer unmittelbardemImperatorunterstelltengeheimen Terrorgruppe, war. Auf Entscheidung des Tribunals wurde die diplomatische Immunitat des Saboteurs Tien aufgehoben, und er wurde verurteilt — hier verga? die Menschenmenge zu atmen — zum Tode durch den Strang. Das Hangen solle erfolgen durch Anbringung einer Schlinge am Halse Sjan Tiens, wobei diese ein Ende eines festen, einhundert Meter langen Seils bilde, dessen anderes Ende am Gerichtsflyer befestigt sei. Letzterer solle auf einer Hohe von hundert Metern schweben und auf Befehl des Staatsanwalts eine Hohe von zweihundert Metern einnehmen…

Die Worte des Staatsanwaltes waren zwar verstandlich, aber sehr geschraubt, wie in alten historischen Chroniken. Auch seine Stimme war festlich und duster, ganz wie in alten Filmen.

Im Anschluss fragte der Staatsanwalt Sjan Tien, ob dieser etwas erwidern wolle oder einen letzten Wunsch hatte — eine Zigarette, Alkohol, Drogen oder die Hilfe eines Angehorigen einer beliebigen allseits anerkannten Konfession.

Der Phag schaute ihn an, schuttelte den Kopf und blickte wieder uber die Kopfe der Menge hinweg.

Lion versteckte sein Gesicht an meiner Schulter, und ich wusste, dass er sich die Hinrichtung nicht ansehen wollte und wurde. Jetzt war er gar nicht mehr wie am Morgen, als er sich mit dem Jungen aus dem College geschlagen hatte.

Ein anderer Zivilist trat nach vorn und die Menschenmenge reagierte mit Applaus.

Dieser Mensch mittleren Alters war der Sultan, der Herrscher von Neu-Kuweit. Er sprach kurz uber Wortbruch, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und erklarte, dass er sich nach reiflichem Nachdenken dazu entschieden hatte, von seinem Recht auf Begnadigung keinen Gebrauch zu machen. Die Menge applaudierte.

Auf einmal begannen alle derma?en zu toben, dass sich sogar Lion zum Gerust umwandte. Das hier war eindeutig noch nicht die Hinrichtung. Hier ging etwas vollig anderes, wahrscheinlich Wichtigeres als jegliche Rechtssprechung vor sich.

Hinter dem Rucken der Zivilisten trat eine kleine Frau in einem langen Kleid, langen Spitzenhandschuhen und einem Gesichtsschleier hervor.

»Die Herrscherin!«, schrie Lion begeistert. »Frau Prasident!«

Die Menschenmenge tobte.

Ich wurde beinahe umgerissen, so eilig stromten alle zum Gerust. Neben mir wurde vor lauter Begeisterung geschrieen, geweint und gelacht. Frauen und Kinder — es gab trotz allem Kinder in der Menschenmenge — wurden auf den Arm genommen und auf die Schultern gesetzt, damit sie die Prasidentin Inna Snow besser sehen konnten. Auch ich wurde plotzlich gepackt und fand mich auf den breiten Schultern eines solide wirkenden Mannes mit einem vor Begeisterung verzerrten Gesicht wieder. Er weinte und lachte gleichzeitig.

»Schau hin, Kleiner!«, schrie er mir zu. »Schau hin und prage es dir ein!« Und dann, mich sofort wieder vergessend: »Frau Prasident! Frau Prasident!«

Ich war der Situation hilflos ausgeliefert. Ich schaute mich um. Neben mir wurde Lion von einem durren, jung aussehenden Mann genauso wie ich hochgehoben und auf die Schultern gesetzt. Ich sah mich um und realisierte, dass ich eine allgemeine Hysterie miterlebte: Die Menschen wollten nicht nur selber Inna Snow sehen, sondern auch anderen helfen, sie zu erblicken. Unweit von uns entfernt wurde ein recht erwachsener Mann nach oben gehoben. Er war von kleinem Wuchs und konnte deshalb schlecht sehen, was passierte.

Und wir wollten einen Uberfall vorbereiten und Tien befreien!

Wie waren wir nur dumm und naiv… Diese Menschenmenge hatte jeden beim Versuch einer Attacke auf die Personen, die sich auf dem Gerust befanden, in Stucke, in kleine Krumel, in Molekule zerlegt!

»Was bist du so schweigsam, du brauchst dich nicht zu schamen!«, schrie mir der mich tragende Mann zu.

Ich wagte es nicht, ruhig zu bleiben.

»Inna Snow! Inna Snow!«, begann auch ich zu schreien. »HERR-SCHE-RIN! FRAU PRA-SI-DENT!«

Die Menge schaumte. Inna Snow hob eine Hand und begru?te ihre Untertanen.

Dann hob sie die zweite Hand und alle verstummten.

»Das Bose schafft Boses, das Gute — Gutes«, verkundete Inna Snow. Ihre Stimme wurde ebenfalls verstarkt, aber sie schien zu flustern, sehr zu Herzen gehend und nicht mit der Menschenmenge, sondern nur mit mir allein zu sprechen. Au?erdem vibrierte ihre Stimme eigenartig, aber mir vertraut, als ob sie die ganze Zeit uber Intonation und Timbre wechselte.

»Herrscherin…«, flusterte auch ich. Ich horte es nicht, sondern fuhlte, wie jeder Einzelne auf dem Platz dieses Wort herausstie?, wie es sich wie ein leichter Sirenenklang durch die Stra?en Agrabads verbreitete.

»Dieser Mensch kam zu uns mit dem Tod. Mit einem schlimmen, furchterlichen Tod fur jeden Einwohner Agrabads. Ich habe keine Angst um mich, denn ich kann nicht sterben. Und das Mindeste, das Gerechteste, was man tun kann, ist, diesen Menschen namens Sjan Tien zu richten.«

Die Masse schwieg und wartete.

Inna Snow starrte auf Tien: »Er brachte den Tod zu euch. Meinen Freunden. Meinen Kindern.« Und sie wandte sich von ihm ab.

»Ware das aber wirkliche Gerechtigkeit? Ich mochte mich mit euch beratschlagen. Dieser Mensch ist ein Phag — ein genetisch modifizierter Morder, ein Terrorist, herangezogen in den Labors des Avalon. Er hat nie seine Eltern kennen gelernt. Sein Genom ist ein Mosaik aus Genen, die von einem Dutzend Spendern stammen. Seit fruhester Kindheit lehrte man ihn zu toten und zu verraten. Man hielt menschliche Gefuhle von ihm fern, erzog ihn zu Grausamkeit und Unbarmherzigkeit, unfahig zu lieben, unfahig zu leiden. Er ist lediglich ein Instrument in den Handen einer feigen, kauflichen Macht, die ihr Ende nahen sieht. Ja, das Imperium ist bereit, die gesamte Galaxie mit Stromen hei?en Menschenbluts zu uberziehen und uns schutzlos und ausgeblutet den fremden Rassen zu uberlassen. Aber werden wir auch nur einen uberflussigen Tropfen Blut in diesen Strom einspeisen? Ich wei?, wie gering die Chance ist, dass sich dieser Mensch andern wird. Aber es gibt diese Chance. Konnen wir uns diese Barmherzigkeit leisten? Sind wir dafur stark genug? Glauben wir an uns? Sind wir fahig zu verzeihen?«

Die Menschenmenge schwieg. Ich schwieg ebenfalls. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Die Herrscherin sollte mir einen Hinweis geben, mir erklaren, was ich wollte — die Hinrichtung Tiens oder Barmherzigkeit.

»Wir erwidern Boses nicht mit Bosem«, flusterte die Prasidentin ganz leise.

Ich erzitterte und schloss die Augen, als ich kapierte, wie fur mich gedacht wurde. Was ist das hier fur eine Einflusterung? Sie faselt doch Unsinn, diese Inna Snow! So etwas ist Demagogie! Was hei?t hier »Das Bose erschafft Boses«? Sjan Tien konnte nicht den ganzen Planeten mit einer todbringenden Krankheit infizieren, er hatte so etwas nie gemacht! Wieso benutzte man da einen menschlichen Terroristen? Man konnte viel eleganter aus dem Weltraum eine kleine Eiskapsel auf den Planeten werfen, die im Luftraum uber der Hauptstadt schmelzen wurde und schon ware das Ziel erreicht! Und uberhaupt sind die Phagen weder gefuhllos noch erbarmungslos! Und das Imperium will mit niemandem Krieg fuhren!

Aus welchem Grund aber hatte ich begonnen genauso zu denken, wie Inna Snow es wollte? Ich gehorte doch nicht zu den Hirnamputierten!

Vielleicht deshalb, weil sich um mich herum Tausende Menschen befanden, die alle das Gleiche dachten? Das ware dann eine Art Reihenschaltung. Man benotigt keinerlei Apparate, um alle Menschen gleichzuschalten, sie zu Teilen eines Mechanismus werden zu lassen: Mach sie zum Teil einer Menschenmasse! Schau mit den Augen der Masse, hore mit ihren Ohren, schreie mit ihrer Stimme!

Und schon erstirbt jeglicher Gedanke.

»Schenken wir diesem Menschen die Freiheit?«, stellte Inna Snow in den Raum. Sie schaute nach oben auf den schwebenden Flyer und der dunkle Schleier legte sich auf ihr Gesicht und zeichnete die Konturen nach. Die Menge stohnte, als ob sie das Gesicht der Frau Prasidentin genauer sehen wollte. »Soll er sich zu seinem Herrn scheren, dieser treue Hund des Imperators! Soll er Zeugnis ablegen von unserer Verachtung, unserem Willen und unserer Kraft!«

»Ja!«, jauchzte die Menge. Mir drohnten die Ohren. Der Mann, der mich hochgehoben hatte, sprang herum wie ein Kind und wedelte mit den Armen. Ich begann herunterzurutschen, er hielt mich fest, setzte mich wieder gerade und rief frohlich:

»Wie gut sie ist! Junge, wie gut sie ist! Wie gut!«

»Du bist ein hirnamputierter Verruckter«, sagte ich. Er konnte mich sowieso nicht horen. Im selben

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