»Und, ist er kaputtgegangen?«
»Nein, zu klein geworden. Jetzt hat ihn Sascha. Tikkirej, hast du Lust auf Schach?«
Ich wollte erwidern, dass ich nicht gerne Schach spiele, aber Lion fugte mit listiger Stimme hinzu:
»Wir spielen doch eigentlich jeden Tag Schach. Und heute haben wir noch kein einziges Mal gespielt.«
Das war wirklich eine gute Idee! Wenn unsere Uberwacher das schlucken, dann kann man die ganze Zeit einen Mitschnitt uber die Wanze laufen lassen. Dann sitzen dort zwei Jungs und spielen Schach, von morgens bis abends. Jeder hat nun mal seinen personlichen Tick!
»Na los«, erklarte ich mich einverstanden. »Schlie? deinen Pocket-PC an.«
Ich aktivierte meinen Pocket-PC, Lion seinen. Sie verbanden sich mit einem Strahl und wir luden das Spiel. In den Lehrprogrammen gibt es immer Schachprogramme. Wir begannen zu spielen. Zuerst war es recht langweilig, vielleicht, weil wir wussten, mit welchem Ziel wir uns ans Spiel gesetzt hatten. Dann fingen wir Feuer. Und wir spielten wirklich den ganzen Abend, bis zwolf Uhr, solange auf den Bildschirmen der Pocket-PCs noch nicht »Nachtruhe! Versto?e gegen die Tagesordnung schaden der Gesundheit!« aufleuchtete und dann standig prasent war.
Jetzt hatten wir eine herrliche Aufzeichnung fur unsere Uberwacher. Zwei Jungs werfen sich auf ihren Betten herum und spielen uber Pocket-PCs Schach. Da soll erst einmal jemand versuchen herauszubekommen, welche Zuge wir gerade machten. Wenn ein Tag bereits mit Abenteuern beginnt, dann endet er auch damit.
Wir lagen schon lange in den Betten, schliefen jedoch nicht, sondern unterhielten uns in der Dunkelheit uber alles Mogliche. Die Wanze war zuverlassig manipuliert und ubertrug lediglich unsere Atemgerausche im Schlaf.
»Also ich glaube Folgendes«, dachte Lion laut. »Offensichtlich verdachtigt man uns. Wir kannten Stasj, waren zwei Monate lang verschwunden… Es ist unmoglich, dass sie uns nach diesen Fakten sofort vertrauen! Die Behorden haben aber keine wirklichen Grunde, uns festzunehmen. Deshalb wurde beschlossen, uns in dieser Schule unterzubringen, wo man uns leicht uberwachen kann…«
»Das ist viel zu kompliziert«, bemerkte ich. »Ich glaube nicht an diese Art Wohltatigkeit!«
Lion setzte sich auf. Ich sah seine dunkle Silhouette vor dem Fenster. Im Park um das College herum war es dunkel, der Himmel war nachts mit Wolken bedeckt, aber entlang den Wegen leuchteten winzige verschiedenfarbige Lampen.
»Warum sollte sich die Direktorin sonst so um uns kummern?«
»Und warum uberwachen sie uns dann so schlecht?«, wandte ich ein. »Eine einzige Kamera, tss!«
»Vielleicht hat deine Peitsche die anderen nicht entdeckt?«
»Blodsinn!« Ich war beleidigt. »Sie hatte sie bestimmt gefunden.«
»Also ich habe gehort…«, begann Lion. Ich sollte aber nicht erfahren, was er so Interessantes gehort hatte, weil im offenen Fenster hinter Lions Rucken ein menschlicher Kopf erschien!
»Ah!«, schrie ich und sprang vom Bett auf. Lion drehte sich um, schrie ebenfalls, warf sich zur Seite und fiel auf den Boden.
»Leise!«, horten wir eine bekannte Stimme.
Nach dem Kopf erschienen Hande, danach wuchtete sich unser nachtlicher Gast uber das Fensterbrett und sprang auf Lions Bett.
»Natascha?«, fragte Lion verblufft.
Es war wirklich Natascha. Aber in welchem Aufzug! Zuerst dachte ich wirklich, dass sie vollig nackt ware. Danach erkannte ich, dass sie ein sehr eng anliegendes Trikot aus dunklem Stoff trug.
»Seid leise, hier konnen Wanzen sein!«, warnte Natascha schnell. »Das habe ich gleich…«
In der Hocke hob sie die rechte Hand — am Handgelenk leuchtete schwach ein Armband.
»Die Wanze ist uber dem Turrahmen«, sagte ich. »Aber sie wurde schon unschadlich gemacht.«
»Wo? Wie?«, fragte Natascha und hielt ihre Hand in alle Richtungen. »Oh, wirklich… Wie habt ihr sie ausgeschaltet?«
»Das ist allein unsere Sache«, unterbrach ich sie. »Sag lieber, wie du hierhergekommen bist?«
Die Wande des Gebaudes waren, wenn ich mich richtig erinnerte, glatt, ohne Reliefs, nur mit bunten glatten Kacheln verkleidet.
Nicht einmal ein Alpinist wurde hier ohne Gerat hochklettern konnen.
Anstelle einer Antwort erhob sich Natascha vom Bett, naherte sich dem Fenster, sprang leicht hoch, und schlug mit der Hand auf die Tapete. Sie hing an einer Hand.
»Anisotroper Kleber?«, rief Lion aus. »Den kenne ich, ich habe es im Film gesehen!«
Natascha fuhrte die Handflache nach oben uber die Wand, sie loste sich und das Madchen stand wieder auf dem Boden.
»Ja, anisotroper Kleber«, bestatigte sie enttauscht. Sie hatte offensichtlich damit gerechnet, dass uns der Mund vor Staunen offen stehen wurde. »Konnt ihr euch vorstellen, wie mude die Arme beim Hochziehen werden?«
»Cool«, begeisterte sich Lion und Natascha fuhlte sich ein wenig geschmeichelt. »Und wie hast du uns gefunden? Und wie uberhaupt… Was ist passiert?«
»Leute, habt ihr irgendetwas zu essen?«, antwortete Natascha mit einer Gegenfrage. »Ich habe seit dem Morgen kein bisschen gegessen.«
»Ich habe was«, gab ich zu.
Es ist naturlich nicht sehr kultiviert, vom Abendessen etwas mitzubringen. Ich hatte mir aber ein Sandwich mit Schinken und eine Teigtasche mit Kohl mitgenommen, einfach so, sicherheitshalber, fur den Fall, dass Lion und ich vielleicht langer aufbleiben und Hunger bekommen wurden.
Wahrend ich das Essen holte, gab Natascha Lion eine sehr dunne Schnur, die aus dem Fenster hing. An deren Ende war ein Beutel mit Kleidung angebunden.
»Zieh das hoch!«, befahl sie. »Ich werde mir die Hande mit Seife waschen, Schwei? zersetzt den Kleber… Wo ist das Bad?«
»Einen Moment, ich mache das Licht an«, sagte ich und reckte mich zum Lichtschalter uber dem Bett.
»Lieber nicht!«, bat Natascha. Es war jedoch schon zu spat, ich hatte die Lampe bereits angeschaltet.
Aha, das also war es! Natascha trug wirklich ein eng anliegendes Trikot, mit einer uber den Kopf gezogenen Kapuze, aber das Trikot war durchaus nicht aus normalem schwarzem Stoff, wie ich anfangs dachte. Den Bruchteil einer Sekunde schien es, als ob das Licht verschwinden, nicht zu ihr herankommen wurde. Nataschas Silhouette schien zu erzittern und sich in Luft aufzulosen. Danach wurde sie durchsichtig, man konnte die Wand hinter ihr sehen, lediglich das Gesicht schwamm in der Luft.
Ich streckte die Hand aus und traf sie in den unsichtbaren Bauch.
»Idiot!«, regte sich Natascha auf.
»Wie machst du das?«, wollte Lion wissen.
»Das ist Chamaleonhaut. Ein uralter Scherzartikel, kein Sicherheitsdienst benutzt sie heute noch. Sie reflektiert aber nicht und ist sehr leicht.«
»Woher hast du so eine Ausrustung?«, fragte ich erstaunt. »Hast du das alles mitgehabt?«
»Jungs, ich mochte mich waschen«, bat Natascha. »Ich habe Angst, das Sandwich anzufassen, es klebt fest.«
»Stimmt, und dann verklebt es den Magen«, stichelte Lion. »Geh dich waschen.«
Er fing an die Schnur hochzuziehen, wickelte sie dabei uber den Ellenbogen auf und Natascha verschwand im Bad.
»Das gefallt mir gar nicht«, sagte ich, als das Wasser im Bad rauschte.
»Natascha gefallt dir nicht?« Lion schaute mich unschuldig an.
»Mir gefallt nicht, dass sie hergekommen ist. Wir hatten uns nicht verabredet, also bedeutet es, dass irgendetwas passiert ist.«
Lion nickte. Er wickelte die Schnur zu Ende auf, holte das Packchen und brachte es zum Bad. Er klopfte, und als Natascha die Tur offnete, reichte er es ihr durch den Turspalt.
»Vielleicht hat der alte Semetzki eine Verbindung zum Avalon?«, uberlegte ich. »Dann konnten wir alles berichten, was wir bisher herausgefunden haben.«
Natascha war schnell mit dem Waschen fertig. Sie erschien normal gekleidet in einem knielangen Rock und einer Bluse.
