»Wir schwanzen die Schule«, zahlte Lion auf, »einem Typen haben wir das Nasenbein zertrummert, uns einen ganzen Tag uber in der Stadt herumgetrieben, dann gegessen und geschlafen und zum Schluss sind wir abgehauen. Echt cool!«
Seine Stimme klang nicht wirklich frohlich.
»Wir mussen der Direktorin eine Nachricht hinterlassen«, uberlegte ich laut. »Dass es uns peinlich ist, in einer derma?en teuren Einrichtung zu lernen und wir deshalb gehen…«
»So ein Quatsch!«, fauchte Lion. »Das glaubt uns doch niemand!«
»Na und? Es ist immer noch besser, als gar keine Erklarungen abzugeben.«
»Jungs, ich schlafe ein wenig, ja?«, unterbrach uns Natascha. »Weckt ihr mich um vier?«
Wir uberlie?en ihr Lions Bett und stellten den Wecker des Pocket-PC auf vier Uhr. Nataschas Kondition war wirklich gut, aber sie hatte sich schon ewig nicht mehr ausruhen konnen: Ihr Kopf hatte kaum das Kopfkissen beruhrt, als sie auch schon eingeschlafen war. Lions Augen sah ich an, dass es ihm ebenso peinlich war wie mir. Ein Madchen, das sich noch dazu fruher mit einer so damlichen Sache wie Tanzen befasst hatte, kampfte im Unterschied zu uns wirklich fur das Imperium!
»Los, wir gehen auch schlafen«, schlug ich vor. »Wer wei?, wann wir wieder dazu kommen…«
Lion deckte Natascha vorsichtig zu und nickte. Er uberlegte eine Weile und sagte dann:
»Wei?t du, ich bin sogar froh daruber. Das ware ja wirklich zu doof — auf einem feindlichen Planeten zu landen und dort zur Schule zu gehen. Ich habe sowieso im Traum schon die Schule beendet. Da ist es doch besser zu kampfen.«
»Gekampft hast du im Traum auch schon«, bemerkte ich.
»Das ist etwas anderes«, widersprach Lion. »Ans Kampfen kannst du dich nicht gewohnen. Jeder Kampf ist, als ware er der erste.«
Vierter Teil
Kapitel 1
Hatte ich mir bisher wirklich eingebildet, dass ganz Agrabad nur aus Garten und Palasten bestehen wurde?
Tja, es schien ganz so. Seit dieser ersten Nacht, in der ich in der Hauptstadt war. Als ich hinter Stasj’ Rucken sa?, den bewusstlosen Lion festhielt und dabei auf riesige Gebiete mit Wohnhausern, von Garten umgebene komfortable Bungalows, festliche Fensterbilder, breite Hauptstra?en und die Schaufenster der Geschafte schaute.
Agrabad war vollig anders. Hinter den wirklich schonen neuen Stadtteilen standen noch die ersten Hauser der Siedlerpioniere — primitiv, verfallen, an die Erde gedruckt, aber stabil. Auch dort wohnten noch Menschen. Ebenfalls Hirnamputierte. Es war hier genauso wie im neuen Teil von Agrabad und trotzdem anders, wie von Staub bedeckt. Inna Snow wurde hier auch auf vollig andere Art und Weise geehrt — irgendwie grober, mit einem Schnalzen der Zunge und einem Zwinkern, als ob es sich um eine skandalumwitterte populare Sangerin, nicht jedoch um die »Ubermutter« und »Frau Prasidentin« handeln wurde.
Genau hier wohnten wir jetzt.
In einem Heim fur verhaltensgestorte Kinder namens ›Spross‹.
Natascha hatte alles hervorragend bedacht. Es ware schwieriger gewesen, sich im Wald zu verstecken. Auf der Stra?e hatten wir nicht leben konnen. Eine Einrichtung dagegen — nur nicht die, wohin wir geschickt worden waren, sondern eine vollig andere — erwies sich als ideale Losung.
Bei diesem Heim handelte es sich um eine lange zweistockige Baracke, die ganz isoliert stand. Ringsherum dehnte sich ebenfalls ein Garten, aber nicht so gepflegt wie im Pelach, sondern alt und vernachlassigt. Die Schlafzimmer waren fur zehn bis zwolf Personen. Insgesamt lebten in diesem Heim ungefahr achtzig Menschen. Wir erledigten fast alles selber, es gab nur sieben Erwachsene: drei Erzieher, einen Koch, einen Arzt, einen Psychologen und einen Wachter.
Mehr als die Halfte der Heimbewohner waren nicht hirnamputiert. Nicht etwa, dass auf sie die Waffe des Inej nicht eingewirkt hatte, es war nur so, dass diese Jungs und Madchen anfangs die Trickfilme uber den Erfinder Edikjan und den General Ichin, danach »Die frohliche Familie« und »Anton und seine Madchen« nicht geschaut hatten. Und die auf dem Inej produzierten schulischen Lernprogramme hatten sie ebenfalls nicht konsumiert. Deshalb fand sich nirgendwo in ihrem Gehirn ein Programm — obwohl ihre Neuroshunts um einiges besser waren als mein alter Kreativ.
Mir schien jedoch, dass es bei ihnen keinen Unterschied machte, ob sie hirnamputiert waren oder nicht.
Die Hirnamputierten herauszufinden war einfach. Sie lobten Inna Snow viel ofter und mit einem Glanz in den Augen, au?erdem bemuhten sie sich nach Kraften, etwas zu lernen. Die Normalen lobten Inej und seine Prasidentin naturlich auch. Sie sa?en ebenfalls in den Unterrichtsstunden vor ihren Computern und versuchten, irgendwie die Tests zu bestehen, um auf das nachste Lernniveau ubergehen zu konnen. Anfangs schien mir, dass sie krank und debil waren, dass sie versehentlich in ihrer Kindheit nicht behandelt und geheilt worden waren. Danach wurde mir klar, dass dies nicht der Grund war. Einige wollten ganz einfach nicht lernen. Andere wiederum wollten, aber durchaus nicht das, was man so in der Schule lernt.
Lion und ich kamen mit falschen Dokumenten in das Heim. Ich hie? jetzt Kirill, Lion hie? Rustem. Den Dokumenten zufolge waren unsere Eltern Fischer von irgendwelchen tropischen Inseln, uns wurden »soziale Verwahrlosung, Ideenlosigkeit und fehlende moralische Adaptation« bescheinigt. Letzteres klang sehr beleidigend, fanden wir.
Natascha blieb Natascha. Nur, dass sie jetzt als meine Schwester galt. Es gab wenige Madchen im ›Spross‹, weniger als ein Dutzend.
Obwohl wir als asoziale, gefahrliche Jugendliche galten, gab es weder einen strengen Tagesablauf noch eine Uberwachung fur uns. Zuerst sprach ein junger Psychologe mit uns, ein au?erst langweiliger und muder Mann, der alles sofort erlauterte. »Ihr seid erfolglose Mitglieder der Gesellschaft«, sagte er. »Ihr habt alle notwendigen Fahigkeiten fur ein vollkommenes und gluckliches Leben. Durch euer Verhalten stellt ihr euch au?erhalb der Gesellschaft. Der Gesellschaft ist das egal. Niemand wird sich darum bemuhen, euch auf das Niveau eines durchschnittlichen Bewohners zu heben. Letztendlich wird immer jemand gebraucht, der den Mull wegraumt, die Kanalisation reinigt und als Versuchsperson fur neue Medikamente dient. Aber ausgehend von Gedanken der Humanitat bekommt ihr alle noch eine Chance, euch zu vollwertigen Menschen zu entwickeln. Lernt, dann kommt ihr vielleicht an eine bessere Schule. Vielleicht wollen euch eure Eltern sogar wieder zu sich holen…«
Wir versprachen ihm naturlich, uns anzustrengen. Er lobte uns dafur, glaubte jedoch kein Wort.
Im ›Spross‹ versuchte niemand, uns eine »Begru?ung« zu organisieren, obwohl sich einige der Jungs sichtlich gerne prugelten. Es stellte sich aber heraus, dass die Hirnamputierten eine Schlagerei schon fur etwas Unrichtiges, etwas Ungutes hielten. Im privilegierten College Pelach war das anders. Dort galt eine Schlagerei mit Neuankommlingen als Norm, wie im Film. Wenn jedoch hier normale Rowdys eine Schlagerei anfingen, warfen sich alle Hirnamputierten gemeinsam auf sie. Mit glasigen Augen und einer derartigen Wut, als ob sie bereit waren, sich auf Leben und Tod zu schlagen.
Vielleicht waren sie auch wirklich dazu bereit.
Dafur gab es eine Menge Gemeinheiten, bei denen die Hirnamputierten nicht wussten, wie sie reagieren sollten. Zum Beispiel konnte man ein Spiel verlieren und deshalb fur eine bestimmte Zeit der Diener des Gewinners werden. Die Diener hatten jeden beliebigen Wunsch ihres Herrn auszufuhren: Einige liebten es, zum Beispiel, dass ihnen vor dem Schlaf die Fu?sohlen gekitzelt oder interessante Geschichten erzahlt wurden. Fast alle jungeren und schwacheren Kinder waren Diener. Die Hirnamputierten selbst hatten keine Diener, mischten sich aber bei den anderen nicht ein.
