Im Beutel war sicherlich das Chamaleonkostum versteckt.

»Iss erst einmal«, sagte ich. Solange sie a?, stellten Lion und ich keine Fragen, obwohl wir sehr gespannt waren. Es war schon zwei Uhr nachts, morgen wurden wir unausgeschlafen aufstehen…

Plotzlich wurde mir klar, dass wir hier nicht aufstehen wurden. Es war wirklich etwas passiert. Etwas, das unseren gesamten Plan, ruhig auf Neu-Kuweit zu leben und Informationen fur die Phagen zu beschaffen, hinfallig machen wurde.

»Natascha, wir sind nicht zufallig in dieses College geschickt worden, stimmt’s?«, fragte ich.

Natascha nickte und kaute den Rest des Sandwichs zu Ende. Ungeniert leckte sie sich die Finger ab. Sie hatte sich das sicherlich nicht erlaubt, bevor sie zum Partisanentrupp gekommen war. Wo ihr Gro?vater ein Millionar vom Avalon war… mit allen Schikanen des guten Tons, Etikette, zehn Gabeln auf dem Tisch…

»Sind wir aufgeflogen?«, fuhr ich fort, sie auszufragen.

»Nicht ganz.« Natascha schuttelte den Kopf. »Bislang nicht ganz… Habt ihr nichts anderes mehr? Jungs, es sieht folgenderma?en aus: Als ich euch am Ufer abgesetzt hatte, bin ich noch etwas weiter gefahren, dort gibt es eine Stelle…«

Sie winkte ab und entschloss sich die ganze Wahrheit zu sagen.

»Dort am Fluss ist eine alte Anlegestelle. Sie wird von fast niemandem benutzt. Der Wachter der Anlegestelle ist einer unserer Freunde, ein Mitglied des Widerstandes. Anfangs wollte ich mich bei ihm ausruhen und dann zuruckfahren. Alles war in Ordnung, niemand hatte mich bemerkt, ich hatte mich nicht einmal erkaltet, da er mich sofort in die Wanne gesteckt hatte, damit ich mich aufwarmte. Ich habe zwei Stunden darin geschmort!«

»Und au?erdem hast du noch geschlafen und gegessen«, erganzte Lion ungeduldig. »Komm zur Sache!«

Natascha fauchte: »Hast du es eilig? Ihr braucht es nicht eilig zu haben. Also, der Wachter hat eine gute Verbindung zum Netz, Zugang zur Polizeifrequenz. Das ist fast legal, der Wachter der Anlegestelle ist ein inoffizieller Helfer der Polizei. Als ich mich ausruhte, schaute ich die Meldungen durch, es gibt jetzt nur noch wenige, bei den wenigen Verbrechen zurzeit. Ich fand eine Info daruber, dass zwei Jugendliche, die vor zwei Monaten verschwunden waren, mit einer unglaubwurdigen Legende wieder aufgetaucht waren, sie hatten sich im Wald verlaufen.«

»War es genauso formuliert: ›mit einer unglaubwurdigen‹?«, wollte ich wissen.

»›Die einer kritischen Betrachtung nicht standhielt‹«, konkretisierte Natascha. »Ich ging davon aus, dass alles vorbei war, dass man euch geschnappt hatte. Und da las ich die folgende Verfugung: ›Keine Handlungen unternehmen.‹ Die erste Mitteilung war von einem Polizeibeobachter im Motel. Die Anweisung vom Ministerium fur Verhaltenskultur.«

Das »Ministerium fur Verhaltenskultur« kannte ich durch unsere Ausbildung. So nannte sich die Spionageabwehr des Inej.

»Wenn euch die Polizei festgenommen hatte«, sagte Natascha uberlegend, »ware alles ganz einfach. Entweder ihr werdet verhort und laufen gelassen oder festgesetzt. Aber die Spionageabwehr ist etwas vollig anderes. Das bedeutet, dass man euch folgen und ›bearbeiten‹ wird.«

»Und warum bist du dann hierhergekommen?«, rief ich aus. »Natascha, wenn alles so ernst ist — dann uberwacht man uns nach dem vollen Programm! Vielleicht gibt es hier Sender, die wir nicht orten konnen! Und alles, was wir bereden, wird mitgehort!«

»Vielleicht«, stimmte Natascha zu. »Aber nicht unbedingt. Wenn ein Agent ernsthaft bearbeitet wird, kummert man sich ein bis zwei Tage nicht besonders um ihn. Damit er seine Wohnung uberprufen, nichts finden, sich beruhigen und entspannen kann. Erst danach wird man euch Zimmer und Kleidung verwanzen und einen Satelliten auf euch richten…«

»Woher wei?t du denn das?«

»Von Opa«, antwortete Natascha kurz.

»Und wenn man uns trotzdem beobachtet? Wenn du mit uns geschnappt wirst?«

»Ihr seid wichtiger«, sagte Natascha. »Gro?vater hat mir befohlen, wenn irgendetwas ist, seid ihr um jeden Preis zu retten. Ich kann sowieso nichts Wichtiges verraten, selbst wenn man mich hundertmal kriegen wurde. Unser Lager wurde schon verlegt. Was Gro?vater weiter vorhat, wei? nur er selbst. Ich habe mich mit unserem Freund beraten, und er sagte mir, dass ich gehen solle. Gab mir die Ausrustung. Wir fanden heraus, dass ihr hierhergebracht wurdet, und da bin ich…«

Lion und ich schauten uns an.

So ein Pech! Wirkliche Widerstandskampfer, die ernsthaft gegen Inej kampfen, riskieren unseretwegen, die wir nichts wissen und nichts konnen, ihr Leben!

»Natascha, danke!«, sagte ich. »Was sollen wir denn jetzt machen?«

Sie schaute mich erstaunt an.

»Wir haben eine sehr einfache Aufgabe«, murmelte ich. »Uns auf dem Planeten einleben und die Ereignisse verfolgen. Keine Anschlage… Uberhaupt nichts… Nur schauen und einpragen. Wir dachten, dass wir hier leben wurden, und das war’s.«

»Alles klar. Jetzt konnt ihr aber nicht in der Legalitat bleiben.« Natascha schuttelte energisch den Kopf. »Ihr musst untertauchen!«

»In den Wald?«, schlug ich vor. Ich spurte, wie mein Herz anfing, froh zu schlagen.

Wir werden keine Hirnamputierten spielen, uns nicht vor Kameras und Mikrofonen verstecken, nicht die beangstigende Stimme von Inna Snow anhoren mussen! Nicht standig auf unsere Verhaftung oder eine Provokation warten. Nicht zuschauen, wie gute und ehrliche Leute erniedrigt werden. Wir werden eine Hutte bauen oder eine Hohle suchen, im Wald wohnen, jagen, Fische fangen, manchmal in die Dorfer gehen und Nahrungsmittel und Kleidung requirieren. Wir werden dem alten Semetzki und seinen »Schrecklichen« helfen. Und dann, fruher oder spater, wird der Imperator alles in Ordnung bringen und die Bosen bestrafen. Lions Eltern werden geheilt und er wird zu ihnen zuruckkehren. Ich werde zum Avalon fliegen. Oder wir werden gemeinsam fliegen, denn seinen Eltern wird der Avalon sicher gefallen! Oder wir werden gemeinsam hierbleiben. Nein! Trotzdem wird es besser sein, zum Avalon zu fliegen. Manchmal werden wir Semetzki besuchen und uns an die gemeinsamen Abenteuer erinnern. Mit Natascha werde ich in eine Schule gehen. Stasj wird uns oft besuchen und manchmal uber seine Abenteuer berichten. Ich werde wieder bei den Phagen arbeiten und ihnen helfen, den Frieden in der Galaxis zu verteidigen…

»In den Wald auf keinen Fall«, beendete Natascha meine Traume. »Ich wei? nicht, wo die Unseren sind. Und wenn wir verfolgt werden? Wir werden uns in der Stadt verstecken.«

»Gemeinsam?«, wollte ich wissen.

»Ja. Ihr musst noch heute gehen, solange von euch noch keine Uberraschungen erwartet werden.«

»Ach«, meinte Lion bitter und schaute sich im Zimmer um. »Und wie gut wir es getroffen hatten!«

Ich konnte ihn verstehen. Und wirklich: Es war komisch, aus dem College zu fliehen, nachdem wir gerade angekommen waren. Aber Natascha blickte uns ernst und angespannt an. Sie riskierte ihr Leben fur uns! Und dieser Widerstandskampfer vom Anlegesteg auch. Sie gingen ein Risiko ein, um uns aus den Fangen der Spionageabwehr des Inej zu befreien.

Vielleicht hatte ich noch eine Weile geschwankt. Aber urplotzlich erinnerte ich mich an das Cottage von Stasj, an den an die Wand geklebten nackten Menschen und seine kalte, fast unmenschliche Stimme:

»Dieser Junge hat fur Inej keinen Wert!«

Ich schuttelte mich.

»Lion, pack deine Sachen zusammen.«

»Konnen wir wenigstens Kleidung mitnehmen?«, fragte Lion. Da wurde mir bewusst, dass auch er fruher nicht so viele schone, gut aussehende und hochwertige Sachen besessen hatte.

»Nein«, erwiderte Natascha bedauernd. »Ihr braucht nichts.«

»Wir haben uberpruft, da sind keine Wanzen…«, meinte ich.

»Das ist es nicht.« Natascha zogerte. »Alles in allem… Ach, ihr werdet schon selber sehen.«

»Mach’s gut, du Elefantenschlafanzug«, seufzte ich und schaute dabei Lion an. Er konnte sich nicht beherrschen und begann zu kichern. »Natascha, wie sollen wir fliehen? Durchs Fenster?«

»Nein.« Sie schuttelte den Kopf. »Ich erhole mich ein wenig und steige dann durchs Fenster. Ihr kommt fruh am Morgen auf die Stra?e, dort treffen wir uns. Dann erklare ich euch alles.«

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