Ich half Herbert fast eine Stunde, sich in die Grundlagen der Kernphysik einzuarbeiten. Es tat mir uberhaupt nicht leid um die aufgewendete Zeit. Herbert ist ja nicht schuld an seinen Problemen.

Die Atombombe war naturlich eine furchterliche Waffe. AberdasmachtigsteKriegsgeheimnishatteder Wissenschaftler Albert nicht entdeckt. Noch viel schlimmer war jene Waffe, welche die Feinde nicht totet, sondern sie einer Gehirnwasche unterzieht und in Verbundete verwandelt. Welche sie dazu bringt, zu vergessen, was passiert und wie es auf der Welt wirklich zugeht, sie dazu zwingt, eine beliebige Luge zu glauben. Auf eine derartige Waffe war fruher niemand gekommen.

»Kommst du jetzt allein klar?«, wollte ich von Herbert wissen.

»Ja. Danke!«

Ich kehrte auf meinen Platz zuruck. Sollte er ruhig lernen. Jetzt bekam er einfachere Erklarungen, mit denen er zurechtkommen wurde. Ich startete ein neues Tetrisspiel und nahm mir vor, dieses Mal meinen personlichen Rekord zu brechen. Es kam nicht dazu — die Tur offnete sich und Natascha schaute in den Klassenraum.

»Gru? dich, Kirill«, rief sie und sah abschatzig zu Herbert. Natascha mochte die Hirnamputierten nicht. »Hast du etwas zu tun?«

»Nein.« Ich klappte schnell meinen Laptop zu. Nataschas Stimme schien so… viel versprechend. So, als ob sie etwas Gutes erfahren hatte.

»Na dann, komm mit!«, erwiderte Natascha und verschwand im Korridor.

»Ich habe versprochen, ihr auch zu helfen… in Mathematik«, flunkerte ich Herbert vor.

»In Ordnung. Auf Wiedersehen!« Herbert rieb sich die Stirn und schaute angestrengt auf den Bildschirm. Warum hatte ich nur gelogen? Ihm war doch egal, ob ich mit Natascha Mathematik lernte oder mit ihr in einer dunklen Ecke herumknutschte.

Also, das mit dem Herumknutschen spukte nur in meiner Phantasie herum. Erstens schien Natascha vergessen zu haben, dass wir uns in den Bergen gekusst hatten. Zweitens stand sie nicht allein im Korridor, sondern mit einem Madchen ihres Alters.

»Elli«, stellte Natascha das Madchen vor. Ich kannte sie nicht. Sie kam sicherlich jemanden besuchen. Das gab es zwar nicht oft, kam aber vor.

»Kirill«, nannte ich meinen Namen. Der fremde Name gefiel mir nicht, aber das war nicht zu andern.

Elli hatte rote Haare, war dunn und lachelte standig. Sie war sympathisch, nur dass ihre Augen sehr frech und schadenfroh blitzten. Sie trug Hosen und Pullover wie Natascha. Elli gab mir zur Begru?ung die Hand und fragte Natascha:

»Wohin?«

»In den Garten«, schlug Natascha vor.

Es sah ganz so aus, als ob wir uber etwas Geheimes reden wurden.

WederNataschasDetektorarmbandnochmein Schlangenschwert hatten im Heim Uberwachungsanlagen gefunden. Trotzdem bemuhten wir uns, alle wichtigen Gesprache drau?en zu fuhren.

Wir gingen durch den Korridor zum Ausgang. Der Wachter sa? in seinem Kammerchen, nackt bis zur Gurtellinie, lie? seine Muskeln spielen und schaute sich bewundernd an. Uns warf er kurz zu: »Drau?en regnet es, nehmt einen Schirm!«

Die Schirme in einem Schrankchen an der Tur waren fur alle. Ich nahm einen gro?en Familienschirm mit anderthalb Metern Durchmesser, schob den Reifen uber meinen Kopf, setzte ihn auf und zog die Antenne hoher. Die Akkus waren fast leer, aber wir wollten uns ja nicht lange drau?en aufhalten.

Es regnete wirklich. Der Regen fiel leise, fast lautlos. Der Schirm schaltete sich ein und uber meinem Kopf klopften die Regentropfen an ein unsichtbares Hindernis, wobei sie eine Kuppel nachzeichneten. Die Madchen drangten sich sofort an meine Seite und hakten sich unter. Ich storte mich nicht daran. Ich stand da und schaute in den von Wolken bedeckten Nachthimmel, aus dem der Regen fiel.

Eigentlich war es warm. Aber dieser feine Nieselregen brachte eine ungewohnte Kalte mit sich. Ein komischer Regen.

»Der Herbst beginnt«, sagte Natascha leise. »Der Herbstregen…«

Stimmt! Das war es also! Das war ja mein erster richtiger Herbst! Auf Karijer wechselten die Jahreszeiten fast unmerklich, auf Neu-Kuweit landete ich im Sommer und auf dem Avalon im Winter.

Und jetzt begann auf Neu-Kuweit der Herbst.

»Schneit es hier?«, erkundigte ich mich.

»Nein, wohl kaum«, erwiderte Natascha.

»Hier ist ein anderes Klima, der Winter ist regnerisch und kuhl. Etwas uber null Grad. Das ist gut, unsere Leute in den Bergen haben es auch so schon schwer.«

Erschreckt sah ich zu Elli.

»Sie gehort zu uns, zum Widerstand«, beruhigte mich Natascha.

»Hm.« Elli lachelte. »Du bist doch Tikkirej, stimmt’s?«

»Ja.«

»Und ich bin wirklich Elli.«

Wir gingen weiter in den Garten hinaus, bis wir zu einem schiefen Holzpavillon kamen. Daneben leuchtete matt eine Laterne, und es war gut zu ubersehen, dass niemand in der Nahe war.

»Hier ist der passende Platz fur ein Gesprach«, entschied Elli. Sie gab sich sehr selbstbewusst, als ob sie die Hauptperson ware.

Wir gingen in den Pavillon und setzten uns auf eine Bank. Der Schirm analysierte die Situation und schaltete sich aus. Dabei uberschuttete er uns mit Wassertropfen. Elli lachte.

»Blode Technik«, meinte ich.

»Jede Technik ist blod«, stimmte Elli zu. »Ist bei euch alles in Ordnung, Tikkirej?«

»Ja. Und wer bist du?«

»Ich komme vom Avalon.«

»Beweise es!«, forderte ich. Nicht, dass ich es nicht glaubte, mir missfiel jedoch, das sie so herumkommandierte.

»Einen schonen Gru? von Ramon.«

Ich nickte. Wirklich, sie kann ja wohl kaum Dokumente bei sich fuhren.

»Alles klar. Wie geht es Tien?«

»Tien? Gut. Berichte von Anfang an, Tikkirej!«

Mir gefiel dieses Wort nicht. »Berichte« … Ein Madchen, ein »Gepackstuck«, aber rumkommandieren…

»Wir sind wie vorgesehen gelandet. Die Kapsel ist getaut, alles wie geplant. Wir entschlossen uns, im See zu baden, dort haben uns die ›Schrecklichen‹ gefangen genommen.«

Natascha lachelte stolz.

»Wir verbrachten einen Tag bei ihnen«, fuhr ich fort. »Aber Natascha kann das besser erzahlen!«

»Vorerst berichtest du!«, verfugte Elli.

»Dann brachte uns Natascha mit einem Jetski nach Mendel. Wir hielten ein Auto an und wurden zum Motel mitgenommen. So kamen wir zu Lions Eltern… Und die schickten uns am nachsten Tag in das College Pelach. Ich hatte mich schon gewundert uber diese Wohltatigkeit, dort war alles vom Feinsten…«

»Das ist bekannt. Weiter!«

»Am Abend schlich sich Natascha ins College. Sie berichtete, dass sich das Ministerium fur Verhaltenskultur fur uns interessierte. Am Morgen sind wir dann abgehauen und Natascha hat uns hierhergefuhrt. Und so verstecken wir uns hier schon den vierten Tag.«

Elli nickte.

»Alles klar. Konntet ihr irgendetwas Wichtiges erfahren?«

»Na ja…« Ich wand mich. »Uns kommt es so vor, als ob Inej das Imperium provozieren wurde. Wenn die Armee zuschlagt, dann hofft Inej auf die Hilfe der Fremden. Sicher gibt es eine geheime Ubereinkunft, mit den Halflingen zum Beispiel.«

»Ich verstehe.« Elli dachte nach. »Wahrscheinlich kommt der Imperator auch von selbst darauf. Aber hat er etwa eine andere Wahl?«

»Ich wei? nicht«, nuschelte ich. Irgendwie gefiel mir Elli gar nicht mehr.

»Ich wei? auch nicht.« Elli erhob sich und trommelte mit ihren Fingern an den Pfeiler des Pavillons. Ganz

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