wie eine erwachsene seriose Frau und gar nicht madchenhaft. »Die Zeit arbeitet fur Inej. Die Bevolkerung schlie?t sich zusammen, sogar diejenigen, die ohne Kodierung geblieben sind. Es werden neue Raumschiffe gebaut. Und im Imperium tauchen nach und nach neue Kodierte auf.«
»Wie das denn?«, wunderte ich mich. »Bei allen sind doch die Radioshunts ausgeschaltet!«
»Viele nutzen die Shunts trotzdem. Um sich Fernsehserien anzuschauen oder fur die Arbeit. Und das initiierende Signal kann auch uber das normale Netz gegeben werden, man muss lediglich in das Netz eindringen.«
Ich verstand. Und wirklich, wenn Inej auch jetzt nicht in der Lage war, die Planeten im Handstreich zu erobern, nach und nach ware das durchaus moglich: Ein einziger Agent konnte auf den Planeten eindringen, ein beliebiges Informationsnetz anzapfen und daruber das Codesignal senden… Und schon hatten wir Hunderte und Tausende Hirnamputierte.
»Das ist ungunstig«, au?erte ich. Ich fuhlte mich hilflos und unwohl. »Und was wird nun der Imperator machen?«
»Auch ich denke daruber nach, was er machen wird.« Sie seufzte. »Aber gut. Wir sollten uns besser unserer Aufgabe zuwenden.«
»Tja, wir sind bereit…«, begann ich unsicher. »Zu allem, was befohlen wird. Sollen wir vielleicht zu den Partisanen gehen?«
»Das glaube ich nicht.« Elli musterte mich. »Hast du eine Waffe?«
»Eine Peitsche«, bekannte ich.
»Oho!« Elli war sichtlich erstaunt. »Das wusste ich nicht. Eine Peitsche durfen doch nur Phagen besitzen?«
»Ja, aber ich habe den Status eines Helfers. Und die Peitsche… ist eigentlich ausgemustert. Damit kann man nicht besonders kampfen.«
»Aber ein, zwei Leute kann man toten?«
Sie sagte das so beilaufig, dass mir unbehaglich wurde.
»Ja. Das geht.«
»Gut. Fur euch drei gibt es eine Aufgabe. Gestern landete auf dem Planeten inkognito ein Alexander Bermann, ein Oligarch vom Edem. Bermann-Fond, Bermann-Werften. Habt ihr schon einmal davon gehort?«
Ich hatte noch nie davon gehort, nickte aber sicherheitshalber.
»Bermann«, fuhr Elli fort, »traf eine geheime Abmachung mit Inna Snow. Gegenwartig stellen seine Werften eine Flotte von Kriegsschiffen fur Inej fertig. In allen Unterlagen erscheinen diese Schiffe als Handelsflotte fur Avalon. Aber einer der Werftarbeiter, ein fruherer Armeeoffizier, fand heraus, dass Raumschiffe mit moglicher Doppelnutzung gebaut werden, die nur noch bewaffnet werden mussen. Er kontaktierte die Phagen… Irgendwelche alten Kontakte. Der Verrat wurde im allerletzten Moment entlarvt, und der Imperator unterschrieb einen geheimen Befehl und verhangte das Todesurteil uber Alexander Bermann. Konnt ihr folgen?«
»Und das sollen wir machen?«, fragte ich sicherheitshalber.
»Ja. Ihr sollt Alexander Bermann und dessen Tochter toten.«
»Und wieso die Tochter?«, au?erte ich mein Unverstandnis.
»Sie ist die einzige Erbin Bermanns. Wenn sie stirbt, gehen die Werften und das gesamte Vermogen an das Imperium. Mehr noch. Sie ist unsere Altersgenossin, erst dreizehn Jahre alt. Bermann hat eine au?erst seltene Operation durchfuhren lassen… In das Bewusstsein der Tochter wurden einzelne Fragmente seiner eigenen Personlichkeit implantiert. Geschaftliche Qualitaten, die Art und Weise, eine Firma zu fuhren, grundlegende Lebensanschauungen. Kurz und gut — wenn die Tochter am Leben bleibt, wird sich nichts andern.«
»Und wo ist sie?«, fragte Natascha.
»Mit Bermann zusammen.«
»Und der Grund fur den Verrat?«, erkundigte ich mich. »Gehort er zu den Hirnamputierten?«
»Nein.« Elli verzog das Gesicht, als ob das Wort »Hirnamputierter« ihr Schmerzen bereiten wurde. »Bermann erkannte fruher als andere die Situation auf Inej. Snow war gezwungen,mitihmbereitsvorzehnJahren zusammenzuarbeiten, um den Bau einer Kriegsflotte zu ermoglichen. Nachdem er alle moglichen Varianten durchgespielt hatte, kam Bermann zu der Uberzeugung, dass Inej siegen wurde. Mehr noch — er war uberzeugt von den Ideen des Inej. Er beschloss, das Imperium zu verraten, im Tausch gegen den Posten eines Statthalters auf Edem, eine Teilautonomie und die Moglichkeit, die psychotropen Programme des Inej zu blockieren.«
»Also kann man sich vor ihnen verschlie?en?«
»Ja, das ist moglich.«
»Und geheilt werden?«
»Das geht auch. Der Mensch behalt ein verandertes Bewusstsein, kann aber wieder seine Meinung wechseln.«
Das war eine gute Nachricht. Das hei?t, dass man alle Bewohner von Neu-Kuweit und den anderen Planeten der Foderation des Inej wurde retten konnen. Auch Lions Eltern. Das wurde ihn freuen.
»Ihr musst Bermann toten«, wiederholte Elli. Ich fuhlte mich wie mit kalten Wasser ubergossen.
»Elli, wir sind doch keine Phagen«, gab ich zu bedenken. »Wie kommen wir an diesen Bermann heran? Wenn er wirklich ein Millionar ist…«
»Er ist Milliardar.«
»Desto mehr!«
»Ihr musst«, antwortete Elli einfach.
Natascha blickte mich enttauscht an, als ob sie erwartete, dass ich sagen wurde: »Das ist fur uns ein Kinderspiel!« Aber das dachte ich ganz und gar nicht. Und au?erdem wollte ich nicht toten! Nicht einmal einen Verrater! Ich hatte noch niemals jemanden getotet!
»Elli, wir haben die Aufgabe, hier zu leben und zu beobachten! Wir sind fur einen Kampf nicht ausgebildet!«, wandte ich schnell ein. Sollte sie denken, was sie wollte. Sollte sie mich ruhig fur einen Feigling halten!
»Tikkirej, ich uberbringe dir einen Befehl«, erwiderte Elli kalt. »Du kannst naturlich ablehnen. Stasj hat sich fur dich verburgt, und wenn du ablehnst, wird lediglich er Probleme bekommen.«
»Gro?e?«, erkundigte ich mich, um wenigstens etwas zu sagen.
»Sie werden ihn in den Ruhestand versetzen. Ein Phag ohne Arbeit ist ein trauriger Anblick, Tikkirej. Er wird naturlich eine Rente, Wohnraum, alle moglichen Privilegien und irgendeine Auszeichnung bekommen. Aber die Phagen konnen nicht ohne Arbeit herumsitzen. Das widerspricht ihrer Lebenseinstellung. Gewohnlich sterben sie sehr schnell.«
Ich befand mich in einer Sackgasse. Nein, nicht in einer Sackgasse… Eine Sackgasse hat nur einen Ausgang.
Und da wurde mir klar, wie sich meine Eltern gefuhlt haben mussten, bevor sie ihr Sterberecht wahrnahmen. Dieses Mal verstand ich es wirklich. Das war keine Sackgasse. Das war eher ein Korridor. Man konnte entweder vorwarts oder ruckwarts gehen. In eine Richtung fiel es sehr schwer. Und in die andere war es einfach widerlich. Aber derma?en widerlich, dass es immer noch besser war, den schlimmeren Weg zu gehen.
»Aber wir konnen das doch gar nicht«, meinte ich. »Elli, wir sind nur zwei Jungen und ein Madchen. Wir konnen nicht richtig kampfen, sogar Natascha kann es nicht richtig. Und eine wirkliche Waffe besitzen wir auch nicht. Und dieser Bermann wird mindestens wie Inna Snow selbst bewacht werden. Wir werden alles versauen.«
»Ich helfe euch«, trostete Elli. »An Bermann kommt ihr heran. Die Frage ist nur, ob ihr einverstanden seid.«
Ich schwieg. Natascha schaute mich fragend an. Sie war einverstanden, das war klar. Sie musste ja bereits kampfen.
»Und?« Elli erhob sich und stutzte ihre Hande in die Huften. »Entscheide dich!«
»Wir sind einverstanden«, entschied ich. »Das hei?t, ich bin einverstanden. Lion muss noch gefragt werden. Aber wie…«
»Alexander Bermann befindet sich inkognito auf dem Planeten«, schnitt mir Elli das Wort ab. »Deshalb gibt es keine vollstandige Bewachung. Bermann wohnt als Gast in einer Vorortvilla der Regierung, umgeben von elektronischen Alarmanlagen. Die werden abgeschaltet sein. Der Patrouilleplan der Wachen wird euch ebenfalls
