ermorden? Standen sie ganz einfach auf und toteten? Mir war gar nicht nach Lachen zumute. Das Auto war ein gewohnliches Taxi. Ich hatte eigentlich erwartet, dass wir von Untergrundkampfern abgeholt werden wurden, aber es war ein ganz gewohnlicher orangefarbener »Taimen« des staatlichen Taxidienstes. Der Fahrer gehorte zu den Hirnamputierten, ich konnte sie mittlerweile sicher von normalen Leuten unterscheiden.
»In den Schmetterlingspark?«, erkundigte er sich au?erst freundlich.
»Hm.« Natascha begann gleich zu lacheln. »Dort ist es schon, nicht wahr?«
»Sehr schon«, bestatigte der Fahrer und wartete, dass wir ins Auto gestiegen waren. Lion wollte sich auf den Vordersitz setzen, aber der Fahrer schuttelte streng den Kopf.
»Fur Kinder unter sechzehn ist das verboten!«
Natascha stellte ihm noch einige Fragen, und der Fahrer begann, uns begeistert vom Park zu erzahlen. Es war relativ einfach, die Hirnamputierten auf ein Thema festzunageln. Wenn sie den Eindruck hatten, es wurde die Zuhorer interessieren, konnten sie so lange daruber reden, bis sie alles dargelegt hatten, was sie wussten. Natascha hatte ihn absichtlich darauf gebracht, sodass er durch nichts anderes abgelenkt wurde und keine uberflussigen Fragen stellte.
Es war aber wirklich interessant, etwas uber den Schmetterlingspark zu horen. Als die Menschen begannen, Neu-Kuweit zu kolonisieren, lebten hier keine Saugetiere, sondern nur Insekten, Reptilien und primitive Fische. Bald stellte sich heraus, dass die einheimischen Insekten nicht mit Tieren von der Erde zusammenleben konnten. Die Fische starben, als Erdplankton ins Meer gegeben wurde. Daraufhin wurden zwei Naturschutzgebiete eingerichtet — eines auf dem Land und eines im Meer. Sie waren weit von hier entfernt, auf einem anderen Kontinent. Nicht weit von Agrabad errichtete man eine gro?e Kuppel, ahnlich der, unter welcher ich auf Karijer lebte. Dort blieb die ursprungliche Natur »der vierten Beta Lyra«, also von Neu-Kuweit, erhalten. Einheimische Graser, Straucher und Baume. Einheimische Schmetterlinge, Kafer und Basiliskeneidechsen. Die Schmetterlinge sollen sehr bunt und riesig sein, einige mit einer Flugelspannweite von zwanzig Zentimetern. Und fast alle leuchteten im Dunkeln, weil sie ihre Paarungsrituale in der Nacht abhielten.
»Als ich noch klein war«, erzahlte der Fahrer, »bin ich auch gern in den Park gegangen, besonders in der Nacht, wenn es meine Eltern mir erlaubten. Denn wie war es fruher, wenn sich die Schmetterlinge zu sehr vermehrt hatten? Du hast eine Lizenz gekauft und konntest mit einem Netz auf sie Jagd machen. Es war naturlich schwer, aber manchmal gelang es uns, einen zu fangen… Ich habe bis heute vier Stuck von ihnen. Sehr schone Exemplare.«
»Und jetzt gibt es das nicht mehr?«, wollte Lion wissen.
»Nein, man hat entschieden, dass das unethisch sei.«
»Schade«, seufzte Lion. »Wir wurden auch gern auf die Jagd gehen.«
Und er schaute mich aus den Augenwinkeln an, ob ich seinen Scherz auch gebuhrend wurdigte.
Aber mich machte die bevorstehende Jagd uberhaupt nicht froh.
In Wirklichkeit mussten wir nicht in den Park. Aber wir konnten dem Fahrer wohl kaum sagen: »Fahren Sie zum Turkistempel, zum Gastehaus der Regierung. Wir wollen dort spazieren gehen.«
Die Kuppel wurde sichtbar, kaum dass wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen hatten. Von weitem erschien sie kleiner, aber ich erkannte sofort, dass es sich um eine Standardkolonialkuppel der Spezifikation 11-2 handelte. Neunhundert Meter im Durchmesser, siebzig Meter hoch. Genau so eine wie unsere Kosmodromkuppel, nur ohne silbrige Schutzschicht gegen Radioaktivitat. Ich seufzte, als ich mir unsere Kuppeln, die um sie herum gelegenen Gruben und Taler, die uberall herumkriechenden hermetischen Busse vorstellte. Obwohl ich nicht wusste, wonach man sich auf so einem unwirklichen Planeten wie unserem Karijer sehnen konnte.
Ich jedenfalls hatte Heimweh.
»Wollt ihr zum Haupteingang?«, erkundigte sich der Fahrer.
»Ja, bitte!«, antwortete Natascha hoflich. Sie ubernahm die Rolle der Altesten. Es war sicherlich ungewohnlich, dass ein Madchen das Wort fuhrte, aber der Fahrer wunderte sich nicht daruber. Vielleicht deshalb, weil alle die Prasidentin Inna Snow verehrten?
Das Taxi hielt an der Haltestelle und wir stiegen aus. Die Fahrt war vorab bezahlt worden, der Fahrer winkte uns zu und fuhr fort.
Wir gingen uber den Parkplatz, der voller Privatautos und Touristenbusse war. In einem Laden kauften wir Eis, weil das auf Erwachsene eine beruhigende Wirkung ausubt. Wenn ein Jugendlicher einfach so unterwegs ist, wird von ihm irgendein Streich erwartet. Wenn er aber Eis schleckt, sieht man ihn als kleines Kind. Daher beeilten wir uns nicht mit dem Eis. Wir wickelten es nicht ganz aus, die Hullen hielten es ausreichend kalt und wir wurden damit eine ganze Stunde spazieren gehen konnen.
Um die Kuppel herum verlief ein hundert Meter breiter Sandstreifen, der an vielen Stellen durch Betonwege zerschnitten war. Das war offensichtlich eine Quarantanezone, damit keine Pflanzen von der Erde in die Kuppel gelangen konnten. Danach, hinter dem Sand, befand sich ein entsprechender Streifen grunen Rasens und dahinter grunten Baume, Hecken und Garten. Wir nahmen einen dieser Wege.
»Wir gehen rechts um die Kuppel herum«, teilte Natascha leise mit. »Da, bis zu diesem Park. Dort gibt es einen Trampelpfad, dem wir folgen, bis wir das Schild ›Privatbesitz‹ sehen, und biegen dann nach links ab. Wir gehen zum Bach, dann den Bach entlang bis zum Zaun. Um siebzehn null null wird die Alarmanlage an dem Teil des Zaunes, der zum Bach fuhrt, abgeschaltet sein. Um siebzehn Uhr zwolf mussen wir den Zaun uberwunden und uns in zwei Minuten einhundert Meter vom Zaun entfernt haben.«
»Ist dort offenes Gelande?«, fragte Lion.
»Ein Park«, erwiderte Natascha kurz. »Dann haben wir zehn Minuten Pause. Wir verstecken uns im Springbrunnen und lassen die Patrouille durch.«
»Was ist das fur ein Springbrunnen?«, interessierte ich mich.
»Woher soll ich das wissen? Elli meinte, dass wir den Springbrunnen sehen wurden. Wenn die Patrouille vorbeigegangen ist, rennen wir zur Villa, zum Diensteingang. Wir schleichen uns hinein und verstecken uns auf der ersten oder zweiten Etage. Das interne Alarmsystem ist auf Wunsch Bermannsabgeschaltet.ErhatAngstvor Uberwachungssystemen an sich. Schleppt sogar immer einen Storsender mit sich herum. Er ist selber schuld. Bermann und Tochter kommen gegen sieben oder acht Uhr abends. Dann beseitigen wir sie«, Nataschas Stimme blieb dabei unbewegt, »und warten dann bis einundzwanzig Uhr drei?ig, um auf demselben Wege zu verschwinden. Wenn wir uns an den Plan halten, gibt es keine Probleme. Ubernachten werden wir im Heim.«
»Vielleicht sollte man sich Eintrittskarten fur den Park kaufen?«, schlug ich vor. »Dann hatten wir ein Alibi…«
»Was denn fur ein Alibi? Wenn wir eine Eintrittskarte kaufen, vermerkt der Computer, wann wir reingehen und wann wir die Kuppel verlassen. Damit hatten wir eine gute Spur gelegt.«
»Wenn die Sache ruchbar wird, kann uns der Fahrer damit in Verbindung bringen«, meinte Lion. »Er wird uns verraten. Er ist doch hirnamputiert…«
»Elli hat gesagt, dass sich andere um den Fahrer kummern wurden«, schnitt ihm Natascha das Wort ab.
Ich erschrak.
»Was sagst du da?«
»Was du gehort hast!«
»Das war so nicht abgesprochen!«, schrie ich.
»Wir hatten gar nichts abgesprochen.« Nataschas Augen schauten zornig und wutend. »Es ist Krieg, Tikkirej, richtiger Krieg, verstehst du das?«
Ich verstand.
Wir selbst hatten ja auch nicht vor, mit Bermann und seiner Tochter zu plaudern und Tee zu trinken. Aber trotzdem… Dieser Oligarch wollte das Imperium verraten, der Fahrer war ein Hirnamputierter, ein Kranker, ein Unschuldiger.
»Es ist trotzdem nicht richtig«, meinte ich. »So etwas mussen wir nicht machen.«
»Aber anders wurde es nicht gehen«, erwiderte Natascha. »So ist es im Krieg, stimmt’s, Lion?«
Lion wandte sich ab und sagte nichts. Weder zu mir noch zu Natascha.
Ich fuhrte die Diskussion nicht weiter.
Wir gingen an der Kuppel entlang und schauten unwillkurlich auf die Welt hinter der durchsichtigen Wand. Dort wuchsen ungewohnlich aussehende Baume mit sehr dunklem Blattwerk und gefiederten ringformigen Stammen. Manchmal blitzte zwischen den Blattern etwas Grelles auf — sicherlich die Schmetterlinge, aber es
