gelang uns nicht, sie richtig zu betrachten. Ich fand, dass es sich lohnte, in den Park zu gehen. Wenn alles gut ausgegangen war.
Und was ware das im Klartext?
Wenn wir Bermann und seine Tochter getotet hatten?
Ich hatte am liebsten angefangen zu schluchzen, nicht zu weinen, sondern zu schluchzen wie ein kleines Kind. Man weint vor Leid, aber man schluchzt vor Hilflosigkeit.
»Die Wachen werden uns erschie?en«, sagte Natascha plotzlich. »Ich glaube nicht, dass bei Elli alles klargeht. Ich glaube es einfach nicht!«
Augenblicklich verschwand meine Unruhe. Und wirklich! Wie kam ich eigentlich darauf, dass wir uberhaupt an der Wache vorbeikommen wurden? Was uns das selbstgefallige Madchen Elli nicht alles versprochen hatte… Man wurde uns sicher nicht gleich erschie?en, wir wurden ja nicht gegen die Wache kampfen, aber wir wurden bestimmt verhaftet. Vielleicht war das sogar die beste Variante. Den Befehl wurden wir ausfuhren, aber wenn es uns nicht gelange, die Aufgabe zu losen, ware es nicht unsere Schuld. Sie waren selbst daran schuld und wurden in Zukunft solche Missionen nicht mehr Jugendlichen anvertrauen.
»Sei leise«, sagte ich. »Du machst Larm!«
Natascha schaute mich erstaunt an, argerte sich aber nicht. Schweigend folgten wir dem Pfad in die Tiefe des Parks. Hier war niemand, der Weg war zugewachsen, durch grauen Steinsplitt wuchs das Gras hindurch, bereits welk und gelb. Am Himmel zirpte ein unsichtbarer Vogel.
»Wie schon es ist…«, murmelte Lion leise. Ich storte ihn nicht in seinen Betrachtungen.
Das Hinweisschild »Privatbesitz« war alt, die Farbe blatterte bereits ab. Es stand exakt in der Mitte des Pfades auf einem niedrigen Betonsockel. Es gab sogar einen orangefarbenen Lampenkasten fur die nachtliche Beleuchtung der Aufschrift, aber sein Deckel war vor langer Zeit zerschlagen und die Gluhbirne herausgedreht worden. Wir gingen zum Schild, wechselten wie vorgeschrieben die Richtung und kamen zum Bach.
»Kann man an den Zaun herangehen?«, fragte ich.
»Nicht naher als zehn Meter«, erwiderte Natascha sofort.
Wir folgten dem Bach nur kurze Zeit und vor uns erschien der Zaun der Residenz. Kein sehr hoher, vielleicht anderthalb Meter, aus einzelnen grauen Betonplatten und von unten bereits mit Moos bewachsen. Die Platten waren gerippt, als ob sie absichtlich dazu einluden an ihnen hochzuklettern, doch uber dem Zaun verlief eine dunne blinkende Leitung — ein Bewegungsmelder. Die Baume standen fast unmittelbar neben dem Zaun, aber trotzdem nicht nahe genug, damit man ihn nicht von den Asten aus uberwinden konnte.
»Wir warten«, befahl Natascha.
Wir suchten uns einen Platz hinter den Strauchern, warteten und a?en dabei unser Eis auf. Natascha schaute die ganze Zeit auf die Uhr, dann nahm sie sie ab und legte sie vor sich hin. Lion schien am ruhigsten zu sein — schmatzend schleckte er das cremige Eis. Er a? langer als wir und schaute nicht auf die Uhr.
»Halten wir uns bereit«, sagte Natascha mit angespannter Stimme. »Minus eine Minute.«
Lion schluckte mit einem Mal den ganzen Rest hinunter, zerknullte die Hulle, warf sie in den Bach und wusch sich die Hande. Er ging in Startposition.
»Minus zwanzig Sekunden.« Natascha fuhr sich uber die Haare, sah uns an und bekreuzigte sich. Ihre Wangen waren gerotet wie vom Frost.
Ich war nicht aufgeregt. Uberhaupt nicht. Ich war davon uberzeugt, dass wir gleich verhaftet wurden und damit alles vorbei ware.
»Los!« Natascha sprang auf und rannte zum Zaun.
Aber Lion uberholte sie. Am Zaun ging er in die Knie und stutzte seine Hande gegen die Betonplatte. Natascha verstand, stieg auf seinen Rucken, zog sich hoch und sprang uber den Zaun. Ich folgte ihr, Lion achzte unter meinen Beinen, und ich sprang nicht hinuber, sondern legte mich flach auf die Oberkante, hielt mich mit den Beinen daran fest und streckte Lion meine Hand hin. Er ergriff sie, zog sich hoch und wir sprangen gemeinsam auf die andere Seite.
Wir befanden uns in einer anderen Welt!
Wahrend hinter dem Zaun ein verwilderter Park im warmen Herbstwind lag, kamen wir auf der anderen Seite wieder in den Sommer. Der Park war licht, gepflegt, durchzogen von sauberen Wegen. Sogar das Bachlein, das durch ein Gitter im Zaun floss, rauschte nicht mehr, sondern platscherte melodisch. Es war sehr warm, fast schon hei?, Schmetterlinge flatterten uber den Blumenbeeten, wenn auch nicht so gro?e und grelle wie innerhalb der Kuppel, aber immerhin… Hier gab es bestimmt eine lokale Klimatisation — eine sehr kostspielige Angelegenheit, aber seit wann kummerte sich eine Regierung um die Kosten?
Natascha schaute sich um und flusterte: »Vorwarts! Lauft!«
Wir sturzten nach vorn, ohne einen bestimmten Weg zu nehmen, mal uber Wege, die mit rauen Steinplatten gepflastert waren, mal einfach zwischen den Baumen hindurch. Mir schien es, als ob wir die hundert Meter in einer halben Minute hinter uns gebracht hatten, aber ein Springbrunnen war nicht zu sehen. Endlich zeigte Lion nach rechts und schrie:
»Dorthin!«
Ja, diesen Springbrunnen konnte man tatsachlich schwer ubersehen. Er war riesig: Das Becken hatte einen Durchmesser von rund zwanzig Metern und war bis zum Rand mit Wasser gefullt. Inmitten des Beckens stand eine Skulpturengruppe. Diese erschien recht sonderbar: Ein bronzener Gigant in einem altmodischen Raumanzug kampfte sich durch das Wasser, mit einer Hand schutzte er sein Gesicht vor den herunterfallenden Spritzern, in der anderen hielt er schussbereit einen Strahlenwerfer. Hinter ihm, aus einem Steinhaufen, folgte eine Menschenmenge, hauptsachlich Frauen und Kinder. Einige von ihnen waren vollstandig, andere teilweise aus dem Stein heraustretend gestaltet. Der Wasserstrahl an sich war nicht sehr hoch, vielleicht drei Meter, und kam aus ziemlich krummen Rohren. Klatschend schlug das Wasser gegen die Felsen.
»So ein Kitsch!«, rief Lion begeistert aus.
»Ins Wasserbecken!«, befahl Natascha. Wir wateten durch das Wasser und standen bald zwischen den mit Moos bewachsenen, kuhlen Bronzefiguren, die nass vom Wassernebel waren.
Natascha entschied: »Hier warten wir.«
Es war lustig, zwischen den Skulpturen zu stehen. Ich beruhrte die Hand eines Bronzemadchens, das voller Hoffnung mit blinden Augenhohlen auf den Riesen schaute.
Ich fragte: »Was sind das denn fur Figuren?«
Natascha winkte ab, aber nach einer Minute antwortete sie doch: »Das ist zum Gedenken an die erste Landung. Eines der Landeboote zerschellte damals im Dschungel, aber ein unverletzt gebliebener Pilot brachte fast alle Passagiere in die Zivilisation zuruck.«
»Aha, das bedeutet, der Wasserstrahl versinnbildlicht den Brennstoff, der aus den Tanks stromt«, kicherte Lion. Die Skulpturen gefielen ihm ganz offensichtlich nicht.
»Leise!«, zischte Natascha und druckte sich an die Steine. Wir verstummten und drangten uns tiefer zwischen die Bronzefiguren. Nach einer Minute erschien die Patrouille auf dem Weg — zwei Manner und eine Frau.
Wenn mir der Bronzepilot wie ein Riese vorkam, dann standen ihm die Wachleute in nichts nach. Nur dass sie an Stelle des alten Raumanzuges eine leichte Kampfpanzerung aus Keramik trugen. Der Bildschirm an den Helmen war ausgeschaltet, die Waffe steckte im Halfter — augenscheinlich erwarteten sie keine Uberraschungen.
Die Frau war ohne jegliche Panzerung und ohne Waffe, trug ein gewohnliches Kleid und Sandalen und hielt eine kleine Plastikreisetasche in der Hand.
In unserem Versteck horten wir einen Gesprachsfetzen: »Also werden wir weiter unterwegs sein. Solange die neue Linie nicht gelegt wird«, regte sich die Frau auf. Mir schien, dass sie nicht hirnamputiert war, sie hatte eine zu lebhafte Stimme.
»Er hat blo? Angst davor, ein uberflussiges Papier zu unterschreiben!«, wurde die Frau von einem der Wachmanner unterstutzt. »Er hat Angst, dass man sich an ihn erinnert und ihn pensioniert.«
»Ich werde eine Meldung schreiben«, schimpfte die Frau weiter. »Wie lange soll das noch so weitergehen, jeden Tag Pannen…«
Sie unterhielten sich und liefen langsam in Richtung des Zaunes, uber den wir gesprungen waren. Auf den Springbrunnen achteten sie nicht. Natascha wartete, bis die Gestalten zwischen den Baumen verschwunden und die Stimmen ganz verklungen waren, danach wandte sie sich an uns:
